Gedankenfischer

Nach Mitternacht werfe ich das Netz erneut aus.
Erneut um zu fischen, um einzufangen, um zu erbeuten, was ich benötige.
Ohne Zwang, ohne Eile.
Ohne Hunger, ohne Besessenheit.
Jedoch mit Freuden.

Ist der Fang bei Vollmond nicht reicher?
Nein. Anstrengender, getriebener, mühseliger.
Das fahle Licht treibt die Beute in die Tiefen.

Die Gezeiten, meine Gezeiten, sie bestimmen, ob das Netz weitmaschig und durchlässig
oder dicht und fangfest gewebt ist.

Gedanken sind das Treibgut, dass am Ufer liegt, die ich einsammle, im Dunklen.
Daraus das Netz webe.

Wenn es Nacht ist, zeichnen meine Augen Webmuster auf meine Lider.
Die Netze, die dichten, gewobenen.
Die feinen Strukturen. Sie sind es, die ich suche.

Nach Mitternacht, wenn die Netze geknüpft und die Gedanken gewoben werden.

Wieder und wieder wird das Netz ausgeworfen, eingeholt.
Beifang aussortiert, zurückgeworfen. Verworfen.

Der Gedankenfischer.
Stets am Ufer und auf See. Kein Tagarbeiter.
Wenn der Morgen anbricht, muss sein Werk getan sein.
Der Tag steht ihm im Weg, so wie der Vollmond ihn zu blenden vermag.
Der Gedankenfischer verrichtet seine Arbeit in Dunkelheit, wenn die Linien und Muster mehr als nur Schemen sind.

Flechtwerk

Ein Gedanke zu “Gedankenfischer

  1. Netze waren zum Fangen von Fischen, Vögeln, Schmetterlingen da. Nun sitzen wir inmitten eines Riesennetzes. Ob gefangen davon, entscheiden wir.
    Und die Gedanken der Nacht werden im Traum durch die Mühle gejagt.
    Hier scheint es anders…

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