Der Regen

Sie liefen durch den Regen, der nicht enden wollte.

Kein schönes Bild der Zweisamkeit, dass sie abgaben, hier wurde nur nach Schutz und Unterstand gesucht, in Etappen gestorben, wenn der Regen auf ihre Haut traf.

Seit nunmehr 74 Tagen regnete es ohne Pause.
Alles hatte sich geändert. Ohne Ausnahme.

Aus Liebenden wurden Fressfeinde.
Was für die Ewigkeit gebunden wurde, zerbrach in Windeseile, wenn Magen und Kühlschrank leer war.
Ein Kühlschrank ohne Strom beschleunigt den persönlichen Verfall.

Wenn sie Gruppen trafen, dann versteckt, in Sicherheit gebracht, auf dem Boden kauernd, hinter Stämmen verborgen.
Kein Wunsch, zu ihnen zu stoßen, ein Gespräch zu führen keimte auf.
Die Gruppen waren die Schlimmsten, sie hatte ihre Wahl getroffen, das menschliche abgelegt.
Die Gruppen jagten. Mit Erfolg.

Selten hörten sie den anderen, wenn es zu einem Sichtkontakt kam.
Der Regen packte alles in ein Rauschen, die Schuhe, die stapfend durchs Nass wateten, die eng anliegende alles dämpfende Kopfbedeckung, die so wenig als möglich frei gab.

Was mit dem Regenwasser geschehen war, war nicht klar, vor allem was die Herkunft, den hohen Anteil an Natron, der das Wasser zur Lauge verwandelte, betraf.
Freilich keine konzentrierte Lösung, die sofort einen Effekt hatte.
Die Haut reagierte, wurde warm, mehr nicht. Wenn man klug genug war, diesen Reiz wahrzunehmen, so war der Hautkontakt ohne Folge.
Wenn man sich abtrocknete.

Am Anfang, der von niemandem ernst genommen wurde, war es schlimmsten.
Die Verätzungen grauenhaft, Gesichter, Häupter, Hände auf immer verloren, verätzt, verwaschen.

Regenschirme gab es nach wenigen Tagen nicht mehr.
Als der Regen nicht nachließ, die Straßen und Häuser flutete, kaum nach ablief, war ein Regenschirm nicht mehr wichtig.

Trinkwasser war ein Thema, war urplötzlich das Thema.
Wasser fiel vom Himmel und brachte den Tod, von außen und von innen.
Sie waren umgeben, wie auf einem Meer von tödlicher Substanz, mussten vor dem Regen fliehen.

Ein Weg, den täglichen Bedarf an Flüssigkeit zu decken, war die Neutralisation.
Apotheken und Baumärkte wurden die beliebtesten Ziele der Plünderer.
Gefolgt von Bekleidungsläden und Schuhgeschäften.
Die Supermärkte waren so schnell leer gefressen, sie bedürfen keiner Erwähnung.

Früher, vor nicht 75 Tagen, stand auf Weinkarten, die in feinen Restaurants auslagen, eine kleine Markierungen, mit Stempel aufgebracht, die besagte, dass dieser oder jener teure Wein nicht mehr auf Lager war.
Die Markierung besagte „ausgetrunken“
In Abwandlung hätte man „leergefressen“ auf die Mauern der verwaisten Supermärkte schreiben können.

Alle Teile der Geschichte:

„Der Regen“
„Der Regen – Wie es begann“
„Teil 3 – Der Regen“
„Teil 4 – Der Regen“
„Der Regen – Tag 8“
„Teil 5 – Der Regen – Die Zuflucht“
„Teil 6 – Der Regen – Hunger“
„Teil 7 – Der Regen – Konfrontation“
„Teil 8 – Der Regen – Bilder aus der Vergangenheit“
„Teil 9 – Der Regen – letzte Wege“

 

kaltes Nass

 

Anmerkung des Autors:
«Der Regen» ist so eines dieser Gedankendinger, die vor einer halben Stunde noch nicht einmal existiert haben.
Von dem ich auch nicht weiß, ob und wie er weiter geht.
Vielleicht mach‘ ich es ein wenig vom Feedback abhängig und ganz bestimmt davon, ob mir noch etwas einfällt.
Auf sicher ist es Unsinn, zu versuchen, diese Brühe zu neutralisieren, aber ich möchte in dem Glauben weiter schreiben, wenn ich weiter schreibe, dass es zumindest eine Chance gibt, dass fürchterliche Nass in etwas Trinkbares zu verwandeln.

16 Gedanken zu “Der Regen

  1. Apokalypse, von der wir glauben, sie sei noch in weite Ferne gerückt, wir fühlen uns immer noch in Sicherheit…sind WIR ja auch, was kümmern uns unsere Nachkommen….war doch immer so……
    Cormac McCarthy hat in seinem Roman die straße auch so einen apokalyptschen Zustand beschrieben, die nur noch von Zombies und ansonsten entmenschtliche Welt, in der ein Vater mit seinem Sohn versuchen, das oder die Guten zu finden.

    Diese Idee mit den Zweien unter dem Regenschirm…immerhin sind sie noch in diesem Augenblick gemeinsam beschirmt… bitte weiterspinnen…..Kreativität entwickeln für ihr Überleben… nicht ihre Ausrottung…. die Leute aufrütteln aus ihrer Trägheit…..
    Abenteuer des (Über-)lebens……

    Regen (geistig) bringt Segen -:)))

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    • Cormac McCarthy, das Stakkato seiner Worte.
      Das war eine Tour de Force…
      Erbärmlich und Bedrohlich.
      Dort, wo Kleinigkeiten plötzlich riesig werden…

      Mal sehen, wo es die beiden hinführt, immerhin, noch ist der Hunger unter Kontrolle, noch…

      danke für deine Worte 🙂

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  2. Bei dem Stichwort Regen fallen mir spontan zwei Texte ein, die Kurzgeschichte Ray Bradburys, die auf einem Planeten spielt, auf dem es unaufhörlich regnet und einen kurzen Text aus den Chroniken von Lobo Antunes, in dem sich zwei scheinbar sehr einsame Menschen nur nahekommen, wenn es regnet. Die Fotos sind schön. Und beim Regen liegt doch in jedem Tropfen eine kleine Geschichte, oder?

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    • An der Stelle mag ich auch noch mal darauf hinweisen, dass diese Geschichte aus mehreren Teilen besteht.
      Ich habe mir erlaubt, endlich in die Texte die Verweise auf die anderen Teile zu verlinken.

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  3. Ich bin über die Lichtbildwerkerin bei dir und diesem Text gelandet. Wow, danke dafür. Mich wird er noch eine ganze Zeit begleiten. Erinnert mich an Jose Saramago…. (kennst du? Wenn nicht, mal lesen….)
    Lg,
    Werner

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  4. Vielversprechender Anfang, vor allen Dingen in Kombination mit der Anmerkung des Autors…und man kann hintereinander weglesen und muss nicht erst lange auf die Fortsetzung warten….schön, dass es Wochenende ist…
    Birgit Marienthal, Wederwill-Team

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