Calling Rex Kramer…

Wie das so war…

Irgendwie waren wir nie die Discotypen.. Das kam später, zumindest bei mir, viel später..
Als die Musik elektronischer wurde…
Als die Orte für harte Beats geöffnet wurden..

Als die Nächte bis in den Tag hinein gingen.

Und davor?

M. hatte diesen total heruntergekommenen BMW.
Wir hatten ihn schwarz lackiert und irgendwann später, als uns das Schwarz genervt hat, an einer Tankstelle die Farbe mit Benzin abgespült. Bis wir vollkommen prall waren, wegen den Dämpfen. Geil wars..

Zu schnell konnte man mit dem BMW nicht fahren. Da bestand keine Gefahr.
Der Tacho hat bei Hundert zu rauchen angefangen. Das nenn’ ich mal effektive Fahrzeuginsassenschutztechnik. Wer braucht da noch ABS und ESP?

Also, der M. hatte die Karre, ich die Plastiktüte voller Tapes. Das war unser Ding.
Nachts, irgend wann, irgendwohin los. Geld zählen, tanken, Cola kaufen und dann irgendein Tape rein und los.
Durch die Nacht.

Der Fundus gab für jede Stimmung etwas her.
Die gesammelten 80iger, New Wave, Punk, Frankie Goes To Hollywood, die Musik aus Midnight Express, American Gigolo, ”Call me” bis die Ohren kreischten.

Gitarrengeschrammel, wenn wir uns den Hundert näherten und richtig einen drauf machen wollten. Wenn wir so richtig mutig waren und der verbrannte Geruch einfach mal sein musste.
Wozu das gelbe Licht war, dass M. mit Silvertape überklebt hatte, weiß ich bis heute nicht..
Die Karre wollte uns etwas mitteilen, keiner hat hingesehen. Es ging auch so.

Das Autoradio haben wir irgendwann, nachts um drei, auf einem Parkplatz eingebaut. Nie haben wir etwas geschraubt. Für alles musste Silvertape herhalten. Das Zeug hat das halbe Auto zusammengehalten.

Einmal sind wir in der Nacht, mit flotten 70, am Ende einer Straße einfach geradeaus weiter in den Acker gerauscht..
Nachdem wir uns die Tränen aus den Augen gewischt hatten, die Tränen des Lachens, sagte einer von uns “rechts lang”; nach der nächsten Lachsalve ging es dann rechts weiter. Wohin auch immer.

Wir haben so viele Kilometer in diesen Nächten runtergerissen, dabei so viel geredet. Manchmal ernst, manchmal einfach nur Blödsinn. Uns Alles und Jedes von der Seele geredet.

M. war cool, hatte immer Kohle, Einzelkind, verwöhnt, Zyniker.
Aber immer ein Freund. Dagegen konnte man nichts sagen.
M. war noch mehr Eremit als ich.

Wir haben uns vor einigen Jahren noch einmal getroffen. Dann ist er sang und klanglos und wohl endgültig aus meinem Leben verschwunden. Ich weiß bis heute nicht, wohin und warum.
Er wohnt nicht mehr an dem Ort, den ich kannte, hat sein Telefon abgemeldet, die Mobilnummer gewechselt, nicht mehr auf Emails geantwortet.
Ich hab’ nie verstanden, warum.
Da wären noch so viele Whisky Sours, so viel White Russians gewesen. Da draussen.
Alle für uns.

Calling Rex Kramer…

Wenn Du das liest, dann geb’ Dir nen Ruck.
Wir waren Freunde. Sind es noch immer, wenn es nach mir geht.

Hier die Lesung zum Text:

13 Gedanken zu “Calling Rex Kramer…

  1. Die Tapes waren ein Schatz. Das Auto war Bewegung. Die Kombination war Freiheit.

    „Es sind 106 Meilen bis Chicago, der Tank ist voll, wir haben ein halbes Päckchen Zigaretten, es ist dunkel und wir tragen Sonnenbrillen!“

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      • Oh doch, ich glaube wir beide haben so ziemlich das gleiche Alter und die gleichen Erfahrungen gemacht.

        Bei Deinem Eintrag ist mir richtig warm ums Herz geworden, da diese schönen Erinnerungen wieder hoch kamen. Ich hatte einen ähnlichen Freund. Er war kein Einzelkind und er hatte einen Rover statt eines BMW, aber auch das war Freiheit. Er war so cool. Ein Vorbild. Habe ihn vor kurzem durch Zufal wieder getroffen. Es war sehr traurig. Er stand total unter der Knute seiner Frau. Er, der früher alle Frauen haben konnte, stand jetzt unter der Knute einer nicht besonders attraktiven (weder Aussehen noch Art) Frau. Er war kein gebrochener Mann, aber der Glanz war weg.

        Von daher behalte Deinen Freund besser in Erinnerung so wie ihr euch kanntet. Die Realität ist manchmal grausam. Aber, hey, wir haben uns wahrscheinlich auch verändert.

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      • Und wo wir schon dabei sind, ein weiteres Zitat, dass mich seit Wochen begleitet, seitdem ich in einem anderen Blog wieder darauf aufmerksam wurde:

        „Choose life. Choose a job. Choose a starter home. Choose dental insurance, leisure wear and matching luggage. Choose your future. But why would anyone want to do a thing like that?“

        Ich wollte meine Familie nicht aufgeben, aber noch einmal diese Leichtigkeit und Unbeschwertheit von damals zu haben. Das wäre toll.

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      • Trainspotting 🙂 One of my favorites …
        Der Preis für die Freiheit ist hoch..
        Das sag‘ ich mal so aus eigener Erfahrung.

        Und manchmal, an den guten Abenden, mit den Richtigen um Dich, da kommen die Zeiten ganz von selbst wieder..
        Und das vergisst man dann nie… Das sind die Momente, über die geschrieben wurde und immer wieder aufs neue geschrieben wird.

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  2. Ich hatte diesen Freund nicht, auch war es kein BMW. Mehr die S-Bahn und Freundinnen. Geblieben sind sie nicht. Von einer die mich auszog, seelisch, habe ich mich vor einigen Tagen getrennt. Rex … Ich denke er ist seinen Weg gegangen. Einen Weg, den nur er allein gehen konnte. Er war (d)ein Begleiter für eine Weile. Vielleicht hat er dich auch einfach nur den Weg gewiesen. Folgen kannst du diesem Menschen nicht. Aber manchmal kommen sie wieder, treffen Wege erneut aufeinander.Viel Glück!

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