Klageschrift: Meta

Erklärung meta:
ein Präfix, das eine Aussage auf einer höheren als der aktuellen Ebene, einer Metaebene, kennzeichnet.

Indirektes Leben, Meta Leben.

Wir haben es geschafft. Es hat gedauert, aber nun ist es soweit.
Wir haben uns abgekoppelt.
Abgekoppelt vom Leben.

Das Leben findet physisch statt.
Gelebt wird es nicht mehr.

Wir haben Prozesse geschaffen. Jetzt optimieren wir sie.
Wo stehen wir?

Meta Prozesse ersetzen unser Tun, ersetzen das Leben.

Was sind Meta Prozesse?

Arbeit und Bezahlung
Ich schreibe keinen historischen Abriss über die Arbeit und den Lohn, das mag ich nicht, das kann ich nicht.
Es ist nicht wichtig.
Wichtig ist nur, dass der Prozess mit der Abschaffung des Tauschhandels begonnen hat.
Wichtig ist, wo wir heute stehen.
Wichtig ist, wer die Verantwortung trägt und wer sie nicht übernehmen will.
Ein Vergleich Früher Heute ist nicht notwendig, es liegt so nahe,
dass wir uns vom Leben abgekoppelt haben, vom Überleben,
dass es hier keiner weiteren Erklärungen mehr bedarf.

Was ist passiert?
Wir haben akzeptiert, dass unsere Arbeit nicht unserem Überleben dienen muss.
Wir haben akzeptiert und gelernt, dass es möglich ist, unser Überleben mit einem Tun zu sichern,
dass nur noch indirekt, sprich meta,
mit dem ursprünglichen Sinn der Arbeit in Zusammenhang gebracht werden muss.

Unser Sein will Überleben.
Unser Handeln dient dem Überleben.
Das ist die Redux.
So einfach.

Ganz und gar nicht Redux ist unser Handeln.
Ein Handeln, dass mit unserem reinen Überleben zu tun hat,
existiert praktisch nicht mehr.
Es wurde abgelöst durch Aufgaben, die in keinem Zusammenhang mehr mit der Möglichkeit besteht,
durch diese Aufgabe unmittelbar das Leben, das Überleben zu sichern.

Jeder Arbeitsprozess, der nicht unmittelbar dem Überleben dient, ist meta.

Holz hacken ist nicht meta.
Ein Tier schlachten ist nicht meta.
Die Saat säen ist nicht meta.
Ernten ist nicht meta.
Stoff weben ist nicht meta.

Welche unserer Tätigkeiten sind mit den genannten Beispielen noch vergleichbar?
Gibt es dafür noch Raum, die Zeit?
In einem Büro sitzen und Protokolle schreiben ist meta.
Wir haben uns so eingerichtet, dass Arbeit ein Metaprozess ist, der uns befriedigen soll.
Wir haben uns so klein gemacht,
dass wir Frieden in den seltsamsten Tätigkeiten finden können.
Alternativ haben wir uns so abgestumpft,
dass es uns einerlei ist, weil wir es tun, weil wir es tun müssen.
Weil wir sonst nicht überleben.
Da ist nichts Großes mehr zu finden.
Das ist kein Leben.

Leben ist Sein.
Am Fließband stehen, hinter der Ladentheke, vor dem Computer,
am Reißbrett, das ist kein Sein mehr.
Das ist meta.

Die Bezahlung ist meta.
Nach getaner Arbeit, am Ende des Tages, des Monats, voll mit Arbeit, die nie enden wird,
erhalten wir Lohn oder Gehalt.
Da wird der vereinbarte Preis bezahlt.
Und wir nicken, sind dankbar.
Dankbar für die Nullen und Einsen, die auf einem Konto eingetragen werden.
Über das wir verfügen, dass uns Sicherheit gibt,
wenn die Zahlen schwarz sind und Angst in uns erzeugt,
so sie rot sind.

Geld, das man schuldet gibt es nicht, ist weder rot noch in irgendeiner anderen Art sichtbar.
Schulden sind ein Gefühl, sind Einbildung, sind Angst.
Nicht echt, aber bedrohlich.

Auf dem Konto, dem virtuellen ist es so mächtig, dass wir deswegen nicht schlafen können.
Die Ängste, die wir empfinden sind so echt, als ob wir von etwas Schrecklichem gejagt werden würden.
Wir steigern uns in Panik.
Wegen roten Zahlen.
Das ist meta.
Nicht echt.
Surreal.
Grotesk.

