WordPress und der Praktikant

Der Praktikant hatte bis dato nur Kaffee geholt und die Zeitungen verteilt, ja es gab noch Welche, die das Papier bevorzugten.

Sein Job war einfach, überschaubar und unbezahlt. Er erwartetet nicht viel davon, andere erwarten auch nicht viel von ihm.
Er hätte gerne “easy money” gesagt, aber von Geld war nicht die Rede, das war nicht Teil des Praktikums.

Die Tage und Wochen vergingen, immerhin, irgendwie, zäh, langsam, aber doch.
Er durfte nun auch schon mal einen Brief tippen oder für andere ein paar Dokumente ausdrucken.
Das konnte er ganz gut und doch war er froh, wenn es nicht fordernder wurde. Er wollte den “easy job.”

Das Praktikum war besser, als Zuhause herum zu sitzen.
Mehr sollte es gar nicht ablösen, es gab gratis Kaffee, damit war er schon zufrieden und die Leute waren nett, meistens ignorierten sie ihn. Ab und zu nahm er sich einen Apfel aus einer der Obstschalen, die in den Büros herumstanden.
Er war genügsam, ohne Anspruchsdenken.

Bis an den Tag, an dem etwas schief ging.
An dem einer der Programmierer ausfiel, der Eine, der für die Statistiken zuständig war.
Der dafür sorgte, dass die vielen Anwender, manche nutzten die Gratislösungen, andere bezahlten, dass sie Übersicht erhielten, über den Zugriff auf ihre Seiten, auf ihre Statistik.

Vielen der Nutzer war das wichtig, sie sahen gerne, dass andere auf ihre Seiten kamen, dass Notiz von ihrem Schaffen genommen wurde, dass ein “Gefällt mir” angeklickt wurde, als Zeichen der Anerkennung, als kleines Lob.

Freilich hatten die Anwender, obwohl sie sich freuten, auch schnell begriffen, dass so manches “Gefällt mir” nur ein Gegengeschäft war, darauf basierend, dass diese kleine Gefälligkeit auch beim Gebenden geleistet wurde.
Aber so war das nun mal, an diesem Ort, an dem Anerkennung vielfach auf das Drücken eines Knopfes reduziert war.

Manchmal ergänzt um Kommentare, auch hier wusste der Besonnene, dass es die gab, denen es am Herzen lag, etwas zu meinen und zu sagen, deren Urteil geschätzt und wertvoll war und die, die meinten, zu allem etwas zu sagen zu haben und doch nichts hinterließen, nichts, was von Bedeutung war.

Die Statistik war ein vielbeachtetes Gut und der Programmierer krank, auf Dauer verhindert, nicht zu greifen.
Die Arbeit lag brach. Musste aber dennoch getan werden.

Anpassungen mussten vollzogen werden, Technisches zueinander gebracht. Und keiner, der das konnte, war greifbar.

Nur der Praktikant.

Ihm übertrug man den Auftrag.
Ihn wies man an, zu tun, was sonst Wissende zu tun hatten.
Er wusste nichts und tat es dennoch.

Von da an begab es sich, dass seitens der zahllosen Anwender wahrgenommen wurde, dass die Zahl derjenigen, die etwas mochten, minütlich variierte.
Man sah darauf, es waren nur einer, man sah darauf, es waren viele.
Das Werte differierten,nicht mehr greifbar, hatten ihren Wert verloren, wurden zum Thema für Humor und Missgunst, Diskussion und Ärger.

Tag um Tag drang der Praktikant tiefer und tiefer in die weiche Materie vor, schuf Fehler um Fehler, zerstörte binnen Wochenfrist, was der erfahrene Programmierer in mühseliger Kleinarbeit über lange Zeit geschaffen hatte, trug ab, was so stabil errichtet wurde.

Der Praktikant kannte kein Halten mehr.
Man reichte ihm Kaffee, brachte ihm Leckeres vom Pizzalieferanten, stellte koffeinhaltiges dazu, gab ihm ein Entgelt.
Weniger als dem Programmierer, aber dennoch genug, ihn, den kleinen Praktikanten zufrieden zu stellen.
Versprach ihm Zeugnis und Urlaub.

Er schmeckte die Macht, genoss den kleinen Wohlstand, er tat, was er nicht begriff, erhielt Lob und Zuwendung.
Man vertraute ihm.

So lange noch Werte in die Statistik einflossen, konnte es nicht falsch sein was er tat.
Er war ein glücklicher Praktikant. Nicht mehr, nicht weniger.

Manch Anwender begann sich auf die Rückkehr der Programmierers zu freuen, sehnte den Tag seiner Wiederkehr, seiner Genesung herbei.

Wollten zwei mal hintereinander auf ihre Beiträge sehen und feststellen, dass die Anzahl der “Gefällt mir” von steigender Zahl, nicht einer Schifferschaukel gleich, mal hoch, mal runter, mal vorwärts, mal entgegengesetzt, mal zum Stillstand gekommen war.
Zu schön wäre es, wieder auf Verlässliches zu blicken.

Sie warten noch immer…

Praktikant

Statistikschrott

14 Gedanken zu “WordPress und der Praktikant

  1. Jetzt ist mein Kommi flöten, ?@€!!!
    Eine Kappe Wut bitte!
    Also nur der Schlusssatz noch einmal:
    Ein fröhlicher Praktikant, lernt von den anderen, ohne zu verlangen, gebend und wenn er es gut anstellt, danken es ihm die anderen, indem er eine Seele vom Geschäft wird.

    Sonntags Gruß aus dem wilden (Nord-) Westen in die Walachei und toller Text, heiheihei…:)

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  2. Treffend geschrieben, die Idee mit dem Praktikanten gefällt mir, vielleicht bekommt er ja eine Festanstellung, oder legt die Vinyls auf. Nein, letzteres darf nur der Chef!
    Bei deinem Foto bin ich etwas erschrocken, wer war in meinem Keller???
    😉

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