Über die Entbehrungen

Ich lebe im, ich muss es zugeben, selbstgewählten Exil.
Ich korrigiere mich.
Die Wahl hatte ich einmal getroffen,
später dann die Gelegenheiten,
dies zu ändern,
zu revidieren,
ungenutzt verstreichen lassen.

Es gab diese Phasen, in denen ich es genossen habe,
weit ab vom Schuss, am Rande eines kleinen Kaffs zu leben,
vor mir nur Grün und einen unbefestigten Weg,
der in den nahe liegenden Wald führt.

So mancher mag mich um dieses Idyll,
das tatsächlich eines ist, beneiden.
Ich sage, wer will, kann es haben.
Ich will es nicht mehr.

Das Idyll hier hat seine optischen Reize, ohne Frage.
Die Ruhe, die Stille,
das mag so sein, dass Mancher davon zu wenig hat.
Ich nicht.
Ich habe genug davon.
Im Sinne von Kanal voll.

Ich vermisse die großen und kleinen Geschichten,
von denen andere Orte voll sind.
Dieser hier nicht.

Ich brauche sie, weil sie der fruchtbare Boden sind,
auf denen meine Erzählungen wachsen.
Ich will in Gesichter sehen,
Augenblicke erleben,
Gesprächsfetzen hören,
Leben in mich einatmen,
dafür Geschichten ausatmen.

Ich will Abends raus gehen und in mehr sehen,
als Fenster von Einfamilienhäusern, in denen der Fernseher flackert
und funzelige Energiesparlampen von der Decke hängen.

Ich will durch Straßen gehen,
die voll sind von Leben und nicht nur ab und an jemandem begegnen,
der mich argwöhnisch begutachtet.

Ich könnte ja der Einbrecher sein,
auf den sie schon seit langem warten,
wegen dem sie die Tür mit Stahlriegeln verstärkt
und das Klofenster vergittert haben.

Ich bin es nicht.
Hast Dein Geld umsonst ausgegeben.

Sie mögen aufregende Leben führen,
ich sehe sie vermutlich immer nur zur falschen Zeit,
habe ein verzerrtes Bild.
Mag sein. Obwohl ich daran zweifle.

Wenn mich abends der Hunger aus dem Haus treibt,
der Hunger nach Menschen,
so muss ich dem nüchtern begegnen,
vor mir sind 40 Minuten Fahrt mit dem Wagen.
Selbst wenn ich mit der S-Bahn fahren möchte,
muss ich den Wagen zum Bahnhof nehmen.
30 Minuten zu Fuß bei Regen sind kein Spaß.
Ein Bus fährt nicht.

Ich habe diesen Ort einmal mein Zuhause genannt,
nun ist es meine Verbannung.
Die ich selbst brechen kann, ich muss nur gehen.
Ich werde gehen, all das hier hinter mir lassen.
Ich möchte keiner von Denen sein.

Handlungsanweisung:
Verlasse diesen Ort
Ziehe dorthin, wo dein Herz sein will.
Ziehe dorthin, wo Leben ist.

Ziehe in die Stadt,
die große, echte Stadt.
Lebe, liebe, beobachte,
arbeite, schreibe.
Sei.
Tu es bald.

Exil

28 Gedanken zu “Über die Entbehrungen

  1. Entbehrung oder nur vermeintliches Verpassen? Sie halten mir ein Spiegel vor. Ich schaue und denke und sinniere und wäge ab. Nein, ich will im Haus am Ende des Weges bleiben. Doch wenn es Sie fortzieht, gehen Sie. Möglichst bald.

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  2. Ich bin in einem Haus am Rande der Stadt (Düsseldorf) aufgewachsen. Und ich mochte es nie anders. Neonbuntes Leben und erleben? Gern! Aber nicht alltäglich. Lieber die Sparflammen sehen, lieber den Fuß in die Natur setzen. Aber das bin nur ich. Grüß mir Brangelina wenn du gehst! Und Ellen und wie sie alle heißen. Vielleicht bleibst du auch, gehst nur auf eine Reise und kehrst irgendwann zurück.

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    • Düsseldorf sprang mir gerade direkt ins Auge, deswegen muss ich meinen Kommentar nun hier drunter setzen 😉
      Ich bin in einem Vorort von Düsseldorf aufgewachsen. Schön, war er. Ist er noch. Idyllisch, ruhig, mit ein wenig Leben. Und Düsseldorf direkt vor der Tür. Menschen, Stadt, Leben. Auf der einen Seite ein wenig Land, ein wenig Idylle, auf der anderen Seite Stadt mit Leben. Ich konnte beides haben. Ich konnte jederzeit wählen und nach Lust und Laune den Zustand genießen, nach dem mir der Kopf stand. Das war ein Luxus, den ich liebte und schätzte. Bis heute. Aber mein Heute sieht anders aus. Irgendwann gönne ich mir wieder den Luxus. Das Herz möchte es so. Und dem Herzen sollen wir ja folgen. Wann ziehst du hin, wo dein Herz sein will?

