Heute: Die Zukunft

Blade Runner, Brave New World von Aldous Huxley. William Gibson, Neuromancer, Snow Crash…
Geschichten, Filme, Visionen einer Zukunft.

Visionen von Ernährungstablettenfressenden Untermenschen, In-vitro-Fertilisation und großer unüberbrückbarer Distanz zwischen Reichtum und Armut.
Irrsinnige Erfindungen, künstliche Lebensformen, bahnbrechende Flugmaschinen, Reisen in die Außenwelt.

Vielleicht wurde 1982 mit Blade Runner die Welt ein wenig zu schnell in die Zukunft gejagt, Los Angeles 2019 aus heutiger Sicht zu bald.
2070 als gedachtes Datum? Schon eher.
Da ist es dann vollbracht, da sind wir dann da, in der Version, die Ridley Scott damals visualisiert hat.

In 2070 werden die Bilder, die 1982 in die Kinos kamen, uns anmuten wie die ruckeligen Filmartefakte der Stummfilmzeit die wir uns heute ansehen, wenn wir die Vergangenheit in Bewegung sehen wollen.

In 2070 werden wir Blade Runner eingeholt haben.
Werden die Reservate, in denen die Unterschicht ihr armseliges Leben fristet, ganze Kontinente umspannen.
Abgeschirmt, überwacht, nur durch Schleusen zu passieren. Aber nur in seltenen Fällen. Wenn Nachschub benötigt wird. Wenn die Reichen und Wohlhabenden ihr Personal rekrutieren.

In 2070 wird die offen zur Schau getragene Verlogenheit, die “wir müssen uns um die Bedürftigen kümmern, es muss wieder (sic!) soziale Gerechtigkeit herrschen” Sülze dem offenen und ehrlichen Zynismus und der Ignoranz gewichen sein.

Technologie, die heute Einzug hält, man beachte die Kids in der U-Bahn, neue Formen der Haltungsschäden produzierend, nach vorne über gebeugt über ihren Smartphones, Gadgets und Devices, diese Technologie ist der Wegbereiter für die Spaltung.
Ein Leben ohne das richtige Device ist ein Leben in der Unterschicht.
2070 wird es keine Generation mehr geben, die sich, wie heute noch, der Technologie verweigert. Die einen haben sie, die anderen werden sie nie bekommen.
Kommt den Betreibern der Netze ganz entgegen, so können sie den Ausbau in den Megacities vorantreiben und “Prekaria” wird einfach ignoriert. Das senkt die Kosten spürbar.

Wo heute schon Schlangen vor den Ärzten sind, wo Krankenkassen mit niedrigen Beiträgen, statt mit Leistung werben, wo Zusatzversicherungen weiteren Umsatz, aber im Zweifel nur einklagbare Zahlungen bieten, wird die Zukunft schlichtweg Bares als einzigen Zugang zur Versorgung des schmerzendes Zahnes, dem Entfernen der Mandeln oder des Blinddarms sein.

Mal sehen, ob sie die Kurve noch bekommen.
Schon heute wird mehr Geld in die plastische Chirurgie, in Schönheitsoperationen gesteckt, als in die Forschung gegen Alzheimer und Parkinson investiert wird.
Also: mit etwas Glück wird dem Zyniker eine Gesellschaft von straffen, gut gebauten 65 jährigen, die leider leider vergessen haben, wer sie sind, ahnungslos entgegenblicken.

Schöne Neue Welt.
Ich habe Angst davor.
Sich aus eigener Kraft von einer Gesellschaftsschicht in die nächste zu bewegen, ist einfach, wenn es bergab geht. Der Weg zurück, nach “oben”, zu Wohlstand, Sicherheit und planbarer Zukunft, die nicht von einem Tag auf den anderen lebt, ist schon heute um ein vielfaches schwerer, kommt dem Gewinn des Jackpots gleich.

Das Fernsehen ist voll von Naturkatastrophen, von Menschen, die im Mangel leben, im täglichen Kampf ums überleben, sei es wegen Krieg, sei es wegen Hunger oder Beidem.
Originellerweise ist das in der Berichten immer schön weit weg.
Wo das Schlimme, das Bedürftige, das Entbehrungsreiche doch schon lange vor, hoffentlich vor, der eigenen Haustür beginnt.

Entwürdigende Rituale der Essensausgabe bei der “Tafel”. Nummern ziehen, warten.. Das hat viel vom kilometerlangen Gang zum nächsten Wasserloch. Zeit, die einem fehlt, sich frei zu schaufeln. Würde existiert nur noch im Konjunktiv.
Alles ganz nah, gleich um die Ecke.
Nicht in 2019, nicht 2070, nicht Los Angeles,
sondern hier, heute und jetzt.

