Teil 7 – Der Regen – Konfrontation

Er war erbärmlich schlecht gekleidet.
Zu viele Stellen, die aufgerissen, abgefetzt und vor allem durchlässig waren.

Das Regenwasser hatte ihn fast aufgelöst.
Die Haut auf den Händen und in seinem Gesicht würde selbst Dermatologen aufstöhnen lassen. Kein schöner Anblick.
Nicht die Hände, nicht die Augen, der ganze Typ war eine durch und durch armselige Erscheinung.
Mit einem Messer.

Er ruderte vor ihnen herum, lächerlich und bedrohlich zugleich.
Wo er war, konnten auch noch andere sein.
Vielleicht hatten die Anderen ihn vorgeschickt, zu sondieren, ob die beiden eine echte Gefahr darstellten.
Vielleicht war er alleine. Es war nicht einzuschätzen.

Die letzten Wochen hatten sie hart gemacht.
Mitleid war Luxus, wenn man selbst nur noch Haut und Knochen war, wenn die letzte richtige und ausgewogene Mahlzeit Monate her war. Wenn nichts mehr übrig war.

Die Gesichter, verhärtet standen sie sich gegenüber. Sie konnten die armselige Gestalt nicht einfach umgehen, ihn stehenlassen, wie sie früher einfach achtlos an Obdachlosen vorbeigegangen waren.
Das Gesetz der Straße.
Niemand wird zurückgelassen. Neu interpretiert. Nicht zurücklassen bedeutete beseitigen.
Würden sie ihn jetzt stehenlassen, hätten sie keine ruhige Minuten mehr.
Er würde sie einholen, wieder und wieder.
Es gab nichts zu teilen. Den Tod vielleicht.

Es musste schnell gehen und wenn irgend möglich, lautlos.
Sie stießen ihn um, Haut und Knochen, kein Gewicht.
Wie konnte er sich nur noch auf den Beinen halten? Zäh.
Stiegen auf die Hand, dass noch immer das Messer hielt, wichen den Bissen aus.
Schlugen auf den Kopf, immer auf den Kopf.
Schlugen und würgten.
Erbrachen und schlugen bis es vorbei war. Bis Ruhe in den zerschundenen Körper gekehrt war.

Der Mann, ein Nachbar, ein namenloses Gegenüber in der Bahn, Gesicht in der Menge, einst wohlgenährt und satt.
Der Mann, nun nur noch leere Hülle, mit wertlosen Dingen an sich.
War tot.
Endlich.

Begraben war nicht einmal ein Gedanke. Zuviel Aufwand, zu wenig Kraft.
Sie mussten ihn liegen lassen, in ein nahes Gebüsch gezerrt.
So schnell als möglich weiter kommen.

Nach dem Erbrechen waren nur noch Bissen übrig, nichts was lange vorhalten würde.
Sie mussten weiter, bevor andere des Weges kamen, nun entkräftet noch vorsichtiger und auf noch umständlicheren Wegen an ihr Ziel.

In Luftlinie wenige Kilometer, durch die Überschwemmungen und das viele freie Land zwischen ihnen und dem nächsten Wald, den sie erreichen mussten, eine um ein Vielfaches höhere Wegstrecke.

2 Liter Wasser und leere Mägen.
Angst.
Keine Kraft.
Wut.
Verzweiflung.

 

 

Alle Teile der Geschichte:

„Der Regen“
„Der Regen – Wie es begann“
„Teil 3 – Der Regen“
„Teil 4 – Der Regen“
„Der Regen – Tag 8“
„Teil 5 – Der Regen – Die Zuflucht“
„Teil 6 – Der Regen – Hunger“
„Teil 7 – Der Regen – Konfrontation“
„Teil 8 – Der Regen – Bilder aus der Vergangenheit“
„Teil 9 – Der Regen – letzte Wege“

 

Anmerkung des Autors:
«Der Regen» ist so eines dieser Gedankendinger, die vor einer halben Stunde noch nicht einmal existiert haben.
Von dem ich auch nicht weiß, ob und wie er weiter geht.
Vielleicht mach‘ ich es ein wenig vom Feedback abhängig und ganz bestimmt davon, ob mir noch etwas einfällt.

«Nein, die Jacke brauch‘ ich nicht, das Wetter sieht doch gut aus.»

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