Allein

Sie sind mit ihm raus gefahren. Raus in die Natur.
Dort ließen sie ihn aussteigen.
Führten ihn eine Weile mitten durch den Wald, trugen ihm an, zu warten, machten kehrt und gingen zu dem Wagen zurück, fuhren weg.

So stand er da.
Blind.

Nicht blind von Geburt, deshalb im geringen Maß mit der Fähigkeit versehen, sich im unbekannten Raum zu orientieren.

So stand er da.
Ließ die Umgebung ihren Weg in sein Ohr finden.

Er gewann nur eine oberflächliche schemenhafte Vorstellung seiner Umgebung, begriff vielleicht, dass er weit ab von Straßen und Häusern war, weit weg von Menschen, weg von Hilfe.

Stand da und erfasste das einzig Wichtige. Begriff, dass er alleine war.
Das er nicht mehr war als ein Fremdkörper an einem fremden, vielleicht feindlichen Ort.
Stand er einen Schritt von einem Abgrund entfernt? Nein, das würde er wahrnehmen, vermutlich hören können.
Stand er einen Schritt vor abschüssigen Gelände?
Das mochte so sein.
Waren vor ihm Bäume mit Geäst, dass ihm ins Gesicht kratzen würde?
Möglich. Er würde es herausfinden.

So stand er da, unsicher, den ersten Schritt zu machen.
So würde das nicht funktionieren.
Er sank auf seine Knie, tastete die Umgebung um sich herum ab.
Griff in weiches, kleines und spitzes.
Konnte sonst nichts ertasten, ließ sich auf seine Hände fallen, neigte den Kopf ein wenig zu Seite, um sich nicht irgend etwas frontal ins Gesicht zu bohren, dem er in den Weg kam und kroch auf allen Vieren los.

Wenige Schritte weiter griff die Rechte in eine Erhebung, sank ein, verweilte nur einen Moment, als Blitze des Schmerzes ihn durchfuhren, der Schrecken ihn erfasste, als er begriff und hektisch die Rechte mit der Linken abwischte, die Hände aneinander klatschte, sich panisch einige Hundeschritte weit zurückzog.

Seine erste Begegnung im Feindesland war die mit Ameisen, die nun in dem kleinen Rest, der noch auf ihm ums Überleben kämpfte, ausschwärmten.
Er begriff, was es war, versuchte sich an die Richtung ihres Baus zu erinnern, schlug die vermeintlich entgegengesetzte ein, zerkratze sich prompt die Wange am Geäst eines Busches, zuckte, schrie auf vor Wut, schlug um sich.

So lag er da, beruhigte sich, versuchte einen klaren Gedanken zu fassen.
Wie spät war es?
Spielt es in ewiger Dunkelheit eine Rolle? Würde es hier, wo er war, ausgesetzt, eine Rolle spielen?

Er hörte Vögel, die ohne Hektik ihre Rufe durch die Leere schallen ließen.
Ein Hinweis auf die Tageszeit, immerhin. Er zog nur geringen Nutzen daraus.

Er durchsuchte seine Hosentaschen, fand nichts, ein paar Münzen, nur sinnvoll, wenn er in die Nähe eines Automaten käme, eines Automaten, dessen Sinn sich ihm nicht erschließen würde. Münzen ohne Nutzen.

Polohemd, leichte Hose, Stadtschuhe. Nicht viel für fremdes Terrain.

Er begann zu rufen, pausierte, horchte, vernahm, dass die Vögel für einen Moment verstummten, rief erneut, nachdem sie wieder ihr Singen begonnen hatten und horchte wieder, ohne Erfolg.

War allein.
Keine Brotkrumen zurück nach Hause, niemand, der ihn suchen kommen würde.

Wie viel Zeit war vergangen, seit dem er hier war?
Er wusste es nicht, ein wenig war es wohl, er verspürte Anzeichen von Durst und noch nur wenig Hunger.

Er erhob sich, schwankte, ob der ihm unbekannten Umgebung.
Streckte die Arme nach vorne und ging los.

Manchmal liegt auch im Tun nur Sinnlosigkeit.
Manchmal bewahrt einen der Drang zu Handeln nicht vor Schaden.

Sie kehrten nach wenigen Stunden zurück an den Ort, suchten, riefen, fanden ihn nicht mehr, warteten eine Weile, horchten, resignierten und kehrten Heim. Beschlossen, dass er das Spiel verloren hatte.

Aufpassen

5 Gedanken zu “Allein

    • hat es. Absolut.
      Habe gestern Abend eine Geschichte von jemandem gehört, der über Nacht sein Augenlicht verloren hat. Unwiederbringlich.
      Das war wohl Anlass für die kleine Mär.

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