Der Auslieferator

Der Befehl kam um 16:42 Uhr.
Auslieferung einer Ware an einen Kunden im Glockenbachviertel.
Schwieriges Terrain, recht enge Häuserschluchten, kurze Straßen, viele Abzweigungen.

Nichts für den Feigling, da braucht es Schneid.

Die Ware war leicht, bestand aus einem kleinen Paket, Inhalt unwichtig. Das Gewicht war entscheidend. Ein Blick auf das Orderticket zeigte 1250 Gramm. Sehr gut, beinahe ideal.

Er saugte die Energie in sich ein und machte sich bereit für seinen Auftritt, warf die Maschine an, griff nach dem Paket, vergewisserte sich erneut über seine Starterlaubnis, prüfte Sitz des Paketes, checkte die Adresse des Empfängers, ließ vor seinem geistigen Auge die Route ablaufen, wog sich innerlich in den Kurven, glitt schon durch die Gassen.

Begab sich auf das Rollband, näherte sich dem Absprungort. Ließ die Maschinen warm laufen.

Sah das Ausgangsportal, gab sanft mehr Leistung auf die Motoren, justierte die Seitenlage, schwenkte die Rotoren in Richtung Vortrieb, schaltete die Umgebungskameras, Begrenzungsmesser, Beschleunigungsmesser von Standby auf Echtbetrieb. Kontrollierte ein letztes mal den Ladezustand der Batterien.
Hob ab.

Sackte um wenige Zentimeter nach unten ab, justierte die Leistung seiner acht Rotoren, stellte den Winkel auf maximalen Vortrieb. Noch 28 Minuten bis zur Destination.

Vor ihm entfaltete sich die Karte der Umgebung, Verkehrsplanungen beeinflussten seine Route.

Er ging auf maximal zulässige Tiefe, neigte sich leicht nach vorne, genoss, im Rahmen seiner Möglichkeiten, das Rasen durch die Vorstadt.

Wich den Konkurrenten aus.
Seit neustem waren die Kurse nicht mehr so sehr auf Ausweichen ausgelegt, waren dem Bedürfnis angepasst worden, sich ungeliebter Rivalen zu entledigen. Das beruhte jedoch auf Gegenseitigkeit.

Er hatte sein technisches Repertoire um ein weiteres Element erweitern lassen, die Funktion der Umgebungsbeleuchtung konnte mit einem Linsensystem den Lichtstrahl auf ein lästiges Maß bündeln, dass den Konkurrenten blenden konnte, so dass dieser vielleicht entscheidende Sekundenbruchteile lang nicht mehr in der Lage war, seine Umgebung, die er mit rasender Geschwindigkeit durchflog, wahrzunehmen. Mit etwas Geschick konnte man eine Kollision mit einer Hauswand, einem Straßenschild provozieren und sich so eine freie Flugbahn verschaffen.

Die Bebauung wurde dichter, er hatte die Vorstadt hinter sich gelassen.
Die Bedingungen waren günstig, noch war ausreichend Tageslicht vorhanden, er beschleunigte über das zulässige Maximum hinaus, Messungen waren hier nicht zu erwarten. Die Zentrale hielt ihn diesbezüglich auf dem Laufenden.

Glitt in das Isartal hinab, freie Flur für einige hundert Meter, stieg auf der anderen Uferseite über die Bäume hinweg auf, verlor sofort wieder an Höhe, um in das Glockenbachviertel zu gelangen.
Noch 7 Minuten bis zur Deadline, es würde ein Leichtes sein, auch diesmal die Liefergarantie zu erfüllen.

Er war eine gute Drohne, hatte schon 732 Auslieferungen erfolgreich ausgeführt, dabei 36 Konkurrenten zur Strecke gebracht, lästige kleine Objekte, nicht annähernd in der Lage, ihm das Wasser zu reichen.
Hätte man ihm Wissen über Filme der 80iger Jahre des vergangenen Jahrhunderts gegeben, so wäre Highlander sein Favorit gewesen. Es kann nur Einen geben.

Verlangsamte seine Fahrt, ließ die Motoren ein wenig im Normalbetrieb laufen, sparte Energie, die er für den Rückflug noch benötigen würde. Er hatte gern ein wenig Reserve für Unvorhergesehenes.

Schaltete die LED Reklame ein, alle sollten sehen, dass wieder erfolgreich eine Zustellung aus seinem Stall durchgeführt worden war.
Bedachte nicht, dass er sich mit der Leuchtreklame zur Zielscheibe machte.

Sah den Baseballschläger nicht kommen, so schnell reagierten seine Sensoren nicht, dass sie ein Ausweichmanöver durchführen konnten.
Der erste Treffer zerschlug sechs seiner acht Rotoren, ließ ihn wie einen Stein niederschlagen.
Die weiteren Treffer zerschlugen seine Prozessoren, droschen ihm sein digitales Leben aus dem Drohnenkörper.

»Was ist diesmal drin?«
»Och, ne, Dreck, drei Kugelschreiber und ein Notizbuch, wer braucht denn so was?«
»Sammel‘ die Reste ein, vielleicht kann man die zu Geld machen…«

Gestern Nacht, Dezember 2013, hat amazon angekündigt, zukünftig Drohnen zur Auslieferungen von Waren, bis zu einem Gewicht von 2 Kg einzusetzen.
Ob das nun ein unterhaltsamer Fake oder Tatsache ist, ich weiß es nicht. Wir werden sehen.

Der Auslieferator ist die Hauptfigur aus Snowcrash, einem Roman von Neal Stephenson.
So nennt sich Hiro Protagonist, ja er heißt tatsächlich so, in dieser anarchokapitalistischen Dystopie (Formulierung geklaut bei Wikipedia).

Amazon Drohne

4 Gedanken zu “Der Auslieferator

  1. Ich schwankte beim Lesen zwischen Blade Runner und Rollerball.
    Mr. Phillip K.Dick und Mr. William Harrison hätten ihre helle Freude an Deiner atemberaubenden Jagd um den Zeitvorteil.
    Das Konkurrenzprinzip führt ad absurdum in die gegenseitige Zerstörung, während Gnade zum Machtmissbrauch pervertiert.
    Es kann nur einen geben, der Highlander überlebt die immerjunge Zeit –
    ein Traum dass keine Köpfe deswegen rollen müssen.
    Ein Androidentraum von einem elektrischen Schaf auf Rollschuhen.

    Klasse erzählt. 🙂

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