Teil 9 – Der Regen – letzte Wege

Der Weg war schon beschwerlich genug. Ohne Hunger. Ohne das ewig brennende Nass, dass auf sie herabregnete. Sie auskühlte, verzehrte, langsam verbrannte.
Am Tag kletterten sie auf Laubbäume, hoch hinauf, suchten sich breite Astgabeln, fixierten sich und versuchten zu schlafen.
Der Herbst hatte die Blätter noch nicht von den Ästen geraubt.

Schutz vor dem Regen, Schutz vor dem Gesehen werden.
Trotzdem nur wenig tröstlich.
Schmerzhalfter Schlaf und der schlimmste Moment, immer dann, wenn sie sich wieder bewegen mussten.
Wenn sie ihren Körpern die Bewegungen abringen mussten, die so schmerzhaft und kräftezehrend waren.

Sie waren angezählt und zerschlissen, wie die Kleidung, die sie trugen.
Die Hoffnung, sie schwand, Tag für Tag und in der Nacht, wenn sie langsam voranschlichen.
Der Hunger bohrend, der Durst noch schlimmer.

Das Haus, ihr Ziel, noch immer ihr Ziel. Es war abgelegen, gehörte einem ehemaligen Arbeitskollegen, der die ersten Wochen, nach dem Zusammenbruch der Ordnung nicht überlebte.
Einen Outdoorladen zu besitzen war stets sein größter Traum, all‘ die praktischen Gegenstände, und Bekleidungsstücke…
Viele seiner Freunde scherzten oft, er würde am längsten überleben, der große Eremit im Outdoorgewand, mit Campingkocher und Jagdmesser.
Er hatte kein Glück, zu viele wollten das Wenige, dass noch im Laden verblieben war.
Ihm gelang die Flucht nicht mehr.
Die Anderen wollten auch seine Kleidung und seine Schuhe, wasserfest und wertvoll. Haben seine Dinge und sein Leben genommen.

Das abgelegene, nun verwaiste Haus war ihr Ziel.

Vor ihnen Schwemmland, eine Hügelkette zur Rechten. Sie konnten die gefluteten Flächen nicht queren, sie hatten weder Boot noch Ruder. Das Durchwaten war zu unsicher. Sie kannten das Terrain nicht.
Es wäre angesichts des undichten Schuhwerks keine gute Idee gewesen, es auch nur zu versuchen.

Die Hügelkette also.
Den Weg, den Andere vermutlich auch einschlagen würden. Sie mussten dorthin.
Danach noch ein Tagesmarsch bergan, gegen Geröll und Rinnsale, die hoffentlich so klein waren, wie sie es sich wünschten, dann Obdach, Nahrung, Schlaf. Trocknen.

Noch war es dunkel, kaum Mond zu sehen, der Tag noch ein Stück weit entfernt.
Alles war wolkenverhangen. Sie kamen nur langsam voran.
Der Rücken schmerzte, sie liefen gebückt. Immer in Deckung. Die Jäger konnten da sein oder auch nicht.
Sie wollten es nicht herausfordern, also Schmerzen und gebückt.

Schlichen voran, hungrig, erklommen im Wald in der Hügelkette einen Baum, überdauerten in Starre den Tag und setzten ihre Reise fort.

Halbtot, erfroren, durchnässt, Brand auf der Haut, erreichten sie das Haus. Die Fensterläden geschlossen, die Türe nicht aufgebrochen, noch immer geschlossen. Nicht beschädigt.
Schlichen ums Haus, bargen den Ersatzschlüssel.
Der Outdoormann hatte ihnen früher das Versteck verraten, als es nur um einen Wochenendausflug ging.
Ein Sommerwochenende in einem schönen Haus, in den Bergen, in Ruhe und Frieden.
Der Schlüssel, wie zugesichert, an seinem Ort.
Die Türe, aufgesperrt, das Hausinnere instand, nicht verwüstet.

Die Kleidung vom Leib gerissen, im Bad Handtücher, mufflig, aber trocken. Das Brennen bekam kein nährendes Nass mehr.
Beleuchtung nur durch die armselige Dynamolampe.
Kein Aufsehen erregen.

Der Vorratsraum ein Vorgeschmack auf das Paradis.
Wasser in Massen, Trockennahrung, Einmachgläser.
Sie fraßen sich satt, tranken, glucksten, weinten.

Nackt und satt. Endlich. Und müde, so müde…

Ein letzter Gang vor dem Schlafengehen zur Türe.

