Grenzen verschoben

Ab und an und immer seltener schalte ich meine Spielekonsole an und versuche eine wenig Zeit zu vernichten.
Es gelingt, mehr oder weniger erfolgreich.
Die Mittel der Wahl, sprich die Spiele sind entweder geistlose Autorennen oder das fürchterlich gute Grand Theft Auto 4, kurz GTA4.

Ein Spiel, dass den Aufstieg eines kleinen Einwanderers zum Gangsterboss beschreibt. Ein wenig wie Scarface, ohne Kokain und Kubanerkonflikt, aber ähnlich brutal und genauso schillernd.
Ich spiele diesen Typen. Er ist nicht so durchgeknallt wie Tony Montana, aber ebenso gewaltbereit.
Neben all den „Missionen“, die man durchlaufen muss, in seiner Karriere, gibt es Allerlei unterhaltsames, was man unternehmen darf.
Stripclub, Straßenstrich, Autorennen oder einfach ein Auto klauen, ich mein‘, wer hat das noch nicht getan, um ein wenig durch die Stadt cruisen.

Der unterhaltsame Teil dabei ist das Autoradio: Etliche Radiostationen enthalten ein buntes Potpourri von Stilen: sanfter Jazz, Hard Rock, Russenpop, Ambient.
Es gibt einen Sender, der von DEM Karl Lagerfeld moderiert wird. Freilich, nur einige Phrasen, aber es ist Karl und ich finde das cool.

So fahre ich kreuz und quer durch die Stadt, gelegentlich ertappe ich mich dabei, dass ich bei einer roten Ampel anhalte, lache dann, gebe Gas und höre Musik.
Schaue den Tageszeiten zu, wie sie vorbeiziehen, schneller als in echt, gerade deshalb stimmungsvoll.
Gelegentlich drück‘ ich aufs Gas, die Menschenmengen können dann nur noch schwer bis gar nicht ausweichen. Wer es überlebt ruft mir Unflätiges hinterher. Zu Recht.

Ich habe ein Appartement, am Anfang schäbig, später, wenn ich kriminell genug war, ein schönes Penthaus.
Beide haben den obligatorischen Fernseher gemein und Rockstar, der Spieleentwickler hat sich die Mühe gemacht, Stunden von Fernsehprogramm und Werbeclips zu programmieren, die bei Bedarf geguckt werden können.
Werbeclips voller Sarkasmus, echte und funktionierende Medien- und Gesellschaftskritik. Dafür mag ich das Spiel. Es funktioniert auf vielen Ebenen.

Nur um es zu verdeutlichen: Ich spiele ein Konsolenspiel, in dem ich einen Typen vor den Fernseher hocke und ihm beim Fernsehen schauen zugucke.
Schau, wie weit ich es gebracht habe.

Ab und an tauche ich ein in diese Welt, spiele eine halbe Stunde, mal mehr mal weniger. Es ist ok. Man muss auch mal Amok laufen dürfen. Im Spiel.
Für Manches bin sogar ich schon alt genug, fast 48. Ich bekomme die Kurve, noch kann ich zwischen Spiel und Wirklichkeit ganz gut unterscheiden.

Ich gehe selten raus, schlage Scheiben von Autos ein, schließe Zündungen kurz und rase durch Fußgängerzonen. Gut so.
Im Spiel gönne ich mir das. Die Gedanken sind frei und manchmal werden sie Realität.
Im Spiel.

Ich mag die Freiheit in dem Spiel. Die Grenzen hier sind verschoben. Weit weit nach hinten.

GTA4 ist ab 18. Sollte Kindern definitiv nicht zugänglich gemacht werden.
Mir ist es ein Rätsel, weshalb das Spiel und viele andere auch, überhaupt in den Handel gebracht werden dürfen.

Noch bedenklicher finde ich, dass es Kindern möglich ist, das Spiel zu erwerben. Ohne Probleme.
Bei unserem Haus und Hof Lieferanten amazon.de.
Nein, es ist nicht auf dem direkten Weg möglich. Da muss amazon, wie jeder Händler auch, die Postzustellung im Postidentverfahren, sprich Ausweiskontrolle anbieten. Da kann amazon nicht anders.
Ich kenne zwar den psychischen Unterschied zwischen einem 17 und 18jährigen nicht, aber gut, die Gesetzgebung musste einen Wert festlegen.
Früher war es 21.
Bis 1975 wurde das so gehalten. Nicht die schlechteste Idee.
Leben in 7er Schritten.

