Jobs – Teil Fünf: Grundlagen

Es wird wohl so gegen Ende der 80iger gewesen sein..
Ist auch nicht so wichtig.

Meine Welt war schwarz, die Haare lang, die Hemden und Schuhe bedruckt mit Totenköpfen. Robot und Excentric in München waren, wenn Geld übrig war, gute Lieferanten für den richtigen Style. Meistens war zu wenig übrig. Leider, leider.

Ich war überzeugt von mir und meinem Aussehen, trug das Schwarz mit großem Selbstverständnis.
War mal wieder auf der Suche nach einem neuen Job.

Bewarb mich bei einer großen Bank am englischen Garten zur Dateneingabe. Wurde eingeladen.
Trotz düsterem Bild aus der Fotokabine auf dem Bewerbungsschreiben.
Kam nicht mal im Ansatz auf die Idee etwas anderes anzuziehen als mein La Rocka Totenkopfoutfit. Ich würde heute keine Wetten darauf abschließen wollen, überhaupt etwas anderes besessen zu haben.

Ich weiß noch, dass ich es über den Empfang des Hauses hinaus schaffte, bis ins Personalbüro. Dass da sogar ein Gespräch stattfand.
Den Job zur Dateneingabe am Computer habe ich nicht bekommen.
Die Gründe? Ich erinnere mich nicht mehr. Haha.

Später dann, die freundlichen, damals noch unterbeschäftigten Damen und Herren vom Arbeitsamt dass ich damals bemühte vermittelten mir, nachdem sie sich von mir versichern ließen, dass ich viel, sehr viel Erfahrung im Umgang mit Computern hatte, einen Job zur Dateneingabe in Ottobrunn.

Ich machte mich auf den Weg, kam zu einer kleinen Firma.
Ein Betrieb der elektronische Bauelemente in Kleinmengen an Universitäten und Unternehmen für deren Eigenentwicklungen verkaufte.
Damals war Deutschland noch ein Technologieland.
Damals galt der Ingenieur in der eigenen Firma noch etwas.

Sie suchten jemanden, der ihre Adressdatenbanken überarbeitete, Datensätze überprüfte.
Kurz, sich um die Kronjuwelen kümmerte.
Genau der richtige Job für mich. Genau mein Ding.
Mein Äusseres war ihnen egal, sie wollten nur wissen, ob ich das auch beherrschte.
Ich zögerte nicht und bejahte.
Wir wurden uns einig.
Ich hatte nicht den kleinsten Schimmer von Computern.

Windows existierte damals zwar schon, war aber eine Lachnummer.
Wer arbeiten wollte, verwendete die Kommandozeile, kannte DOS, beherrschte das Erstellen von Scripten, in denen einzelne Befehle, die für sich kaum etwas konnten, zu mächtigen Befehlsabläufen zusammengesetzt wurden.

Ich konnte ein Verzeichnis aufrufen, weil ich bei einem Kumpel beobachtet hatte, wie er den Befehl “dir” eingetippt hatte.
Das musste langen.

Irgendwie überlebte ich den ersten Tag.
Ich weiß nicht wie.

Ich rief meinen Kumpel F., damals schon ein Nerd, an und bat um Hilfe, fuhr zu ihm, ließ mir binnen eines Abends die wichtigsten Befehle beibringen.
Machte hektisch Notizen, schrieb auf, was ich nicht verstand.
Begriff nichts, notierte alles.

Kam am nächsten Tag wieder.
Klemmte mich hinter einen Rechner, dessen magere Leistungsfähgkeit, dessen winziger Arbeitsspeicher und die mickrige Festplattenkapazität selbst im Vergleich zu einem heute 5 Jahre alten Smartphone bestenfalls als armselig zu bezeichnen war, und begann zu tippen und zu machen.

Wuchs an meinen Möglichkeiten.
Begriff, was ich am Vorabend nur mehr oder weniger stumpf notierte und begann die Adressdaten zu überarbeiten.

Binnen weniger Tage kannte ich die Namen und Postleitzahlen aller Universitäten und Forschungseinrichtungen, egal ob von dem Forschungszentrum Jülich oder dem Hahn Meitner Institut in Berlin.
Korrigierte Schreibfehler, fasste Datensätze zusammen, druckte Listen.
Es war wie ein Spiel, in dem ich die Regeln selbst bestimmte.
Keiner kam und korrigierte was ich tat, wohl auch, weil ich es gut tat, weil die Resultate, die Listen immer besser wurden.
Man ließ mich.

Einige Tage später fragte man mich, ob ich nicht angesichts der hohen Anzahl an Datensätzen nicht auch Zuhause weiter arbeiten wolle.

Ich bejahte, musste aber einräumen, dass ich keinen Computer hatte.
Was heute wie ein Anachronismus erscheint, war damals die Regel. So gut wie kein Mensch hatte einen Computer einfach mal so zuhause herumstehen.
Ein Mac II Rechner System kostete nur ein Jahr später um die 40.000 Mark. Mit Drucker. Nur so als Orientierung.

