In Bewegung bleiben

»Liebling, brauchst du noch etwas?«
»Nein, alles ok. Nur etwas Bewegung, es ist an der Zeit.«

Wenn er nicht bald los kam, würde es wieder losgehen, würde der Zerfall einsetzen.

Es würde wieder so schlimm werden, wie es war, als er mit gebrochenem Bein nur schwer vom Fleck kam.
Das ging damals an die Substanz, wäre beinahe bedrohlich geworden. Mit großen Schmerzen hat er sich dann doch in Bewegung gesetzt, Schritt für Schritt Tempo gewonnen und damit den Verfall gestoppt.
In den Zeiten, in denen ihm das Laufen schwer fiel, er nur mühselig Schritt vor Schritt machen konnte, war der Aufwand um ein Vielfaches höher, um das lebensnotwendige Pensum zu erreichen, als in den Phasen, in denen sein Körper ihm keinen Streich spielte. Da waren es nur zwei, drei Viertelstunden, die genügten, den inneren Fraß zurück zu treiben.

Die Ungerechtigkeit, dass unter Schmerzen, wenn er lahmte, die Blasen groß und stechend waren, das Gehen Stunden andauern musste, bis sein Blick sich nicht mehr trübte, das Kreischen in ihm verstummte, das brachte ihn beinah um den Verstand.

Eine Wahl verblieb ihm nicht und wenn, dann nur eine finale unumkehrbare Entscheidung, die er noch nicht bereit war, zu treffen.
Tag für Tag begegnete er den Überresten von denen, die an sich gescheitert waren, die aufgegeben hatten, den Kampf gegen sich verloren hatten. Sie lagen da, Mahnmal an die, die noch nicht aufgegeben hatten.

Noch wollte er so nicht enden, noch gab es auch gute Momente.

Er hielt sich fit, achtete gut auf sich. Begriff, dass wenn er das durchhielt, er noch einige Zeit hatte. Zeit, in der er mehr tun konnte, als sich zu erholen, Zeit, die ihm zur Verfügung stand, die er frei und beinahe unbeschwert genießen konnte.

Bis zum nächsten Turnus, dem nächsten Gang.

Wie sehr sich alles geändert hatte.
Überflüssiges, wie Mode, Fernsehen, Werbung, ein neues Telefon, Schmuck, war verschwunden, nicht mehr Teil seines Lebens.
Es war schlagartig kein Problem mehr, sich nur noch auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren, Dinge, wie gute Ernährung, ein ordentliches paar Schuhe, Wasser statt Vodka, Magnesium statt Pralinen.
Es war nicht mehr wichtig, welches Auto man fuhr, ob man Markenkleidung trug oder ob man nun am Abend zum Franzosen oder Portugesen gehen würde, ob man nun einen Shiraz oder Primitivo bevorzugte. Es war egal.

Jeder, der noch bei Verstand war, der noch nicht mit sich abgeschlossen hatte, war bereit, das alles hinter sich zu lassen. Und zu laufen.
Jeder konnte sich einreden, dass das eine freie Entscheidung war. Die leeren Bekleidungsgeschäfte, Mobilfunkshops und ausgestorbenen Filialen großer Elektromärkte sprachen ihre eigene Sprache.
Geplündert wurde nur von denen, die aufgegeben hatten. Die noch einmal den falschen Segen des Luxus erleben wollten.
Nicht mehr aufstanden, nachdem sie in ihre Sessel gesunken waren und Bilder vergangener Zeiten voller Überfluss und gespielter Freude sahen.

Er schnallte sich den Rucksack um, würde Vorräte während seines Laufes einsammeln, immer ein wenig mehr, als gerade notwendig war, immer genug, um den Krisen, die kommen würden, entgegenzuwirken.
Jedes mal, wenn er loslief, wurden die Runden größer, musste er über sein Pensum hinaus weite und große Bögen ziehen, auf der Suche nach Verwertbarem.
Noch gelang ihm das gut.
Sie würden irgendwann die gewohnte Umgebung, die dann keine Vorräte mehr bieten würde, gegen einen Marsch in eine neue Gegend eintauschen müssen.

Wenn sie so lange durchhielten.
Wenn.

thx-1138
Bild aus THX 1138

8 Gedanken zu “In Bewegung bleiben

  1. Wer bis dahin schon gekommen ist, wird durchhalten. Das „wenn“ wird aufleuchten an näheren Horizonten als dem weitliegenden der vordergründigen Wünsche.
    Als kleine Handreichung sei dem „Strukturtyp, Gedankenschreiber, Bilderseher [und] Fotografierer Otl Aicher empfohlen: „Gehen durch die Wüste“.
    Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

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    • „Das Leben“ an sich verläuft ganz bestimmt in mehr oder weniger konzentrischen Kreisbögen, allein das menschliche Denken ist meist linear gerichtet. Und daraus bilden sich letztendlich die individuellen menschlichen Lebenswege.
      Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

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  2. es braucht freche innere aufmüpfigkeit zum immer wieder aufbrechen, die zähen wurzeln immer wieder aus dem sofaberg zu ziehen, zu gehen, zu gehen, aufzunehmen, zu schnuppern, zu kosten, zu beißen, zu reißen – das leben eben immer neu…
    danke für den text!

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  3. Was ist hinter dem „Immerwiederaufrappeln“ ? Hat es jemand versucht ? Mich würde das sehr interessieren. Wie lange macht Mensch das ? Mir scheint, wir sind die geborenen Verlierer ? Verpassen wir etwas, wenn wir uns immer wieder aufraffen? Vielleicht rappeln wir und immer wieder, um diese Fragen nicht stellen zu müssen oder stehn wir auf, weilwir Antworten nicht ertragen können. Vielleicht gibt es keine Antworten? Freche, innere Aufmüpfigkeit scheint mir ein Hinterfragen der Gegebenheiten.
    Eine schöne Geschichte als Aufforderung, Ansichten und Meinungen als ewig richtig zu hinterfragen.
    Gehen, gehen, mit Wüste innen und außen, mit ohne Wüste, mit Schlaraffenland, nie ohne Lust, nie ohne Neugier, immer wie ein Narr am Hofe des Lebens.
    LG Hanna

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  4. Heute bei der Augenärztin im Wartezimmer sah ich einige so arm und gedeckelt wirkende Männer herumhumpeln, schwer gezeichnet von Leiden, die fingen plötzlich an, miteinander laut und deftig zu diskutieren über die idiotischen Baustellen in der ganzen Stadt- die Hoffnungslosigkeit in ihren Gesichtszügen war schlagartig verschwunden…mir kamen sie wie eine Art „Sinnsucher“ vor…Hach nä, was hat man denn sonst noch im Rentenalter…

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