Jobs – Teil Vier: Videos

Abteilung:
Jobs, die man nicht im Lebenslauf vorfinden möchte.

Noch einmal zurück in die 80iger. Die späten 80iger.

Eine Zeit, in der ich selbst in den frühen 20igern war.
Eine Zeit, in der viele andere schon den klar sichtbaren, gut ausgetretenen Weg des Vorhersehbaren gehen oder schon gegangen sind.

Ich für meinen Teil war da noch ziemlich offen gegenüber allem.
Und so kam es dass ich in einer kleinen Videokopieranstalt landete.

Wir, die wir alt genug sind, erinnern uns.
Der erste große Formatkrieg war schon beinahe wieder vorbei, gewonnen hatte VHS.
Video 2000 oder beta, eine der vielen Totgeburten von Sony war schon beinahe Geschichte, kennt noch jemand Minidisc mit der unseligen Atrac Alternative, die als hauseigenenes Format, dem sehr brauchbaren mp3 sinnloser Weise Konkurrenz machen sollte?
Kennt noch jemand den Sony Memory Stick, der die Compact Flash und später die SD Speicherkarte verdrängen sollte?
Amazon listet das nicht mal mehr als Gebrauchtartikel.

Soviel zum historischen Rückblick wie Firmen Unmengen von Geld für erfolglose Produkte ausgeben.

Zurück zu einem Teil meiner erfolglosen, späten Jugend.

Ich war Lagermitarbeiter in einer Videokopieranstalt.

So einen Laden darf man sich so vorstellen:
Ein Lager, in das leere Videokassetten, man erinnert sich, sperriges Zeug, nach Laufzeit des Bandes einsortiert werden.

Ein Lager, in das die fertig kopierten Filme einsortiert werden.

Ein Raum, in dem die Bänder ausgepackt werden und auf Rollwägen geschlichtet werden.

In einem Raum, auf zahllosen Regalen, standen Videorekorder, die mit einer Hydra an Kabeln miteinander verbunden waren.
Dort wurden die Bänder in Echtzeit, sprich ein Film dauerte 60 Minuten, dann dauerte auch der Kopiervorgang so lange, bespielt.

Ein Prüfraum, an dem die Damen des Hauses, welch schräger Witz, warum ausgerechnet Frauen, die Pornos die wir kopierten auf Qualitätsmängel, sieht mich jemand lachen, überprüften.

Ja, wir vervielfältigten Pornos. Die Harten.

In einer Zeit, in der Porno noch im Schmuddel der Hauptbahnhofgegend in Kabinen stattfand.
In denen man saß, eine Mark einwarf, damit sich ein Schieber für kurze Zeit öffnete und man einer Frau zusah, die an sich herummachte.
In dieser Zeit war eine Videokassette, voll mit saftigen Pornos das große neue Ding.

Internet geisterte, noch nicht mal weit entfernt, nur in den Köpfen einiger Nerds herum. Nerds wussten noch nicht einmal, dass sie welche waren.

Der Porno auf Videokassette war die Sensation.
Und wurde in rasenden Mengen produziert und kopiert.
Ich war Teil dieser Maschine, wenn auch nur ein Lagerist, der Bänder durch die Gegend schob, auspackte und alle 60 Minuten aus den Maschinen nahm und sie zu den Prüfständen schob.

Besagte Prüfstände, an denen 8 Stunden täglich die härtesten Filme liefen und davor saßen ausschließlich Frauen, die sie teilnahmslos betrachteten, sie auf Kopierfehler stichprobenartig durchsuchten. Es muss unerträglich gewesen sein.
Unbeantwortete Frage: Warum nur Frauen am Prüfplatz?

Beim Vorbeigehen durfte ich immer neue Untiefen des körperlichen Beisammenseins erkunden. Bruchstückweise und doch mehr als ausreichend.
Ich hatte so etwas bis dahin noch nie gesehen, nie das Bedürfnis gehabt, mich an so etwas zu berauschen.
Es war einfach nicht Teil der persönlichen Entwicklung. Nicht damals.
Mich verwunderte es nicht, das es existierte, aber es zog mich auch nicht an.

Wie bei meinem Kartoffeljob gab es auch hier Freitags ein Ritual, dass man sich Filme mit nach Hause nehmen durfte.
Der Firmenvideoverleih.

Da schoben sich dann die Massen der männlichen Mitarbeiter ins Lager und grabschten sich allerlei auf Video festgehaltene Unterleibsakrobratik und verschwanden unauffällig damit.
Unauffällig war wichtig. Dumm kommentiert wurde da nie. Man sah sich nicht an und schwieg.

Überhaupt war der Laden vollkommen zotenfrei.
Man hätte auch ein Lebensmittelprodukt oder Badezimmerarmaturen herstellen können. Der Umgang mit der Sache Porno war neutral. Klinisch neutral.
Es erleichterte die Arbeit ungemein.

Wir machten diesen Job zu dritt, mein damals guter Freund U. und ein neuer Freund T. Wir liehen uns nie Pornos aus.
Suchten, zwischen all dem Körperöffnungskram nach den Spielfilmen, die unerklärlicherweise auch kopiert wurden.
Darunter solche Juwele wie Highlander oder Ähnliches.

Der Job an sich war ordentlich bezahlt und ziemlich entspannt, wir hatten viel Leerlauf.

Und wir machten Blödsinn.
Damit die Bänder während des Transports nicht aneinander scheuerten, lagen Kunstoffplättchen zwischen ihnen, die wir beim auspacken entfernten.
Sie dienten uns als Bastelmaterial und bald wurde der Lagerraum mit endlosen Mengen kleiner Phantasietiere verziert.

Wir bastelten uns Diademe und rannten dann schon mal den halben Tag mit hübscher Kopfverzierung durch den Laden.
Manchmal wurden voluminöse Ringe daraus und wir zogen den Hubwagen mit herrlichsten Prätiosen reich geschmückt.

Es war auch hier ein halbes Jahr, bis ich mich wieder anderem zuwendete.
Bis die Sinnlosigkeit des Tuns über den Gelderwerb triumphierte und mich aus der Firma trieb.
Es brachte weder einen großen Erfahrungsgewinn noch Wohlstand, noch Perspektive, wie es weiter gehen sollte.
Das kam später.
Ich war jung, ich hatte Zeit.
Unendlich viel davon.

VHS-Kassette

 

Teil einer losen Serie über die Jobs und das Werden.
Teil eins gibt es hier:

https://foodandwineporn.de/2014/01/11/der-deal/
Hier Teil zwei:
https://foodandwineporn.de/2014/01/13/jobs-teil-2-kartoffeln/
Teil Drei:
https://foodandwineporn.de/2014/01/14/jobs-teil-drei-die-drei-damen-vom-grill/

3 Gedanken zu “Jobs – Teil Vier: Videos

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