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13 Gedanken zu “Heute: Die Zukunft

      • Das war einer meiner frühen SF. Nie vergessen, als sich E G Robinson die bunten Bilder reinzieht, bevor er verwurstet wird. Wirkt heute antiquiert, aber nicht von Thema. Noch 12 Jahre…

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      • Ich warte auf den Moment, an dem die in unendlichem Maß verfügbare Biomasse namens Insekt bei uns als Hauptnahrungsquelle Einzug hält. Es ist angesichts des Nährwerts doch eine Herausforderung, das endlich verfügbar zu machen.
        Wie hat schon die dicke Ratte aus Ratatouille:
        You know, once you muscle your way past the gag reflex, all kinds of possibilities open up.
        Und den werden wir schnell überwinden, wenn der Magen knurrt.

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  1. Hallo Faktoid,
    das sind klare Worte…die aufzeigen, wo wir stehen und wohin es uns führen wird. Da muss ich nur 1 und 1 zusammenzählen können und dann hat man das Ergebnis schon.

    Ein Blogger bezeichnete uns Menschen als Hybrid…ein Wesen, dass ohne Technik nicht mehr lebensfähig ist. Meine Generation hat noch eine wage Erinnerung daran, wie das Leben ohne Technik war, aber für meine Kinder ist es unvorstellbar, dass sie ohne Smartphone auf die Straßen gehen. Wenn die Jungs – also mein Sohn und seine Freunde – beieinander sitzen, dann sehe ich häufig immer das gleich Bilde – jeder starrt auf sein Smartphone. Vielleicht unterhalten sie sich ja auch grade über Facebook ;-)).

    Ich las mal vor einiger Zeit das Buch „Wie der Erde die Luft ausgeht“
    http://www.abebooks.de/Erde-Luft-ausgeht-Brandenburg-John-Paxson/1338609750/bd
    Das Buch wurde vor mehr als 20 Jahren geschrieben und die Szenarien die aufgezeigt wurden wenn wir so weiter leben, wie bisher, sind genau die, mit denen wir uns heute auseinander setzen müssen.

    Die Wirkung des Lesestoffes – auf wissenschaftlicher Basis geschrieben – hatten lange Zeit eine Nachwirkungen in meinem Kopf. Ich sah die nicht allzu ferne Zukunft extrem in arm und reicht geteilt. Wer sozusagen im Olymp war, lebte weiterhin gut und bekam von der Umweltzerstörung nichts mit. Ihr Land war kaum von der Umweltzerstörung beschädigt worden. Sie konnten sich streng bewachte Grenzen leisten und wer den Olymp verlassen musste, wurde in den tieferen Zirkel verwiesen, in dem es zwar noch lebenswert war, aber eben um einiges schlechter, als im Olymp. Und um diesen war ebenfalls eine Grenze gezogen, damit die verarmte hungernde Bevölkerung des nächsten Zirkels nicht aufsteigen und eindringen konnte. Die Bevölkerung des letzten Zirkels lebte dann im Geröll der eingestürzten Berge. Eine globale Regulierungsbehörde überwachte die Bewegungen zwischen den Zirkeln und tat alles, damit die Menschen im Olymp ihr unbehelligtes Leben weiter führen konnten.

    Auweia,,,war das ein unterschwelliger mentaler Druck, die wahrscheinlich durch eine Angst produziert wurde.

    Der Buchautor zählte auch nur 1 und 1 zusammen und kam auf ein logisches Ergebnis, mit dem wir heute zum Teil schon konfrontiert werden.

    LG Ostseemaus

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    • Es gibt mittlerweile so viele Zeichen, die auf das hindeuten, was früher noch als Dystopie galt.
      Unternehmen, die sich zu Megaunternehmen zusammenschließen, den Markt „bereinigen“.
      Stadtteile, einst bewohn- und bezahlbar, nun saniert und unerschwinglich.
      An den Stadtrand, aus der Stadt gedrängt.
      Und Allerortens: aus den Augen, aus dem Sinn..
      Banalstes füllt die Schlagzeilen, Schwachsinn läuft in 24 Stunden Dauerberieselung.
      Noch kann man abschalten, gar nicht einschalten oder den Ton abdrehen.

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  2. Wir werden vielleicht die von dir angesprochenen Reservate und / oder eine Art Matrix haben. Süchtige, Abhängige, kontrolliert von den (letzten) Reichen der Welt. Ich mag solche Endzeitszenarien nicht, aber kann auch nicht die Augen verschließen.