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  3. Ich hatte dir erzählt von „meiner“ Geschichte, die mich, aus ähnlichen Gründen und ähnlicher Umgebung, vor zwei Jahren ebenfalls nach Norddeutschland geführt hat.

    Letztendlich zählt doch nur das Lieben, das Leben.
    Wo auch immer.

    Viel Glück, viel Leben, viel Liebe, viel Erfüllung wünsche ich dir.

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  4. Mich hat es an einen Ort gezogen, von dem ich das Gefühl habe, dass ich sofort losziehen kann in die große weite Welt, der aber trotzdem Heimat und Nähe bietet.. Anonym und doch nicht..Großstadt und Dorf..

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  5. Dann mal ab in die Stadt, damit wir noch mehr von dir zu lesen haben, da du von dort offensichtlich noch mehr Inspiration erhoffst, als du eh schon hast 🙂

    PS Ich wohne ja in einer 250.000 Einwohnerstadt und meines Erachtens kann man hier alles haben, was man braucht: Wald, Felder, Bäche, andere Länder innerhalb von zehn Minuten; Menschen und Trubel in der Innenstadt… Aber ne Partymeile oder richtige Großstadt wird Aachen nie sein..

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    • Danke schön 🙂 ach, um Party geht es nicht, ging es noch nie… irgendein alter Spruch, hoffentlich nicht negativ vorbelastet, sagt, stadtluft macht frei .. ich beziehe das auf die Leute, von denen ich umgeben bin. Je kleiner der Ort., desto provinzieller… so leider meine Erfahrung. .

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      • Ja, das kann ich gut nachvollziehen. So ist z.B. mein einer Bruder, der schwul ist, in einer Kleinstadt stets wegen seiner Art aufgezogen worden und hatte nie männliche Freunde, ist auf eine Aachener Schule gewechselt und hatte auf einmal einen gemischten Freundeskreis, weil hier auch Männer sich trauen mit schwulen Männern befreundet zu sein…

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  6. Der Text war, so deckungsgleich mit meiner inneren Unruhe. Die immerselbe Strasse mit den ewiggleichen Geflacker..und doch die Unruhe erwischt einen vermutlich auch in Wien oder sonstwo und flüstert einen ein, man müsse unbedingt aufs Land. Diesen Text drucke ich mir aus!

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  7. Jetzt komme ich doch noch einmal zurück, um etwas zu schreiben, weil ich es ähnlich erlebt habe und gut verstehe, also den Unterschied zwischen Stadt und Land. Ich habe viele Jahre in Berlin gelebt und gearbeitet und dann aufs Land, so ein kleines Kaff, nicht unbedingt freiwillig, aber das ist eine andere Geschichte. Hier auf dem Land ticken die Uhren irgendwie doch anders. Es war eine riesige Umstellung. Zuerst habe ich die Schönheit der Natur und die Ruhe genossen, aber irgendwann habe ich mich immer unwohler gefühlt, aus verschiedenen Gründen. Nach Berlin zieht es mich nicht zurück, aber hier bis ewig leben möchte und kann ich auch nicht. Mein Geburtsort und Ort der Kindheit, auf keinen Fall zurück. Ich bin eine Heimatlose und tief in meinem Herzen weiß ich, es ist kein äußerer Ort, der für mich wichtig ist, um mich zuhause zu fühlen…

    LG
    Ariana

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  8. So wie du schreibst, lasse ich keinen Zweifel daran, dass du wahre Sehnsucht in dir trägst.
    Es gibt eine Karte im Tarot, den Eremit. Dieser wird wie folgt beschrieben:

    http://sdrv.ms/1hT14Bc

    „Der Eremit geht bewusst in die Stille, will zu sich kommen, Erkenntnisse gewinnen. Das Licht ist die innere Kraft die er dabei gewinnt – es kann auch anderen ein Halt sein. Eine Phase des Rückzugs ist manchmal notwendig. (Schatten: Zuwenig Kontakte, Abschotten von Problemen) “

    Es scheint, du hast einiges gewonnen! Licht, Kraft und vielleicht sogar Seelenfrieden?
    Fakt ist: Ħσмɛ ιƨ ωнɛяɛ тнɛ Ɔαт ιƨ ( ^・ェ・^)~~

    (。◕‿‿◕。)Selma

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  9. Ich kann dich gut verstehen. Wenn ich in den letzten Jahren nach einem Stadttag, einer Reise o. ä. nach Hause fuhr, sagte ich oft „Jetzt geht es zurück in die Gruft.“ Ein Haus am Ende der Stadt, am Ende einer Straße, am Ende einer Auffahrt. Kein Fenster geht auf die Straße, hier gibt es nichts zu sehen. Für mich als visuellen Menschen nicht gut :-(. Aber andererseits halte ich es in der Stadt nicht gut aus. Der Lärm geht mir buchstäblich an die Nerven. Die Lösung wäre eine 1-Zimmer-Wohnung in der Stadt, zusätzlich zum Haus im Grünen, so dass man die Wahl hat. Leider sind Wohnungen in Hamburg Mangelware, vor allem die, die zentral und schön gelegen sind und bezahlbar. Nee, dann nehme ich lieber den Weg in Kauf.

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