Erstarren. Kreischende Angst. leise Geräusche, die das Rauschen des Regens übertönen.
Die nicht wahrgenommen werden sollten.
Die Türklinke ging ohne sein Zutun nach unten.

Sie kommen…

 

 

Alle Teile der Geschichte:

„Der Regen“
„Der Regen – Wie es begann“
„Teil 3 – Der Regen“
„Teil 4 – Der Regen“
„Teil 5 – Der Regen – Die Zuflucht“
„Teil 6 – Der Regen – Hunger“
„Teil 7 – Der Regen – Konfrontation“
„Teil 8 – Der Regen – Bilder aus der Vergangenheit“

Anmerkung des Autors:
Das Töten war schlimm. Hat mir keinen Spaß gemacht, nach einem denkbaren Weg zu suchen, wie es vonstattengehen könnte.
Das Ende musste schnell kommen, so wie es auch hier, in diesem letzten Teil schnell kommen musste.
Hätte ich mehr geschrieben, mehr ausgeschmückt, so wären Dinge, die ich im Spaß, halbernst gemeint, gesagt habe, zum Tragen gekommen.
Dann wären Recherchen notwendig geworden, das Schlafen in Bäumen, das Irren durch die Nacht.
Eine trotz allem, verlockende Aussicht. So spricht der Naive.

Musik zum Regen:
Loscil – Das Album: Endless Falls.

Danke fürs Lesen.

11 Gedanken zu “Teil 9 – Der Regen – letzte Wege

  1. Deine Geschichte hat mich auch zwischen den Episoden beschäftigt. Eine grässliche Vorstellung, das Ganze – aber abgesehen von der beschriebenen Ursache, dem ätzenden Regen: Wie wird es sein, wenn unsere Gesellschaft zerfällt? Was ist, wenn nur noch das Recht des Stärkeren zählt? Die Endzeitstimmung deiner Erzählung kommt der Realität erschreckend nahe… Ich fürchte, es gibt Gegenden auf dieser Welt, wo die Menschlichkeit bereits an so einem Abgrund steht…

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    • Meine Befürchtung ist, dass wir uns tatsächlich permanent nur 30 oder 40 Tage entfernt von derartigen Verhältnissen aufhalten. Ein paar Tage mehr vielleicht, aber das ist dann nebensächlich.
      Die Frage ist doch, seit wann wir Gemeinwohl und kollektives Bewusstsein über das persönliche Wohl stellen?
      Das kommt immer wieder vor, hat dann jedoch den Charakter heroischer Einzelaktion und eben nicht das Tun der gesamten Gemeinschaft.

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  2. In einer Zeit, in der Tausende von Brennstäben in maroden Kühlbecken erdbebengefährdet in Fukushima lagern, die Tropensturmsaison beginnt und sie es nicht schaffen, alle Stäbe rechtzeitig vorher zu entfernen und in Sicherheit zu bringen, der Radius schilddrüsenkranker strahlenverseuchter Kinder um Fukushima herum jeden Tag weiter wird, in einer Welt, in der Amerika kein Geld hat, die Welt zu retten, die Klimakatastrophe aufzuhalten und alle weltvernichtenden Bomben aller größenwahnsinnigen Länder zu entschärfen, lesen sich unsere Nachrichten mittlerweile wie ein schlechter Katastrophenfilm ohne Happy-End. Splatter-Horror. Wie der pure Zynismus erscheint mir jeder Film der je über dieses Thema heroisch motiviert von wem auch immer gedreht wurde….

    Eindringlich beschreibst Du die Verzweiflung des Überlebens in einer toten Welt, in der nichts mehr so ist, wie es einmal war.
    Es ist schwer in Worte zu fassen und als ich vor ein paar Jahren „Die Straße“ von Cormack McCarthy zu diesem Thema las, kam mir die Stimmung wieder in den Sinn.
    Auch er packte die Hoffnungslosigkeit, die Realität, das Überleben in zeitweise fast lakonische Worte, die Tristesse der Endzeitwelt: eine höchst morbide und sehr eigenwillige Poesie, so karg wie das Überleben selbst.
    Ich finde, es ist Dir ausgesprochen gut gelungen, das Thema zu transportieren.
    Du hast eine dichte Atmosphäre geschaffen und das Grauen fühlbar werden lassen.