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    • Komm mal nach München und such‘ die Obdachlosen. Da brauche ich nicht mehr warten.
      Die Stadt ist leergefegt. Obdachlose sind nur noch Randerscheinungen, ausgemerzt, keine Ahnung, wo hin verbannt. Vor 20 Jahren war das noch anders, da haben sie die Gegend rund um den Stachus (zentralste Innenstadt als Unterschlupf im Untergeschoss für sich gehabt. Heute ist da ausgestorben. Siehe mein Artikel tote Stadt https://foodandwineporn.de/2013/08/29/tote-stadt/
      Wir sind in Manchem schon angekommen…

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  3. So.
    Also nach Deinem Text trieb ich irgendwo zwischen Betonwüsten in einem Ölnerz (gibt es dann noch, sind nur pink statt gelb) umher , es regnete andauernd und ich musste Schlangen essen, weil der Fisch ausgegangen war. Diesen Chinesen kenne ich. Die Schlangen sind unecht, Maschinenschlangen, machen in meinem Magen Rostfraß. Es geht um Menschlichkeit wie immer und es geht um Alleinsein in einer Zukunft, die niemand vorhersehen kann.
    Doch. Und doch sind es Visionen. Gut, dass es sie alle gibt, denke ich, während ich in diesen Himmelssturzfluten vor grauem Beton herumfliege in meiner flügelmotorisierten Flugente, schlüpferblau natürlich, muss schon passen, das Bild. Auch die Lackierung.

    Oben hängt Harrison Ford an drei Fingern an einem Dach.
    Er grinst schief und fragt mich, ob ich ihn mitnehmen kann.
    Doch meine Ente ist ein Zweisitzer und es sitzt schon jemand neben mir. Der Mork vom Ork nämlich, Nano, nano, der hat Humor und Humor brauche ich unbedingt, wenn ich diese düstere Fahrt überleben will. Rutger Hauer thront mit der Taube in der sterbenden Hand tränenüberströmt (oder war es der REgen?)
    auf dem Dach und sagte diese Worte:
    „Ich habe riesige Raumschiffe vor dem Gürtel des Orion treiben sehen. Sie waren gigantisch und so wunderschön. “
    Klar heule ich los. Immer wieder.
    Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich immer noch so sehr in Roy verknallt bin. Unglaublich schön, wie er da sitzt, wie ein Leni-Riefenstahl-Vorzeige-Athlet. Diese blauen Auge…wow.
    Roy war mein Held in Blade Runner und wird es immer bleiben.

    Ich überlege, ob ich Mork vom Ork gegen Roy eintauschen soll.
    Aber Roy stirbt ja leider. Mork ist kein bisschen begehrenswert und sein affiges Nano, nano kann ich schon nicht mehr hören.
    Ich glaub, ich erlöse heute mal Harrison Ford, setze Mork aus und Harrison zu mir ins Auto. Dann fliegen wir aus dem Directors Cut heraus und mitten in kitschige Berge, weiße Schönwetterwolken und Berglandschaften.
    Happy Ente.
    Schöne alte Welt.
    Und von der neuen träumen wir weiterhin….
    Das Peacezeichen verkneif ich mir aber jetzt,
    ist mir zu plakativ….:)

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    • Nie den Directors Cut. Immer nur das Original, in dem Ford aus dem Off hinzukommentiert.
      Roy war tatsächlich eine Ikone.
      Er hat für die Ewigkeit gesprochen.
      Zeit, mehr Zeit.

      Was habe ich Deckard um sein Appartement beneidet. Den Flügel, das Whisky Glas, die Noten, das Licht. Immer das Licht.
      Vangelis, wunderbare Klänge. Nie wieder erreicht, so oft gehört.
      Ich hatte dieses Computer Spiel, auch Blade Runner, es gab da diesen Moment, in dem man den Protagonisten auf den Balkon bewegt hat.
      Dort hat eine Endlosschleife des typischen Blade Runner Sounds eingesetzt und die Gleiter sind unter dem Balkon ab und an vorbei geflogen.
      Ich habe nie über diese Szene hinausgespielt.
      Es gab keinen Bedarf dazu.

      Das Bild zu dem Text ist meine Lieblingsszene im Film. Der stille Moment , wenn die Radfahrer durch die Gasse fahren, die Kamera vorüberzieht.

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      • Der Blade Runner ist einer dieser Filme, die Gedichte sind. Zutiefst poetisch, Sepiastimmungen in weichem Licht die ewig gleichen metaphysischen Fragen und Antworten.
        Ich kenne Spiel und Soundtrack – Film und Buch, Zusammenspiel Vieler, ein facettenreiches Juwel, das Blade-Runner-Thema.
        Punkt. Ich sag nix mehr, Ruhe…mpfmpf…

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