Zurück zu der kleinen amazon Lücke, die es Kindern ermöglicht an Inhalte zu gelangen, die bewusst nicht für sie frei gegeben sind.
Eine Lücke an der amazon genau so vortrefflich verdient, wie am eigentlichen Geschäft. Ich würde vermuten, sogar besser, weil amazon sich nicht mehr um den Versand kümmern muss, sondern nur noch die Abwicklungsplattform ist.
Der amazon Gebrauchtverkauf. Nicht der Gewerbliche, der ist an das Gesetz gebunden und muss ebenfalls das Postidentverfahren anwenden. Gut zu erkennen an den fünf Euro Versandpauschale.
Bildschirmfoto 2013-09-01 um 07.17.27

Ich habe diese Lücke noch nie verstanden.
Warum ist das möglich? Anonym und definitiv nicht volljährig an solche Spiele oder DVDs zu kommen? Gibt es noch Bücher, die ab 18 sind?
Zyniker der ich bin, lauert da keine Gefahr für die Kinder. Ich mein‘, wird noch so viel gelesen? Gut, dass ist ein anderes Thema. Nur so viel: Bei Poetry Slam geht mir das Herz auf, freue ich mich, dass Schrift und Sprache noch gepflegt werden.

Der Spieleentwickler Rockstar hat einige Jahre am Nachfolger GTA 5 gebastelt. Er kommt am 17. September in die Geschäfte.
Es ist ein großer Wurf.
Ich habe mir einige Trailer angesehen, Spielszenen und Vorabtests.
Im Grunde ist es ein technisch fortgeschrittener Aufguss des vierten Teils.
Erweitert um eine Online Komponente.
Hier fängt es nun an gruslig zu werden.
GTA 5 wird es ermöglichen, dass mehrere Spieler miteinander einen Banküberfall durchführen, gemeinsam ein kleines Geschäft ausrauben. Gemeinsam dürfen wir eine Tankstelle (schön, laut, bunt, nicht wahr?) oder irgend ein anderes Gebäude in die Luft sprengen, böse Menschen liquidieren.
Wir dürfen uns online mit einem Headset absprechen. Einer steht Schmiere, gibt Rückendeckung, Zwei gehen vor und erledigen die Sache. Cool, nicht wahr?

Und das alles nicht in einer Welt voller Drachen und Dämonen, Zwergen und Elfen.
Nicht in einer Phantasiewelt, sondern in einer Karikatur unserer Welt.

Einer Welt, die wir aus zahllosen Serien wie Dexter, oder Breaking Bad kennen.
Serien, in denen wir psychopathischen Massenmördern oder Methköchen bei ihrer Arbeit zusehen und uns bestens darüber amüsieren. Die Einschaltquote lügt nicht.

Videospiele waren und sind gut. Sie können Spaß machen. Nintendo hat erfolgreich gezeigt, wie Spielspaß funktioniert. Ich steh‘ darauf mit lustigen Pilzkopftypen durch irre und bunte Spielwelten zu hüpfen. Es ist ok. Ich bin noch 47. Ich darf das.
Das dürfen auch Kinder und Jugendliche.
Mit einsetzender Pubertät, mit dem Druck mitreden zu wollen und zu müssen, verschiebt sich sich etwas in der Spielewelt. Lustige Jump and Run Spiele werden durch so etwas wie GTA ersetzt.
Mir macht das Angst, als Kind, dass mit Cowboy und Indianer Spiel im Innenhof unserer Siedlung aufgewachsen ist, dessen äusserstes Abenteuer ein Autowrack war, in das wir gelegentlich geklettert sind, um durch die Gegend zu fahren. Mit abmontierten Rädern, auf der Stelle. Hauptsache, ich durfte am Lenkrad drehen.

Ist alles gut, bloß weil es nun möglich ist?
Wo ist die Kontrolle?
Wer übernimmt die Verantwortung?
Wer greift ein?
Warum gehe ich in ein paar Wochen wählen, wenn ich mich selbst um alles kümmern soll?
Wozu bezahle ich Steuern? Wozu gleich noch mal?
Ich habe es vergessen.
Sorry.

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