Sturm

Gedanken über den Wind…
Kleines Windspiel sozusagen

Der Sturm ließ nie bis zur Stille nach, kannte nur die Steigerung.

War da, überdeckte die kleinen Zeichen des Lebens, das ruhige Atmen, das rascheln der Haare auf dem Kissen, das Streicheln über Haut.

All dies blieb unter dem steten Reissen des Sturms an Ästen und Gemäuer verborgen und war bald vergessen, existierte nicht einmal mehr in einer Erinnerung.
Klänge verwischen schnell, wenn sie nur noch in Gedanken existieren, wenn im eigenen Leben kein Platz mehr für sie ist.

Raus ging man nur noch für das Nötigste. Wenn es sich nicht mehr vermeiden ließ.
Undenkbar ohne Schutz für Augen und Ohren.
Wer einen besaß, trug einen Sturzhelm mit Visier.

Schottete sich noch mehr ab, als das Heulen des Sturmes es schon tat. Verkleinerte das Außen auf einen schmalen Schlitz und ein dumpfes Heulen. Dichtete offene Ärmel mit Tape ab, stopfte die Hosenbeine in Socken oder hohe Stiefel.

Vermied den Kontakt mit allem, was an einem zerrte.
Sprache verlor draußen seinen Stellenwert, anbrüllen war unsinnig, machte heiser, zwang einem zum heftigen Atmen.
Eine reduzierte Zeichensprache war das Mittel der Wahl, Handel beschränkte sich zumeist auf die Menge, die man mit den Fingern einer Hand zeigen konnte.

Der Mittelfinger blieb ein eindeutiges Zeichen, wenn auch nur noch ablehnend, nicht mehr so herablassend gemeint.

Man beschränkte sich aufs Wesentliche und eilte dann weiter.

Das erzwungene Schweigen war hilfreich, wenn es kleine Handelskonflikte gab, wenn der Preis für Brot und Milch wieder gestiegen war, das Einverständnis erst nach einigen eindeutigen Gesten erklärt wurde.

Der Sturm schliff die Städte. Trieb große Mengen an abgerissenem Papier vor sich her, in die Ecken, wirbelte sie dort in endlosem Strudel herum.
In kürzester Zeit waren Plakatwände Vergangenheit. Abgerissen und uninteressant. Nicht mehr erneuert.
Sinnlos, nur Futter für den Sturm.
Was nicht gut befestigt war, war unfreiwillige Opfergabe für den Gott des Sturmes.

Der Sturm war kein lokales Phänomen.
Der Sturm war schuld, dass die Preise für T-Shirts, Hemden und Hosen ins unermessliche stiegen, dass moderne Elektroartikel Mangelware wurden, Öl nur noch rationiert verteilt wurde. An Kauf war angesichts der sich täglich multiplizierenden Preise nicht mehr zu denken.
Schifffahrt war ein Relikt, eine noch nicht verblasste Erinnerung.

Der Flug, der Reisende in fremde Städte brachte, nur noch in Ausnahmefällen gestattet. Die Zahl der Gründe, einen Flug zu riskieren, war gering.

So lange die transkontinentalen Kabel noch hielten, war ein Dialog über die Ozeane, auf den haushohe Wellen alles zerschlagen, möglich. Die Satelliten sendeten sinnlose Signale, die Emfangsanlagen waren in den ersten harten Stürmen, gegen die sie prallenden Massen nicht gewachsen.

Internet als globale Verbindung wegen der schwindenden Leitungskapazität für den kleinen Bürger abgeschaltet.

Man hatte wichtigeres zu tun, als Statusmeldungen zu posten, Bilder vom Urlaub am Strand würden wohl nur noch von Selbstmördern eingestellt.

Der Sturm hatte das Leben der Menschen gereinigt.
Frischen Wind gab es nun mehr als genug.

Wellen

5 Gedanken zu “Sturm

  1. And I know which way the wind blows … Sturm im Wasserglas, oder Wenn der Nordwind weht? Manches hinwegzufegen wäre nützlich. Nicht nur den Unrat der neuen Zeit. Ein Werbeslogan fällt mir ein: Wir machen den Weg frei! 😉

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  2. Vom Winde verweht, leider, diese mahnenden Worte in die Ohren volldigitalisierter Meteorologen, die hartnäckig: alles völlig normal!
    brüllen.war schon immer so!
    Während sie sturmverweht querbeet mit dem Flauschmikrophon im Windkanal hängen und Wahrheit gegen den Wind brüllen:
    Morgen ist auch noch ein Tag…

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    • Immer wieder ein unterhaltsamer Anblick.
      Wenn angesichts irgendwelcher Superstumkatastrophen grenzdebile Moderatoren inmitten von Sturm und peitschendem Regen stehen und überflüssigstes ins Mikro brüllen, am besten noch in der Hochwasserhose im hüfthohen Wasser….
      Man darf sich wundern.

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