Über das Lesen, über das Schreiben

Da gab es diese Zeit, da waren sie mir wichtig.
Da wollte ich sie besitzen und einfach nur anschauen.
Durchblättern und mich an ihnen erfreuen.

Meine alten Bücher, wahllos vom Flohmarkt zusammengekauft.
Es steckte nie Sinn im Erwerb dahinter, mir war klar, dass ich sie nicht lesen würde.
Sie konnten mir nur die eine Geschichte erzählen.
Das sie alt sind.
Nicht mehr.
Ich habe sie vor dem Container bewahrt.
Nicht mehr.
Sie liegen herum, auf meinem Sekretär, kleine Stapel.

Ein wenig bewundere ich sie für ihr Alter.
Vergilbt, in altdeutschen Lettern gesetzt.
Schwer für das ungeübte Auge zu lesen.

Einmal dachte ich, eines der Bücher, ein riesiges Ding, könnte mir von Nutzen sein.
Es ist ein Kompendium über sämtliche Heilige der katholischen Kirche.
1880 verzeichnet das Impressum.
Kaum eines der Meinen, dass älter ist.
Und wie ich annahm, voller Weisheit, voller Wissen.

Früher war das geschriebene Wort selbst mir heilig, nicht in Zweifel zu ziehen, schwarz auf weiß.
Da stand Wahrhaftigkeit. Ob in Büchern, Zeitungen oder Magazinen.

Von dem Glauben bin ich schon lange abgefallen.
Der Zweifler in mir, hier darf er die Oberhand gewinnen, hier muss er sein.

Keinen Text, den ich lese, bei der ich nicht an der Motivation, der Gesinnung des Autors zweifle.
Cui bono, allerortens.

Ein kleiner Verlag, für den ich tätig war, nur ein regionaler Zeitungsverlag.
Ich optimierte Arbeitsabläufe, tauchte ein in die Abläufe, entsponn Geflechte, spann neue.
Anfang dreissig und voller Enthusiasmus, noch im Glauben an das geschriebene Wort, und war es „nur“ das des Lokalredakteurs.

War noch im Glauben, dass dort wo geschrieben wurde, immer auch etwas heiliges war.
Das nicht Schindluder getrieben wurde.
Am späteren Nachmittag dann, der Verleger, er war selbst noch in die Arbeit involviert. Es war ein kleiner Verlag.
Lief freudig rufend durch die kleine Redaktion, in der ich am Optimieren war.
«Werft einen Text raus, wurscht welcher, ich hab noch eine Anzeige verkauft, eine Viertelseite!»
Für mich ein ernüchternder Moment, da fiel ein Monument und ich vom Glauben ab.
Die Illusion zerplatzte, Lokalblatt hin oder her, hier wurde der Kommerz über den Inhalt gestellt.
Ja, lach, Du LeserIn. Ich war damals so naiv, an den Wert des Wortes zu glauben.
Danach nicht mehr.

Und so habe ich damals, viel später auch einem Wort geglaubt.
Dem Wort an die Heiligkeit eines Namens.
Deines Namens.
Ich habe ihn gesucht in diesem alten Buch, dem Buch über die Heiligen.
Ich habe ihn nicht gefunden, nicht im Durchblättern der mehr als tausend Seiten, nicht im Anhang, nicht im Inhaltsverzeichnis.
Warum sollte ein Name wie Deiner verschwiegen sein, außer es befindet sich keine Heiligkeit darin.
Ein gewöhnlicher Name, wie meiner einer ist, so auch deiner.
Soll ich glauben, dass schon damals 1880 ein Geflecht aus Gewinnsucht und Eigensinn den Namen nicht erwähnte?
Oder ist die Wahrheit einfacher?
Nicht heilig.

Geschriebenes verfolgt noch immer Ziele, will als wahrhaftig betrachtet werden.
Nicht geschriebenes spricht auch eine Sprache.
Manchmal eine Deutliche.

Nicht geschriebene Worte sind, zum richtigen Zeitpunkt, nicht notiert oder getippt, eine Qual.
Das Starren auf den leeren Schirm. Dort wo Worte stehen sollten, ist nur weiß.
Das nicht geschriebene Wort hat Macht.
Kann Wahrheit sprechen.

Eine Idee!
Vielleicht veröffentliche ich den nächsten Text, der voller Wahrheit und Offenbarung sein wird, einfach nicht.
Spreche die absolute Wahrheit aus.
Tippe ihn weiß auf weiß.

Buch der Heiligen
Buch der Heiligen

6 Gedanken zu “Über das Lesen, über das Schreiben

  1. Es hat sich bis heute nichts daran geändert, dass für die meisten Menschen genau das wahr ist, was schwarz auf weiß gedruckt wurde. Dass das allerdings der Fantasie, großzügig ausgelegten Fakten oder der Zensur unterliegen könnte, wird kaum in Betracht gezogen (und ist wahrscheinlich viel zu oft die Wahrheit).
    Erst kürzlich erlebte ich es selbst. Ich war auf einer großen Veranstaltung, für die später ein Presseartikel herausgegeben wurde. Dieser Presseartikel hatte nichts mit der Wirklichkeit zu tun und verzerrte jede einzelne Tatsache – natürlich zum Positiven, damit XY gut dasteht.

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    • Im Verlagsgebäude der Süddeutschen Zeitung, dass früher in der Innenstadt war, lief den ganzen Tag ein Nachrichtenticker.
      Das Ding war wie eine alte Schreibmaschine mit Endlospapier.
      Da wurden Agenturmeldungen ausgegeben, unzensiert…
      Was da lief wurde aus meiner Sicht nur verändert, wenn neue Fakten vorlagen, im Sinne von Präzisierungen…
      Das kam mir sehr echt vor.
      Das ist lange her….

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  2. es müßte ein Diskurs angefacht werden über Wahrheit, was ist Wahrheit, gibt es eine echte Wahrheit….und das liegt auch dem journalistischem Schreiben zugrunde….es gibt kein objektives Schreiben….das ist immer subjektiv empfunden…..das Wort selber kann ja verschiedene Deutungsebenen haben…das ist ja das Wunderbare an Sprache und der Schreiber glaubt, daß es so gelesen wird, wie er es niedergeschrieben hat, jedoch der Leser denkt etwas ganz anderes……
    Die damalige Wahrheit in alten Folianten und Büchern ist heute oft überholt und trotzdem kann es wichtig sein, sich damit auseinanderzusetzen, was wurde damals als wahr empfunden.
    Das Leben der Heiligen…..ist es denn wahr, daß sie überhaupt heilig sind? -:))))
    weiß in weiß zu schreiben….ist reines Denken…..schwarz auf weiß….das ist immer noch wichtig!

    nachdenkliche Grüße von einer Zufallsstöberin hier im Blog

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    • Wahrheit.
      Das ist schwere Kost.
      Wahrheit ist subjektiv. Ist das wahr?

      Gibt es absolute Wahrheit?
      Basiert nicht jede Wahrheit auf einen vereinbarten Raum,
      in dem Realität stattfindet und als diese akzeptiert wird?

      So vieles, dass Wahrheit sein kann, der Blick in den Spiegel,
      der Blick in die Augen des geliebten Menschens.

      Mir schwirrt der Kopf.

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