Teil 5 – Der Regen – Die Zuflucht

Sie wussten, dass es nur wenige Kilometer waren.
Ein Haus, leer stehend, verfallen, war ihr Ziel.
Verbunden mit der Hoffnung, dass der alte Bau, mitten im Wald, in Vergessenheit geraten war.

Es wäre kein Unterschlupf auf Zeit, jedoch ein Ort, der für ein paar Tage ein Ort des Zusichkommens, des Trocknens und des Schlafes sein könnte.

Freilich, der Schlaf nur im Wechsel.
Wenn sie sich eng genug aneinander kauern würden, könnten sie sich wärmen.
Eine unvorstellbar verlockende Vorstellung.

Sämtliche Lust war aus ihnen gewichen, Liebende, die sie waren.
Einst waren.
Die Gier nach Haut war der Gier nach Essbarem und klarem Getränk gewichen, nach Schutz und Unterstand.
Sie waren ausgemergelt, Haut und Knochen.
Fülle, rund und weich waren dem Ausgezehrten gewichen.

Auch wenn das Haus noch so ablegen war, sie würden sämtliche Türen und Fenster im Parterre verrammeln müssen.
Die Hunde, vor kurzem noch mehr oder weniger zahme Haustiere, sie rotteten sich zu Meuten zusammen, machten Jagd.
Katzen, Schafe, Lämmer, Herrchen und Frauchen.. Alles nur Fleisch bis morgen. Es gab keine Unterschiede mehr.

Sie schlichen weiter, dem Haus entgegen.
Horchten, horchten so sehr.
Die Augen aufgerissen, das Brennen durchlitten und nun Gewohnheit.
Sahen nach vorne, sahen zurück, versuchten Bewegungen zu erhaschen.
Waren ohne Erfolg, sie waren alleine, endlich.
Hatten genug Abstand zwischen sich und die anderen gebracht.

Das Haus, eine Ruine, aber ein Dach, vielleicht, mit etwas Glück noch dicht.
Im Haus dann keine Spuren, die auf kürzlichen Besuch schließen ließen.
Keine durchgelegenen Matratzen, leere Flaschen, Dosen. Das Fehlen war gut.

Das Messer, aufgeklappt, scharf in der einen Hand, die Dynamolampe, funzelig im besten Fall, in der anderen Hand.
Ins Haus.
Leise. Das Rauschen ließ nach, zum ersten Mal seit Tagen, die Kapuze leise zurückgezogen.
Sie schlichen ins Haus, hatten Angst, sich aufzuteilen, einer sollte an der Tür bleiben. Sollte.
Sie hatten nur eine scharfe Waffe.
Sie trauten sich nicht, sich zu trennen. Gingen tiefer ins Haus hinein, brauchten Gewissheit.
Es durfte niemand im Haus sein. Es musste leer sein. Nur dann war es sicher.
Die Treppen hinauf, eine Holztreppe.
Spätestens jetzt hätten sie auch hoch trampeln können, so viel Lärm, wie der Weg nach oben verursachte.
Wenn sie wo lauerten, dann oben.

Keine Spur. Das Haus war leer.
Manchmal ist das Leben besser und schlimmer zugleich wie Videospiele. Je nach dem.
Sie durchlebten schlimmeren Schrecken als in den guten alten Zeiten des passiven Genusses…

Das hier war echt und tolerierte nichts. Selbst Kratzer konnten zu Katastrophen werden.
Schusswunden waren lächerlich final, idiotisches Herumgekrieche nach einem Schuss ins Bein sah im Film unterhaltsam aus, in Wirklichkeit war einfach Schluss. Der Körper verfiel in Schock und die Umgebung, die Jäger, das Nass, die Hunde taten ihr Werk.

Das Haus war leer.
Das war nun sicher. Noch einmal schlichen sie runter.
Durchsuchten still und erneut den Parterre nach Eindringlingen, suchten nach Latten, Mobiliar, alles was ihnen beim Verrammeln dienlich sein konnte.
Bemerkten Fensterläden, eine kleine Hilfe.. Und Einladung für Passanten und Jäger, so sie verschlossen waren.
Abmontieren, auf das Spiegeln der Scheiben, so noch vorhanden, hoffen und mit den Läden die Fensteröffnungen von innen verrammeln.
Ungeschickt, derartige Arbeiten nicht gewohnt, brauchten sie ewig, bis das Erdgeschoss einigermaßen dicht war. Schoben einige Pflastersteine, die sie aus einem Gartenweg herausgebrochen hatten von innen gegen die Tür.
Die Steine würden hörbar Widerstand leisten, mehr nicht, aber dennoch nützlich.

Sie kauerten aneinander, trauten sich nicht, die nassen Sachen auszuziehen.
Nackt zu fliehen war noch grausamer als erwischt zu werden.
Wechselten sich ab im Schlaf, wärmten sich, kleine Momente der Erholung.
Fielen in tiefen Schlaf. Beide.

 

 

Alle Teile der Geschichte:

„Der Regen“
„Der Regen – Wie es begann“
„Teil 3 – Der Regen“
„Teil 4 – Der Regen“
„Der Regen – Tag 8“
„Teil 5 – Der Regen – Die Zuflucht“
„Teil 6 – Der Regen – Hunger“
„Teil 7 – Der Regen – Konfrontation“
„Teil 8 – Der Regen – Bilder aus der Vergangenheit“
„Teil 9 – Der Regen – letzte Wege“

 

Anmerkung des Autors:
«Der Regen» ist so eines dieser Gedankendinger, die vor einer halben Stunde noch nicht einmal existiert haben.
Von dem ich auch nicht weiß, ob und wie er weiter geht.
Vielleicht mach‘ ich es ein wenig vom Feedback abhängig und ganz bestimmt davon, ob mir noch etwas einfällt.
Appetit auf mehr?

Song: The Sisters of Mercy : „Gimme Shelter“ – B Seite – Temple of Love Maxisingle

Oh, see the storm is threatening
My very life today
If I don’t get some shelter
Yeah, I’m gonna fade away

War, children
It’s just a kiss away
It’s just a kiss away
Yeah

Oh, see the fire is sweeping
Down through the streets today
Burning like a bright red carpet
Another fool who lost the way

Rape. murder.
It’s just a kiss away
It’s just a kiss away
Yeah

2 Gedanken zu “Teil 5 – Der Regen – Die Zuflucht

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