Zeichen des Verfalls

Der Tag ist ein denkwürdiger, tut einiges dafür, dass man sich an ihn erinnert. Lässt nichts unversucht.

Der Tag, an dem das Altern ungeheuren Fortschritt macht, in Form eines Eingeständnisses.

Ich gleite ruhelos in nobler Karosse durch die Vorstadt, der kleinen Boutique entgegen.

Die Auswahl, vorzüglich, geschmackvoll, von hilfreichem Personal präsentiert.

Die Häppchen gereicht, kühle Getränke untermalen den Genuss, der dann doch keiner ist. Wollen Ablenken, wovon es kein Entkommen gibt.

Die Erkenntnis sitzt tief, frisst sich, schneller als das perlende Nass die Kehle herunterlaufen kann, in Geist und Bewusstsein:
Gegen das Alter, das Altern, den stetigen Verfall ist kein Kraut gewachsen. Da hilft kein Jammern und Verweigern, hilft kein Sträuben und sich Abwenden.
Das Alter macht einem die Haare grau, malt dunkle Flecken auf den Handrücken, mindert Hörgenuss und Augenlicht.

Und Letzterem wenden wir uns heute zu.
Letzteres war in den Top Ten des schleichenden Verfalls der Neuzugang der Woche, lieber des Jahres, wenn’s beliebt.
Steht nun in den Charts an vorderster Stelle, fordert Tribut und Aufmerksamkeit.

Ich wende mich dem Personal zu, gebe Preis, was schon länger in mir schlummert, ersuche Unterstützung und Milderung der Pein.
Will wieder sehen, was in handbreitem Abstand vor der eigenen Nase geschieht, will Gestell und Glas in ausgewählt passender Form auf Ohr und Nasenrücken balancieren.

Eine Brille muss her.
Banale Wahrheit in viele Worte gepackt.
Symbol des Verfalls in schlichter Pracht im Gesicht verankert.
Sichtbar für jeden, sichtbar für mich.

Ich trage mit Stolz ein breites Gestell, mit dunklem Rahmen und schlichter Form.
Improvisiere Format und Material, fülle Lücken im eigenen Geschmack, so kritisch beäugt, so prächtig beraten von der wohlgeschätzten, gnädigsten Herzensdame.

Derart gestützt fällt die Wahl, nach Vermessen und eigenem Ermessen, nach Verwurf und belustigtem Hohn.
Das Schlichte in Schwarz, das wird es sein.

Du nicht, Du Feind der Jugend, du Spiegel des Verfalls.
Du wirst mir nicht den Tag eintrüben.
Dir steh’ ich entgegen, Dich mach ich mir zu eigen.
Dich mach’ ich mir zum Freund, schau Dir geradewegs ins Gesicht, dass dann doch nur das eigene ist.

scharf

13 Gedanken zu “Zeichen des Verfalls

    • Ein Hörgerät wäre tatsächlich ein Alptraum. Damit warte ich noch bis Anfang 70, wenn’s denn überhaupt sein muss. Vielleicht gibts in 20 Jahren bessere Technik als heute 🙂 Vermutlich aber keinen, der sie bezahlen kann..

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