Mein Geist

Der Wandel.
Alles unterliegt dem Wandel.
Mode, Geschmack, Stimmungen. Unterhaltung. Alles.

Fernsehen unterliegt dem Wandel.
Neue Themen werden heute angesprochen, dringen ins eigene Bewusstsein vor, weiße Flecken in der Wahrnehmung werden mit bunten Bildern, manchmal grauen Bildern, übermalt.

Am vergangenen Freitag dämmerte Hannelore Hoger, großartige Schauspielerin, die sie ist, im Film „Nichts für Feiglinge“ in das Vergessen, geht ihren Weg in die eigene Dunkelheit, wird dement.

Das Fernsehprogramm nennt es eine Dramödie.
Ich verstehe den lustigen Anteil nicht.

Dass sie ihre Wohnung beim Bügeln beinahe abfackelt?
Polizisten im beginnenden Verfall anmacht?
Die Scrabble Buchstaben in Wut vom Spielbrett wischt, weil ihr, der gebildeten Frau, plötzlich Wörter nicht mehr einfallen?

Ich sehe nur den Alptraum, aus dem ich hoffentlich erwache und feststelle, dass ich noch weiß, was gestern war und den Tag davor. Und den Tag davor.
Das ich mich noch an Geburtstage, Namen und Gesichter erinnern kann.
Ich spüre die Angst, dass es mich auch erwischen könnte.

Am Wochenende schiebt sich TV Kommissar Kurt Wallander in der finalen Episode „Abschied“, in einem verzweifelten Versuch das Vergessen zu beenden die Waffe in den Mund.

Ein Gesicht, zerfurcht, unrasiert, voller tiefer Falten, voller Verzweiflung.
Ein letztes Aufbäumen gegen den Verfall, unter Wimmern und Kreischen schiebt er sich die Waffe in den Mund und hat doch nicht den Mut, abzudrücken.

Erspart sich und dem Zuschauer den Knall und das schnelle schmerzvolle und endgültige Ende.
Überlässt dem Zuschauer die Gedanken an das, was nun wohl folgen mag, wenn man selbst nicht mehr Herr über sich ist.

Geht in eine ungewisse Zukunft, die voll von Verlust und Verfall sein wird.
In eine Zukunft, in der nicht der Körper einen lähmt, sondern der Geist in Sieben Meilen Stiefeln das angestammte eigene Haus verlässt.

Mein Geist ist, in angemessenem Rahmen, als gesund zu bezeichnen, die Narben sind alt und heilen nur schlecht, aber es sind nur Narben.
Hässliche Spuren, die man immer wieder mal zu sehen bekommt.
Die Erinnerung, sie verblasst nicht.
Der Kopf saugt alles, was er wahrnimmt in sich ein, gibt es Preis, wenn ich es einfordere, verfällt nicht.

Der Körper, Ende 40 in gutem Zustand, glücklicher Zufall, ich tue nicht viel dafür.
Ich habe Angst zu vergessen, das Vergessen, ähnlich schleichend wie meine beginnende Schwerhörigkeit zu bemerken, es nicht ändern zu können, keinen Einhalt gebieten zu können.

Würde ich den Mut haben es zu beenden, noch Sinn im Sein sehen, wenn mir die Fähigkeit, Sinn zu empfinden genommen wird?

Bei all der falschen Ernährung, den fiesen Nahrungszusätzen, dem chemisch aufbereiteten Weizen, aus dem Brot gemacht wird, Softdrinks, genmanipulierten Inhaltsstoffen in Schokoriegeln, Brionen im Fleisch, möchte ich nicht wissen, wie viel Verfall ich schon in mir angereichert habe, der sich irgendwann an mir abreagieren wird.

Mein Körper ist mein Haus, ich gebe ein wenig acht auf ihn.
Mit kleinen Lädierungen kann ich leben, die Zeit nimmt sich, was ihres ist.

Mein Geist ist der Bewohner dieses Hauses und niemals werde ich es zulassen, dass dieser geht, bevor das Haus einstürzt oder es endgültig geschlossen wird.
Niemals soll das Haus leer sein.

Stephen King hat in seinem grandiosen Vorwort zum dunklen Turm über Dinge, die 19 sind, gesprochen.
19, dieses wunderbare Alter, dass Verfall und Vergessen noch lange nicht in sich trägt, dass alles Alte und Gestrige verneint, das Wege, die schon gegangen wurden, vermeidet und nur an sich und heute denkt.
King deutet es an, das Alter, die Erkenntnis, die mit zwei mal 19 schon längst gereift ist, die Erkenntnis, dass es endet.
Und wenn man Pech hat, endet es fürchterlich. Lässt einen selbst in einer leeren Hülle zurück.
Ich hoffe das, wenn es so weit ist, ich noch wissen werde, was zu tun ist.

gehirn

4 Gedanken zu “Mein Geist

  1. Sensationell. Wie immer hätte ich es nicht so toll schreiben können wie Du, aber den Punkten stimme ich 100% zu. Ob es mich erwischt? Ich weiß es nicht. Ich hoffe auf die Wahrscheinlichkeit, ich hoffe auf den Fortschritt. Hätte ich wirklich den Mut abzudrücken? Ich weiß es nicht. Ich hoffe, dass sich die Frage nicht stellen wird.

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  2. Meine Mutter ist dement. Früh erkrankt. Sie weiß nicht wer wir sind, und wahrscheinlich auch nicht mehr wer sie ist.
    Ich frage mich manchmal, ob das gut oder schlecht ist für sie.
    Die Angst vor dem Tod und dem Verfall immerhin, die ihr ständiger Begleiter war, hat sie nicht mehr. Und das ist gut.

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