Jobs – Teil Drei: Die drei Damen vom Grill

Jahre später als die Jobs zu geregelter Arbeit geworden waren, zu einem Zeitpunkt, als Verpflichtungen mich schon lange eingeholt hatten, das Hamsterrad sich nicht mehr für einen drehte, sondern man selbst, fleissig trappelnd, auf der Stelle, aber eilend voranschritt.

Zu diesem Zeitpunkt verschlug es mich, im Spätherbst, zusammen mit meinem Arbeitskollegen und guten Freund C. in die Nähe von Frankfurt, in ein kleines Kaff.

Der Job war ein Projekt, das Projekt war, einem kleinen lokalen Anzeigenblatt ein Redaktionssystem zu geben.

Der Job war auf zwei, drei Monate angelegt und wir waren einquartiert in ein Boardinghaus, wurden nicht gefragt, das war dann mal eben so.
Wer es nicht kennt, man hat ein fertig eingerichtetes Appartement, den leeren Kühlschrank und keinen Zimmerservice, der nach Feierabend etwas aufs Zimmer liefert, gibt’s gratis dazu.
Immerhin, es gab Frühstück.

Frühstück in einer NVA Kaserne, überwacht von einem Kapo, der darauf achtete, dass man nicht zu viele Eier oder auf gar keinen Fall einen Nachschlag Plastikerdbeermarmelade nahm.
Ich bin sicher, wäre das leitende Personal des Boardinghauses auf den Kapo angesprochen worden, sie hätten alles geleugnet, dass das ein falscher Eindruck wäre und dass das Frühstücksbuffet Teil des Arrangements ist, dass es zur freien Verfügung stünde, nein, es gäbe keine Rationen.
Die gelebte Wirklichkeit sorgte bei C. und mir Anfangs für Irretationen, später für Erheiterung.

Erheiterung war an vielen Stellen geboten, der mittägliche Weg zur einzigen Imbissbude, bzw. einzigen erreichbaren Nahrungsquelle war so ein Lieferant für bedrohlich Erheiterndes.

Die drei Damen vom Grill.
Fähig, in kürzester Zeit endlose Schlangen vor ihrem Imbissmobil entstehen zu lassen.
Wir, geschult im Entschlüsseln und Übertragen von Prozessen, erkannten den Ablauf nach einem Durchgang, waren nie in der Lage ihn zu optimieren, scheiterten. Kläglich.

Das Prozedere der Bestellung verlief wie folgt.
Naiv, wie ich zuweilen bin, schmetterte ich der Grilldame eins, zwei oder drei ein “Currywurst, rot, mit Pommes und Ketchup” entgegen.

Sie, unabhängig davon, wem ich meinen Wunsch vortrug, zerlegte diese Bestellung in ein ihr erträgliches Maß an Information und begann das Ritual der Rückfrage.

Grilldame Eins: “Currywurst oder Frankfurter?”
Ich: “Eine rote Currywurst bitte”
Grilldame Eins: “rot oder weiß?”
Ich, beginnende Verzweiflung: “rot”
Grilldame Eins: “Wollen sie was dazu?”
Ich, irretiert: “Pommes mit Ketchup”
Grilldame Eins: “Mit Ketchup oder Majo?”
Ich, resigniert: “Ketchup”

Wir hatten das Vergnügen keine Wahl zu haben.
Es gab keinen Supermarkt, kein Schnellrestaurant, kein anderes Restaurant, es gab nur diesen Wurststand und endlose Schlangen davor.
Ab Tag drei machten wir uns einen Scherz aus der Sache, bestellten stoisch im Stapelverfahren, staunten immer wieder darüber, dass der vorgetragene Wunsch ebenso stoisch vom geneigten Grilldamenpersonal in eine Vielzahl Einzelelemente zerlegt wurde.

Ich habe mich bis heute noch nicht daran gewöhnt, meinetwegen beim Ökobäcker um die Ecke, eine Bestellung aufzugeben und feststellen zu dürfen, dass das Teilzeitpersonal nicht in der Lage ist, immerhin drei Wünsche, bezogen auf Anzahl und Sorte auf einen Schlag zu verarbeiten, dass ein mir unbekanntes Ritual in Kraft tritt, dass derartige Komplexitäten in einzelne Rückfragen zerlegt.

Es ist, wie es ist.
Ich schweife ab.

Unterbrochen wurde der tägliche Bestellwahnsinn nur durch das gekonnte Element der Steigerung, dass die drei Damen am 1. November, wir erinnern uns, wir waren in Hessen, dramaturgisch zum Einsatz brachten.

Hatte ich den wunderbaren Dialekt, in dem in diesem Teil des Landes so manches Wort, so mancher Satz akustisch zu Brei getreten wird, erwähnt? Ich gehe nicht näher darauf ein.

Hessen also.
Der erste November ist dort kein Feiertag, so wie wir Bayern ihn gewohnt waren. Auch an diesem Tag schlenderten wir wieder
zum Wurststand, um drei Damen zu erblicken, die sich anlässlich des Allerheiligentages Lametta und anderes silbernes Zeugs in die Haare geflochten, geklemmt oder geworfen hatten. Es rundete unser Bild der Gesamtsituation vor Ort ab.

Schon erstaunlich, was einem so von einem Job in Erinnerung verbleibt.

Der Aufenthalt war noch Lieferant für manch andere Episoden die wir lieber nicht erlebt hätten, sei es, dass wir Abends mehrere Passanten freundlich nach dem Weg fragten, diese uns ignorierten, uns fluchtartig passierten und in Orientierungslosigkeit zurückließen.
Sei es der Verleger, der Glöcknergleich, er hatte einen Haltungsschaden, häufig im Schnellschritt gackernd durch das Verlagsgebäude lief und uns ebenso gackernd, hessisch sei dank in unsere Arbeit einwies.

Chronologisch ordne ich diesen Job an das beginnende Ende meiner Projektphase ein.
Das Reisen musste weniger werden.
Ich war satt von Eindrücken, die ich nie gewinnen wollte, satt von Hotelzimmern und endlosen Arbeitstagen, die in Einsamkeit und Leere endeten, satt von den Wochenenden, die das alles kompensieren mussten, satt von der Erkenntnis, dass mir das viel zu oft nicht gelang.

currywurst

 

Teil einer losen Serie über die Jobs und das Werden.
Teil eins gibt es hier:

https://foodandwineporn.de/2014/01/11/der-deal/
Hier Teil zwei:
https://foodandwineporn.de/2014/01/13/jobs-teil-2-kartoffeln/

2 Gedanken zu “Jobs – Teil Drei: Die drei Damen vom Grill

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