Nur ein Traum

Die starren Nächte, so nannte er sie.

Angst war in diesen Nächten ein zuverlässiger Begleiter. Er konnte sich auf sie verlassen. Sie ließ ihn nie im Stich.
Und so lag er da, erstarrt.
Mit lahmen Gliedern, unfähig, sich zu rühren.
Unfähig zu atmen, nicht in der Lage Luft durch seinen zugeschnürten Hals in die Lungen zu pumpen.
Er schlief nicht, war nicht wach.
Luzid, im Zwischenreich. Und doch real.
Wenn er nicht bald atmen würde, wenn es ihm nicht bald gelingen würde, die Last von seiner Brust zu nehmen, die Starre zu durchbrechen. Dann würde es geschehen. Das Unvermeidliche.

Einmal, da war er in einem Hotel, im Wellness Bereich, gönnte sich etwas Besonderes.
Es sollte etwas ganz besonderes werden.
Eine Wanne mit einer Matte darin, die Wanne voll mit warmer Flüssigkeit auf der die Matte schwamm.
Er legte sich hinein, die Arme über der Brust verschränkt, wurde mit der weichen warmen Matte, auf der er lag und die großzügig bemessen war, zugedeckt.
Und ins Warme abgesenkt.
Was manchem wie ein Traum an Geborgenheit erscheinen mag, war für ihn die Wahrwerdung des schlimmsten Alptraumes.
Etwas, dass er nicht bedacht hatte.

Der Angestellte, der ihn hinabließ, war binnen Momenten verschwunden, murmelte, dass er in 25 Minuten wieder da wäre, drehte das Licht beinahe aus und ließ ihn alleine zurück.
Bei einschläfernder Musik.
Und nichts fürchtete er mehr, als einzuschlafen, grub seine Hände frei, hatte Angst noch tiefer zu versinken, in die Wanne, in den Schlaf.
Die Minuten, zäh, klebrig, wie Honig, doch lange nicht so süß, zogen an ihm vorbei.
Er, mit dem Schlaf, der Wärme, der Enge kämpfend, nicht fähig, aus eigener Kraft zu entrinnen. Gefangen.

Gefangen, wie in dem lähmenden Halbschlaf, der ihn fest im Griff hatte, wenn es ihm widerfuhr.
Wenn er schlief, wenn er ohne Kraft in den Muskeln war, nicht fähig, auch nur eine Hand zu heben oder Laut zu geben.
Wenn die Träume kamen.
Dann holten sie ihn ein und er, wach und dennoch im Traum gefangen, träumte, wie sie ihn einholten, wie sie ihn bedrohten, wie sie die Waffen zückten, wie sie ihm Traum um Traum näher kamen, sich schlussendlich ihm zuwenden würden und er, ohne Kraft, ohne Fähigkeit zur Flucht, nur in der Lage, sich zu fügen.
Um dann immer im letzten, im allerletzten aller möglichen Momente, den Widerstand seiner Gliedmaßen zu brechen, sich zu strecken, mit einem Bein zu stoßen, einen Arm zu heben, den Kopf zu drehen, den Bann zu brechen.
Zu entkommen.
Er lag da, konzentrierte alle Kraft auf diesen einen Ruck, den er tun musste, sog das wenige an Luft, dass ihm durch den engen Hals in die Lungen strömte, hoffte, dass es genug war und

entschloss sich, es diesmal sein zu lassen, den Kampf aufzugeben und zu warten, was geschehen würde.
Es war kein klein beigeben, mehr Trotz, mehr die klare Entscheidung, hier und jetzt die Flucht zu beenden, es ein für alle mal zu Ende zu bringen.
Sein Ritual zu brechen, in dem er, so wie er im wachen Traum, in der Starre hier lag, liegen zu bleiben, den Traum zu Ende zu träumen.

Was würde geschehen, wenn sie, bewaffnet und bereit, auf ihn einstürmten, wenn das wenige an Luft, dass er in den Lungen hatte verbraucht war, wenn sein totgleiches Liegen nicht in dem einen Ruck beendet wurde?
Er würde es genau jetzt herausfinden und gab den Widerstand auf.

Der Alp

5 Gedanken zu “Nur ein Traum

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