    Lieben nachdenklichen Gruß
    von der Karfunkelfee

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  3. Auch Zynismus kenne ich in unterschiedlichen Qualitäten.
    Den Deinen finde ich so konsequent wie berührend, denn zwischen den Zeilen
    finde ich auch Dein Mitgefühl und das ist es, das mir sehr gefällt. Du gehst nicht sorglos
    mit Deinen Figuren um. Du lässt sie leiden wie hoffen in ihren engen minimalistischen Beschreibungen, das macht sie schön lebendig, finde ich.

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    • Danke schön.
      Das Leid wollte ich auch nicht den beiden antun.
      Das Leid ist aus der Umgebung und der Entwicklung in der Umgebung entstanden und war nicht zu vermeiden.
      Weil es mein Glaube war, dass das Geschehene nicht zu vermeiden war.

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  4. Jetzt habe ich endlich die Zeit gefunden, diese Geschichte zu Ende zu lesen und finde es wirklich schade, dass sie zu Ende ist. Mir gefällt die Idee und, wie in einem anderen Kommentar bereits genannt, wie einfühlsam du sie erzählt hast. Ich mag deinen Stil sehr und diese Geschichte hat mich emotional eingefangen, weil sie atmosphärisch dicht ist.

    Die Grundidee ist bekannt aus vielen Geschichten. Als visueller Mensch lese ich nicht so viel, schaue aber umso lieber Filme. Mad Max, Waterworld, Lost, The Walking Dead sind nur einige, die mir spontan einfallen. Im Grunde geht es immer darum, wie Menschen sich verhalten, wenn zum einen ihr persönliches Überleben auf dem Spiel steht und zum anderen bis dahin allgemein gültige und Halt gebende Regeln und Werte wegfallen. Der Einzelne oder eine kleine Gruppe muss zwangsläufig seine Denk-, Bewertungs- und Handlungsmuster neu überprüfen und bewerten. Chaos nicht nur aussen, sondern auch in den Figuren.

    LG, Conny

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    • Danke fürs Lesen und für die Auseinandersetzung.
      Ich frage mich, ob es möglich ist, so eine Geschichte nicht aus der eigenen Persönlichkeit heraus zu erzählen. Sie also, auch in dem, wie die Protagonisten handeln, völlig von sich zu distanzieren.
      Mir zumindest ist das nicht gelungen.
      Einblicke, Erkenntnisse…

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  5. Mir ist kalt geworden, meine Haut juckt und unbändiger Durst quillt rau die Kehle empor. Ich stehe auf, gehe in’s Sonnenlicht, nehme eine Flasche Wasser mit und trinke sie mit einem Zug halbleer. Diese Geschichte hat sich in mir festgefressen, wie der saure Regen in der Haut. Und sehr präsent die Frage: Würdest du andere töten? Ich habe noch keine Antwort, aber da ich gelernt habe, Tiere zu töten, liegt sie fast auf der Hand. Und das läßt mir wieder die Haut erkalten.
    Geschichten sind erst dann wirklich gut, wenn sie uns so unter die Haut gehen, wenn sie uns umtreiben, verunsichern. Diese hier ist eine sehr tiefgehende. Gelungen formuliert, frei von Zynismus, nur sehr, sehr realistisch und die Idee bei Tag 8 einfach das Bild und eine Aufforderung in den Raum zu stellen, irre. Irre gut. Herr Faktoid, ich ziehe meinen Hut.

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    • Ich kann sagen, dass das Töten mir schwer gefallen ist, keine Freude bereitet hat.
      Ich wollte es schnell hinter mich bringen, die ganze Geschichte lang erst ahnend, dann wissend, dass ich es tun muss.
      Und nur mit Widerwillen und geringstem Eifer wurde es dann vollbracht.
      Mir graut vor einem weiteren Mal.
      Danke fürs Lesen und sich mit der ganzen Geschichte befassen.
      Danke für die wohltuenden Worte.

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      • Dank Ihrer Geschichte habe ich mir mal wieder Malevil von Herrn Merle rausgekramt. Kenne es inundauswendig, lese es trotzdem immer wieder.

        Das Sie Respekt vor dem Leben haben, kann man in dieser Geschichte gut herauslesen. Über etwas zu schreiben, was außerhalb des eigentlichen Wollens ist, das ist die Kunst. Könnte ich beispielsweise nicht. Deshalb die Hutzieherey. Gestern im kleinen Freundeskreis wurde mir übrigens im Gespräch zu diesem Thema möglicher Tötungsvollzug angetragen. Mein Entsetzen war groß. Aber eigentlich ahnte ich es ja bereits. Gruselig.

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