Jobs – Teil 2: Kartoffeln

Ein andermal…

Ein Gelände am Ostbahnhof in München, später wurden die ehemaligen Fabrikgebäude unter anderem zu Flohmarkthallen.
Die Kantine wurde ein Restaurant, anderes umgebaut zu Nachtclubs, Diskotheken, Veranstaltungsorten.

Davor war es eine Fabrik, die Kartoffeln in allerlei Unsägliches verwandelte. Chips, Püree, Knödel, so was eben.

Eine Fabrik, beinahe im Zentrum der Stadt, ich sage das mal so, weil München eh nur ein Dorf ist und zwei Kilometer Luftlinie weiter der Marienplatz ist, also beinahe Zentrum, oder?
Eine Fabrik, zu der die Bauern mit dem Traktor und einigen Hängern hintendran, vollgeladen mit Kartoffeln, gefahren sind.
Man muss es gesehen haben, mitten in München, Bauern, die mit 20 Stundenkilometer aus der Peripherie reinzuckeln um die Kartoffeln abgeladen zu bekommen.
In die Fabrik, die immer Nachschub brauchte.
Deren Lagerhallen voll bis zur Decke waren, voll mit Kartoffeln.

Um den Lagerbereich herum ein Band, etwa 75 cm breit.
Ratten und Mäuse können nicht so weit springen, kommen nicht über das klebrige Band, das sehr klebrige Band.
Es wurde regelmäßig abgesammelt, ausgetauscht, oft genug waren nicht ganze Ratten auf dem Band, nur die Teile, die kleben geblieben sind.

Das Absammeln war nicht mein Job, ich mache viel für Geld, da jedoch habe ich definitiv meine Grenze gefunden.

Mein Job war das Abladen der Kartoffeln.
Ein Job für einen Sommer.

Wer mag, darf sich vorstellen, dass ich im Blaumann und Schneeschippe unterwegs war. Im Sommer.
Ich war der Verantwortliche für eine der beiden Abladerampen.
Natürlich kamen nicht nur Bauern auf dem Traktor, die hätten nicht genügend Nachschub liefern können, mit ihren schwerfälligen Karren.
Es kamen auch große LKWs mit Hänger.

Die Abladefläche war eine Rampe, auf die der Transporter fuhr, ganz knapp mit der Seite an das Fließband.
Es waren immer Zwei, mich eingeschlossen, an einer Rampe.

Mein Job war es, die Hydraulik zu bedienen. Den ganzen LKW zu neigen, auf das Fließband zu.
Wir haben dann zeitgleich, das war wichtig, weil sonst durch den Druck der Kartoffelmasse die Luke einseitig gebrochen wäre, gleichzeitig also, die seitlichen Ladeluken geöffnet und dann schnell den Schneeschieber an den Rand gehalten, so dass nichts seitlich auf den Boden kullern konnte.

Alles sollte in einem Schwung auf das Fließband abgeladen werden.
Am Schluß ist man dann noch in den LKW geklettert und hat den Rest rausgeschippt. Bevor es an den zweiten Hänger ging.
Immer sind Kartoffeln runtergefallen, die haben wir dann mit dem Schneeschieber aufgeschippt, manchmal habe ich sie erschlagen. Platt gemacht. Es waren nur Kartoffeln, keine Ratten.

Das ging so ein paar Stunden, dann Mittagspause, ab in die Werkskantine, leckere Gerichte für 1,50 verdrücken, Kartoffelprodukte meiden.
Wenn man mal weiß, wie sie verarbeitet werden, wo sie gelagert
werden, schwindet der Appetit auf die Knollenfrucht.

Es war ein Job für einen Sommer, unterbrochen von der Fahrt auf ein Versuchsfeld, da haben wir kleine Kartoffeln in nummerierte Säcke gesammelt, direkt aus der Erde.
Sie anschließend im Labor gewaschen und gewogen.

Es galt als große Ehre, an diesen Aktionen teilnehmen zu dürfen. Mir war es willkommene Abwechslung.

Freitags wurden die Lager geöffnet, da durften sich die Mitarbeiter aus dem großen Portfolio des Herstellers reichlich bedienen. Da gab es wohl den Begriff “geldwerten Vorteil” noch nicht. Ich habe das einmal gemacht, dann kam die Führung durch das Lager und die anderen Produktionsräume.
Danach habe ich nie wieder etwas mitgenommen.

Es war Sommer, ein Job, einer von vielen, die ich damals gemacht habe.
Nicht der schlechteste, das war er wirklich nicht.
Da kamen noch andere…

Kartoffeln

 

Teil einer losen Serie über die Jobs und das Werden.
Teil eins gibt es hier:

https://foodandwineporn.de/2014/01/11/der-deal/
Hier Teil zwei:
https://foodandwineporn.de/2014/01/13/jobs-teil-2-kartoffeln/

3 Gedanken zu “Jobs – Teil 2: Kartoffeln

  1. Mutet ein wenig nach Erinnerungswallraff an!
    Das mit den verklebten Ratten hat Seltenheits- , deshalb Erzählwert!
    Auch das andere Drumrum, ich vermeine, bestimmte Gerüche aufkommen zu spüren!

    Gefällt mir

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