Ans Licht gebracht

Jeden Tag fuhren sie hinaus.
Immer wieder aufs neue.
Es war einfach, sich über sie lustig zu machen.
Sich über ihre kläglichen Versuche lustig zu machen.

Die, die begriffen, schwiegen und wünschten ihnen viel Glück.

In der Dunkelheit, die nicht enden würde, fuhren sie los.
Sie waren das Zünglein an der Waage.
Sie machten den Unterschied.
»Mehr nach Osten.«
Das war der Kurs und sie warfen das Netz aus.
Im Osten.
Im Dunklen.

Wie jeden Morgen hatten sich die Gaffer am Kai versammelt.
Unter Gejohle und Spott machten sie die Taue los.
Begannen ihr nächtliches Werk.
Die Rufe, sie dauern lang bis sie verklungen sind. Tragen zu gut über das offene Wasser. Dann, Stille.
Nur das Eintauchen der Ruder. Das gleichmäßige Ziehen.
Gen Osten.

Sie kannten den Ort. Nicht genau, aber dennoch zielsicher genug, um auf Kurs zu bleiben.

Aus eigener Kraft zogen sie das Netz über den Grund.
Die Suche. Immer wieder aufs neue die Suche.
Sie zogen ihre Bahnen. Pullten schwer die Ruder.
Die Last, irgendwann geht sie ins Netz. Immer.
Aus eigener Kraft konnte sie nicht emporsteigen.
Es war Arbeit, die Sehnen hervortreten ließ, Schweiß auf der Stirn bildete. Der Rücken schmerzte und sie zogen und pullten.

Nacht für Nacht das selbe Bild.

Die Zurückgebliebenen am Ufer, johlten oder schwiegen.
Kein Zuspruch, niemals Zuspruch.

Im Netz das bekannte Ziehen.
Sie endeten das Pullen, warfen den kleinen Anker aus, der sie auf Position halten sollte und begannen mit bloßen Händen empor zu holen, was verborgen bleiben würde. Im Dunkel. In ewiger Nacht. Unten wie oben.

Sie waren süchtig nach dem Ziehen. Bloße Hände, die griffen, zupackten, wieder und wieder.
Wie jeden Tag schnitten die feinen Fäden des Netzes wieder ein. Rissen auf, was nur wenig verheilt war.
Unter Schmerzen und gewaltiger Anstrengung holten sie das Netz ein. Blut, Schweiß, Tränen.
Keiner der hinausfuhr, kam mit heilen Händen und trockenem Gesicht zurück. Dennoch, jedem der wieder zurückkehrte, war es leichter ums Herz. Sah seine Hände an und lachte. Weil es vollbracht war.

Sie zogen, dann rissen sie. Die schwere leuchtende Scheibe. Sie war ins Netz gegangen. Brannte, orange und warm.
Mit jedem mal Einholen wurde es leichter. Leichter im Zug. Leichter ums Herz. Bald würde es geschafft sein. Bald.

Jetzt! Den Anker einholen! Schnell, bald ist es vollbracht!
So nahe unter der Oberfläche war sie nun, die Scheibe und sie brannte lichterloh.

Wollten sie nicht verbrennen, mussten sie weichen.
Ab hier strebte sie von selbst nach oben. Ab hier gab es kein Halten.
Sie lösten das Netz und ruderten, letzte Kraft aufwendend.
Im Wasser, eine Scheibe, leuchtend, brennend, warm, orange und dann durchstoßend, langsam in den Himmel steigend.

Die Nacht, die ewig bleiben würde, geendet, nur durch das Werk der beiden.
Wieder ein neuer Tag. Zeit zu ruhen.
Morgen ist eine neue Nacht, die enden muss.

6 Gedanken zu “Ans Licht gebracht

  1. Der Mythos von Sisyphos in ein anderes Bild neu gefaßt…..wortmalerisch und das Foto dazu wunderbar passend
    bedanken wir uns bei den Menschen, die nicht müde werden, uns die Tage zu erhellen, wir nehmen Vieles als viel zu selbstverständlich hin

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  2. Kennst Du das?
    „Und es fuhren am Morgen die Fischer hinaus Und es glühte der Himmel bis in unbestimmte Fernen Und da kam er gegangen und ihre Netze waren leer Doch da holte er für sie die Sonne aus dem Meer Und trug sie empor zu den Sternen Und sie glänzte weit durch die Wirklichkeit Und es tanzten die Boote im Licht …“

    Dein Text über die Sonnen-Taufe erinnert mich an die Texststelle aus dem Wartesaal zum großen Glück, gesungen von W.A. Schwarz.

    Sehr schön, Dank dafür,

    Liebe Grüße,
    Die Karfunkelfee

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      • Ja, Schreiben ist ein lebendiges Wesen, empfinde ich auch so. Es ist fließend wie Wasser, brennt wie Feuer, ist Erde, Teil des persönlichen Fundamentes, gibt dem Schritt Bodenhaftung, einen sicheren Tritt, ist flüchtig wie Luft, ein Elementewesen, all das kann man aus dem Schreiben herauslesen. 🙂

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