Sie lösten das Problem des fehlenden Computers auf elegante Art und Weise.
An dem Abend wurde ich, ich hatte weder Führerschein noch Auto, nach Hause gefahren, mitsamt Rechner, Bildschirm und Tastatur.

Die Daten hatte ich mit Hilfe eines Archivprogrammes, das in der Lage war, die gigantische Datenmenge mehrerer Megabyte auf labbrige 5 ¼ Zoll Disketten zu verteilen, abgespeichert.

Es dauerte jedes Mal eine gute Viertelstunde dieses gigantische Maß an Daten zu sichern oder zu entpacken.
Ein Bild einer aktuellen Digitalkamera nimmt mehr Speicherplatz ein. Auch das nur so zur Orientierung.

Ich war also binnen weniger Tage vom mittellosen Mann in Schwarz zum Mann in Schwarz mit Computer nebst bernsteinfarbenen Display aufgestiegen.

Verbrachte die Abende mit der Fortsetzung meiner täglichen Arbeit und die Nächte mit Tetris, mit Space Quest.
Keine Ahnung, woher ich das hatte.
Selbst damals flog einem so etwas schon zu.

Wachte irgendwann einmal schweißgebadet in der Nacht auf, weil ich meine erste .bat Datei geträumt hatte, eine Datei, die komplexe Befehlsabläufe beinhaltete.
Was man damals eben so komplex nannte.

Begriff, was mir noch vor wenigen Wochen ein Rätsel war, dass ich nicht einmal kannte.

Machte meine Arbeit, erhielt das Angebot fest dort zu arbeiten im Rahmen einer Ausbildung, ein Angebot, dass ich damals, schon Anfang Zwanzig, nicht ablehnte.

Nahm Fahrt und Kurs auf.
Steuerte Neuem entgegen.
Ließ es, wie so oft, darauf ankommen und auf mich zukommen.

wordstar-001

Teil einer losen Serie über die Jobs und das Werden.
Teil eins gibt es hier:

https://foodandwineporn.de/2014/01/11/der-deal/
Hier Teil Zwei:
https://foodandwineporn.de/2014/01/13/jobs-teil-2-kartoffeln/
Teil Drei:
https://foodandwineporn.de/2014/01/14/jobs-teil-drei-die-drei-damen-vom-grill/
Teil Vier:
https://foodandwineporn.de/2014/01/31/jobs-teil-vier-videos/

10 Gedanken zu “Jobs – Teil Fünf: Grundlagen

  1. Da kommen Erinnerungen hoch. Man war ein Nerd schon wenn man auf den Bildschirm starrte. Viel Zeit verbrachte ich mit dem Umstellen der Startdateien. Hätte ich damals bereits Kinder gehabt, sie hätten Config-Sys und Assembler, Autoexec-Bat und Turbo-Pascal geheißen.
    Moment mal … MS-Dos, die Schule geht los, zieh dir ne Jacke an! Jaja, tschüss.
    Also: eine besondere Zeit, ein wenig Big in Japan, wenn man cool war und sich völlig loslösen wollte.

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  2. Auf der Uni hatte ich mich mit Linux beschäftigt. Nicht mit der bunten Welt der Fenster, die es auch für Linux gibt. Nein, mit kryptischen Befehlen auf schwarzem Hintergrund. Spannend fand ich die nicht wirklich und Liebe ist es nie geworden. Aber ich habe daher wenigstens eine ungefähre Idee wovon du sprichst. Von DOS habe ich zumindest gehört, erlebt habe ich es nie. Muss eine lustige Zeit gewesen sein 😉 Meine Welt war immer schon von Fenstern geprägt. Und das ist so geblieben.

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  3. Ich liebe deine Jobgeschichten. Diese Mischung aus selbstbewusst und orientierungslos, aus Einfachmitfließen und Erfahrungshunger, die skurrilen Szenen, „schnöde“ (hier nicht negativ gemeint) vorgetragen. Großartige Vorstellung, wie sie dich samt Computer nach Hause gefahren haben. Was du schreibst, kommt mir ein bisschen vor wie die Keimzelle des Cyberpunk. 😉

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    • Danke fürs Lesen und die freundlichen Worte. Das macht mir Freude.

      Cyberpunk wäre ich gern gewesen, habe Neil Stephenson und William Gibson auch immer bewundert.
      Neuromancer!
      Aber selbst habe ich nie auch nur eine Zeile gehackt.

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  4. Deine Jobgeschichten sind ausnahmslos sehr unlangweilig bzw. hoch interessant.
    Wenn ich das täte, würde ich viel zu viel rumliegenden Gefühlsmüll mitnehmen, das würde es verdammt unattraktiv machen. Hier ist kluge Nerdsachlichkeit im Spiele!-

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  5. … und noch heute schnuppern Studenten gerne die Luft der Konsolenbefehle. Im ersten Semester bin ich für eine Weile zwischen Win und Linux gependelt, um mit vielen tollen Compilern in der Konsole zu arbeiten. 🙂

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