Stille.

In mir und außen

Pochend in mir, mein Herz. Rauschend in mir, mein Blut.

Stille, nie so ganz, wie ich sie mir vorstelle.
Ein rauschendes Pfeifen, hoch, gleichmäßig, in meinem Kopf.
Nicht das Ohr hört es, nur der Kopf.
Mein Begleiter in all den Jahren.
Immer da, immer gleich.

Stille?
Ich kenn sie nicht. Hab sie nie vernommen.
Nicht in der Kirche, wenn ich allein in großen Hallen stehe.
Nicht am Grund des Meeres, nicht während des Hinabgleitens, nicht im Aufstieg, nicht im Durchbrechen der Wellen.

Nicht morgens um 03:02, während ich ruhig diese Worte schreibe.
Nicht, wenn ich „Still“ schreibe, nicht wenn ich „ruhig“ schreibe.

Und wenn ich in der Wüste wäre, am einsamsten Ort, wo nur das Licht der Sonne den Tag ankündigt, kein Vogel rufen würde, wo nur Sand die Dünen hinabrieseln würde, so wäre das Rauschen, das Pfeifen mein Begleiter, immer links, immmer in der linken Hälfte.

Stets war links meine Schwachstelle.
Links hab ich die Narben, im und über dem Herzen, links die Narben am Arm, am Knie.
Es ist, als ob meine Linke die ungeliebte Seite ist, als ob sie für all mein Sein Buße tun muss.
Weshalb auch immer.

Stille gibt es für mich nicht hier, nicht im Schlaf, nicht im Wachen.
Einst sangen Schamenen für mich, sangen sich in Trance, doch Stille wurde mir nicht zu teil.

Noch mehr als die Stille, die Abwesenheit von Klang, wünsche ich mir die Ruhe im Kopf, das Ruhen der Gedanken.
Selten, am morgen, am See, wenn sanft, die Wellen den Steg zum Schwingen bringen, wenn einsam, kleine Vögel den Tag begrüßen, ist Stille in meinen Gedanken, darf ich Ruhen.

Wie wird es sein, wenn mein Leben vergangen und vorüber ist? Wird Stille mich umfangen? Werde ich da sein, sie zu hören? Endlich nichts hören? Endlich Stille?
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11 Gedanken zu “Stille.

  1. Wie meinte einmal ein HNO-Arzt zu mir: Wer etwas gegen Tinnitus erfindet, dass wirklich hilft, wird sehr reich.
    Ich habe vor Jahren einmal einen Artikel über einen „Stille“ Forscher gelesen. Irgendwo in USA muss es ein Fleckchen geben, dass der stillste Ort der Welt ist. Da hört man wohl gar nichts.

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  2. Stille kann wie Musik sein und Frieden bedeuten, wenn es in Dir leise, friedlich und heiter ist.
    Laute Stimmen in Dir, wenn Dir Stille unangenehm bewusst wird.
    Das Außen wieder wahrnehmen zu lernen, es anzunehmen als etwas Schönes wenn auch scheinbar Gleichgültiges Deinen Fragen gegenüber – dazu eignen sich idyllische Orte in der Natur sehr gut.
    Erste Schritte, um sich dem andern wieder zu nähern, ein bekanntes Gesicht zu grüßen – Minimalkunst.

    Lieben Gruß von einer Linkshänderin,
    die auf rechts in der Schule
    „umerzogen“ wurde.

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  3. Ein Linksvernarbter sind Sie. Trotzdem das Herz am rechten Fleck. Und selbst die Schamanengesänge versagten? Oh weh, was söllte mächtiger sein. Doch, Pardon, aus Eigennutz heraus geschrieben: Wenn Ihr Gedankengekoller Ihnen zu Ihren Texten verhilft und Sie zu Ihren Bildmotiven treibt…wünsche ich, daß das Gekoller nie verstummt. Tut mir leid.

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  4. Ich wünsche Dir, dass Du Dich als Einheit wahrnimmst. Dass die rechte und die linke Seite miteinander verwoben werden. Ein dichtes Geflecht. Durch das nichts dringen mag, was Dir schlechte Töne machen könnte. Außer der Melodie des Lebens, rein und klar. Der Rhythmus des Seins, so klaut, dass Du nur noch tanzen möchtest.

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  5. Lieber Oliver:
    bei allem Ernst möchte ich jetzt ein wenig flaxen: als Sie dem Mutterleib entschlüpften, haben Sie sicher die Parole ausgegeben: ich mache ab jetzt alles mit Links und sich scheinbar strikt daran gehalten! Das ist keine Schwäche, das ist Konsequenz -:)))
    und dieser Tinnitus, der mich auch schon seit meinem 50. Lebensjahr begleitet…ich hör einfach nicht auf ihn und manchmal muß ich direkt lauschen, ob er noch da ist….dann merke ich, er pfeift immer noch….und so lange ich nicht deswegen aus dem letzten Loch pfeife, soll er ruhig ??? das Ohr benutzen. Es gibt nur einen Ort, an dem er wirklich stört: den Konzertsaal, da ist er mehr als unangenehm, scheinbar entwickelt er den Ehrgeiz , bei den Blasinstrumenten mitzuhalten.
    Ihren Wunsch nach Ruhe der Gedanken, den kann ich gut nachvollziehen, aber wäre oder ist Todesstille so erwünschenswert? Stille in der Natur gibt es vermutlich nur in der Wüste, im ewigen Eis….Orten der Verlassenheit allen menschlichen Lebens…
    nicht böse sein, ich wollte Sie nur ein wenig aufheitern, denn Sie wissen, ich mag Ihre Schreibe und wie Sie sich mit den Themen auseinander setzen
    Tinnitus grüßt Tinnitus

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