Koma und der Biomarkt

Morgenrituale, ungeliebt.
Ich steige in die Dieseldreckschleuder und fahre in den Biomarkt.

Die Wunder wollen nicht enden.
In meinem Ort kann ich weder Klopapier noch Getränke kaufen aber es gibt einen Biomarkt.
Der eigentlich auch gleich die Funktion der Apotheke übernehmen könnte. Bei den Preisen übernimmt er schon die Funktion.

Ich bin kein Biomarktüberzeugungseinkäufer.
Ich kannte mal einen Bauern, man soll ja Landwirt sagen, aber egal, also, einen Bauern eben.
Bei dem war das Pferd eingestellt, im Offenstall, ein schönes schweres Kaltblut.
Zierlich konnte ich noch nie ab.

Neben dem Offenstall war ein kleines Feld, Gemüse wurde dort angebaut, Gemüse mit Biosiegel, das in kleinen Mengen auf dem Wochenmarkt angeboten wurde oder direkt ab Feld verkauft wurde.
Der Offenstall, das Feld, lagen außerhalb des Ortes, kaum Publikum.
Kaum einer, wohl eher keiner, der mal zugesehen hat, wie sie das Feld mit dem üblichen Dreck düngten, all das taten, was nicht so ganz bio, dafür aber billig und schnell war.
Sie wussten, wann die Kontrolleure kommen, haben die Drecksdüngersäcke dann mal in den Sattelraum gestellt.
So einfach war das.
Also: Scheiß auf Bio. Wenn die das machen, machen es alle…

Ich schweife ab.
In Ermangelung einer nahgelegenen Einkaufsalternative schwinge ich mich also in meine Dreckschleuder, die bei Bedarf auch mal den Bentley macht und rolle zum Biomarkt.
Die Magentabletten gegen die Übersäuerung prophylaktisch schon eingeworfen.

Die elektrische Tür öffnet sich. Willkommen in Komaland.
Ein ungeschriebenes Gesetz besagt, dass sowohl Stammkundschaft, als auch Personal ihr Leben in der Zeitlupe verbringen.

Und dann komme ich.
Mit schlichten drei vier Wünschen aus dem Sortiment der Brottheke. Ich habe keinen Gesprächsbedarf, will nicht die Ruhe an diesem kontemplativen Ort genießen, will einfach nur rein, bestellen, bezahlen und raus.
Es ist eine Tortur.

Der Ökaladenangestellte ist nicht nur anders gekleidet als der durchschnittliche Supermarktangestellte, er, respektive sie lässt die Individualität auch gern mal so richtig raushängen. Dafür haben sie nicht umsonst bei der Sicherheitskonferenz und in Stuttgart demonstriert.
Das macht sich dann im Gesprächsbedarf, in der Langsamkeit, nein, man muss es natürlich das Tun mit Bedacht nennen, in Aufnahmestörungen, wenn mal drei Sachen gleichzeitig gewünscht werden und der Unfähigkeit die Kassentechnik zu bedienen, bemerkbar.

Ich bin nebenberuflich Biomarkttester, wenn ich Gelegenheit habe und Lust, mein Bild abzurunden, gehe ich in den Biomarkt und egal, ob ich das in München, in Hamburg oder am Arsch der Welt tue, das Einkaufserlebnis, haha, es ist immer das Selbe.

Komatöses, fachfremdes Personal mit dem Hang zur Langhaarigkeit (wird gern auf Wurst und Käse genommen) oder geschlechtsübergreifenden Vollbärtigkeit, füllt bedächtig, ritualgleich Regale auf, kassiert trotz endloser Schlangen, die sich durch den Laden winden nur an einer Kasse und nur kontemplativ versonnen die Ware ab.
Freut sich über ein kleines Gespräch, liebt das Leben.

Ich tue mir das jeden Samstag morgen an, ich habe einfach keine Lust weiter zu fahren, schon gar nicht im Winter.
Die Sitzheizung des Bentley muss mal repariert werden, sie kommt altersbedingt kaum noch auf Touren, ist durchgesessen.
Nötigt mich zum Naheinkauf, der dann jedesmal zur persönlichen Zerreissprobe wird.

Liebe Designer des Bioladenkonzepts, verkauft wegen mir überteuertes Gemüse und Fleisch von einwandfreier Herkunft, ich lächle, wenn ich das schreibe, aber bitte, bitte bitte überdenkt euer Personalkonzept.
Bitte geht mal in einen gewöhnlichen Supermarkt und beobachtet, wie selbst nur angelerntes Personal Ware in windeseile abkassieren kann, wie Regale schnell und effizient aufgefüllt, wie Schlangenbildung vermieden werden kann.

Kauft euch einen Liter Milch von armen unterdrückten Milchseeproduzenten und beobachtet und lernt. Bitte.
Ich zahl’ auch gern 1,20 für eine Semmel, aber bitte lernt.

Biomarkt

6 Gedanken zu “Koma und der Biomarkt

  1. Es gibt so einige Redewendungen, die schleichen sich in meinen täglichen Sprachgebrauch ein, „Geschlechtsübergreifender Vollbartträger“ könnte einer davon werden 🙂 lol, direkt nach der schnarchenden krasnianischen Schleichmücke, oft anzutreffen morgens auf dem Weg zur Arbeit 😉

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  2. Sensationelle und absolut treffende Beschreibung. Zwei Dinge, die mir auffallen, wenn ich einmal in einen Buoladen komme: 1. die meisten Kunden sind total entspannt, wenn sie Ewigkeiten an de Kasse warten müssen. 2. die meisten Kunden sehen nicht besonders gesund aus. Ich stelle mir dann immer die Frage, ob sie deshalb zum Bioladen gehen oder ob es eine Folge des Bioladens ist?

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