Wir haben eigene Systeme entwickelt und abgenickt, in denen diese Ängste verwaltet werden.
Wir haben die Angst in Prozesse gepackt.
Geld ist ebenso meta wie die Arbeit,
die nicht unmittelbar dem Überleben dient.

Geld, wenn es vorhanden ist, wenn die Zahlen schwarz sind, verschafft uns Zufriedenheit.
Ebensolche Zufriedenheit wie verrichtetes Tagwerk.
Und wenn es nicht das Geld ist, so sind es die Dinge, mit denen wir unsere Leere füllen,
die Ängste überspielen.
In dem wir kaufen.
Kaufen, was uns nicht hilft zu überleben.

Wir kaufen sogar mit rotem Geld, wenn die Ängste größer werden.
Kaufen macht uns glücklich, macht uns satt.
Für einen kurzen Moment.
Bis die Leere wieder eintritt. Bis sie uns wieder übermannt.
Und die Zahlen sind danach häufig noch tiefer im Rot.
Doch das können wir verdrängen.
Weil wir meta sind.
Nicht mehr echt, nicht mehr wahrhaftig.

Ein Tag in der Wildnis würde es uns erschreckend deutlich vor Augen führen.
Der zweite Tag würde schmerzen.
Der dritte Tag würde uns umbringen.
Weil wir nicht mehr leben. Weil wir meta sind.

Mit Metageld kaufen wir Metanahrung.
Nahrung, die so tut als ob.
Die beinahe aussieht und schmeckt wie echte Nahrung.
Ersatzstoffe imitieren Geschmack und Geruch.
Logos auf Verpackungen gaukeln uns gesundes Essen vor.

Die natürlichen Bestandteile sind zu unzuverlässig.
Sie sind nicht vorhersehbar in Form und Farbe, Geschmack und Geruch.

Synthetisierte Stoffe liefern gleichbleibende Ergebnisse, werden bevorzugt.
Industriell gefertigte Nahrung ist unter dem Gesichtspunkt der Gewinnmaximierung hergestellt.
Wie kann ein solches Nahrungsmittel bezahlbar und natürlich sein?
Wir reichern unseren Körper mit chemischen Verbindungen an, lösen innere Kettenreaktionen aus.
Bezahlen den wahren Preis für Metanahrung.
Das Leben.

Das Produkt Activa(r) enthält Transglutaminase, klebt Fleischreste zu Fleisch zusammen.
Gaukelt uns schönes Fleisch vor, obwohl es aus Abfällen, zweit- und drittklassigem Fleisch zusammengesetzt ist.
Wir essen Dreck, erkennen ihn nicht, müssen uns nicht einmal über den Würgereflex hinweg setzen.
Bezahlen dafür mit Papier oder Plastik, dessen Kaufkraft wir mit Metaarbeit erworben haben.
Für alles einen Prozess.

Ersatznahrung, von Ingenieuren hergestellt,
nicht von Landwirten gesät und geerntet.
Aus dem Labor, nicht vom Feld.
Bezahlt an der Kasse mit einer Plastikkarte,
die rote oder schwarze Werte enthält.

Unser Leben besteht aus Arbeit, Schlafen und ein wenig Freizeit.
Wir akzeptieren das.
Füllen die Leere mit immer mehr, mehr Extrem, mehr Adrenalin.

Schneller, größer, weiter, rauer, exzessiver.
Nicht wichtig, ob sexueller Genuss, Drogenkonsum oder Freizeitverhalten.
Die Leere muss mit Grellem gefüllt werden.

Damit das Denken nicht einsetzt, die Verweigerung nicht Einzug halten kann.
Die Verweigerung von Allem, was meta ist.

5 Gedanken zu “Klageschrift: Meta

  1. Der Mensch neigt zum Lemminge-Dasein. Nur zu sein ist eigentlich nichtsein Ding, mehr zu sein aber scheint zumindest vorübergehend in. Ob DSDS oder VoG oder Bloggen … im Facebook scheint eine Wolke zu gegen, auf der wir in unserer kleinen Habe-Nicht-Und-Will-Viel Welt uns wünschen mehr zu sein, als nur ein kleines Ich.
    Doch letztlich schrauben alle an der gleichen Windung des Lebens, leben das Meta vor, lassen es zu, in Einsen und Nullen gemessen zu werden.

    Danke für diesen existenz-philosophischen Einblick. Ein Blick ist nicht ausreichend, man muss weiter denken…

    Lieben Gruß – und bitte keine Kerze zum 2. Advent für mich anzünden
    Kariologiker

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