Unter Tränen…

“Damit kompensiere ich meine Verzweiflung.”

Den Satz habe ich heute Nacht gesagt bekommen. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass ich mitten in der Nacht aufwache, die Fernbedienung greife und einschalte.

Schlaftrunken, müde, nicht wirklich da.

Michael Ballhaus, alt ist er geworden. Seit Jahren ein Name, den ich verbinde, mit Kameraarbeit vom Feinsten, mit Martin Scorsese, Filmen, wie Gangs of New York, Goodfellas oder Under the Cherry Moon, diesem herrlich banalen, wunderbaren s/w Film, in dem Prince über den Marktplatz von Nizza stöckelt und alle, restlos alle, sind kleiner als er.

Das ist dann pragmatische Filmkunst, ich vermute, auch er hat gelächelt, nachdem er sein Werk betrachtet hat.

Eben dieser Michael Ballhaus, dieser Meister der Kamera, der in vielen Jahren Licht und Perspektive zu seinem Handwerkszeug machte, eben dieser, was für eine Tragik, besitzt heute nur noch 20 Prozent seines Augenlichts.

Ich wache auf, schalte ein, sehe ihn, alt, vom Alter gezeichnet. Er war so voller Sprungkraft, ein feiner und doch gestandener Mann, sehe ihn in alten Aufnahmen, die ihn in seiner Arbeit zeigen, war und bin voller Bewunderung für so einen, der sich hochgearbeitet hat, der das, was er da macht, durch und durch, bis zur Virtuosität beherrscht.

Ich wache auf, bleibe interessiert dran, lausche und schaue zu. Weiß nichts über ihn, sein Alter, sehe nur einen alt gewordenen Mann und dann, ganz beiläufig, wird erwähnt, dass er beinahe blind ist, dass er jetzt, wo ihm die Augen nicht mehr zu Nutze sind, Hörbücher hört, er hört Weltliteratur.

Und dann sagt er diese Worte, zögerlich, schluckend:
“Damit kompensiere ich meine Verzweiflung.”

Bis er das Wort “Verzweiflung” sagt, vergehen Sekunden, qualvoll, voller Schmerz, voller Erkenntnis. Er dreht den Kopf weg, will die Tränen nicht zeigen, die wissenden Tränen.

Da schönt er nichts, da weiß jeder, der kein Klotz ist, der nur ein wenig versteht, von dem, was er da Jahrzehnte, ein halbes Jahrhundert lang geleistet hat, dass diese Zeit nun vorbei ist. Endgültig.

“Damit kompensiere ich meine Verzweiflung.”
Das hat sich mir eingebrannt, will nicht aus meinem Hirn weichen. Das sitzt. Und wird bleiben.

http://www.mdr.de/artour/video185216.html – Dez 2014 (Das Video ist leider nicht mehr online…)

Wer mehr über Herrn Ballhaus und sein Leben wissen möchte,
Ende Juni hat er im SWR über sich gesprochen:

Und wer große Filmkunst, so wie Herr Ballhaus sie geschaffen hat, sehen möchte:

Das Spiel mit dem Fokus und die Kunst, den Betrachter in die Szene hineinzusaugen.

7 Gedanken zu “Unter Tränen…

  1. Der Satz ist kehlenverschnürend. Was für eine fürchterliche Erkenntnis. Ob er Trost findet in dem Wissen, daß so vieles von ihm überbleibt? Man weiß es nicht, ob das Trost spenden kann, in diesem Moment. Ich wünsche ihm Liebmenschen, die flüsternd seine Welt erhellen und mit Wortgewunder Lichtreflexe in seine Ohren zaubern.

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    • schauen Sie sich den Bericht an, ich habe den Link ans untere Ende des Textes kopiert.
      Ich habe nicht den Eindruck, dass hier Frieden mit den Umständen herrscht. Ich wünsche es ihm sehr, dass er Frieden findet, ich für mich, könnte es mir nicht vorstellen.

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      • Ihr Text ließ mich beschließen, den Bericht erst heute Abend anzusehen. Jetzt fürchte ich mich zu sehr. Es könnte meine Schnellschritte jetzt aus dem Takt bringen. Trotzdem wollte ich unbesehen der Hoffnung unter die Schwingen greifen. Sonst bleibt ja nichts…

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  2. Ja, wenn das Licht nicht mehr das Auge erreicht. Wenn Töne nicht mehr in den Ohren klingen. Wenn Muskeln nicht mehr Spannkraft zeigen. Das verzweifeln vor der Endlichkeit. Und Leben bekommt ein anderes Echo.
    ///
    Danke für deinen tollen Text.

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  3. Jetzt ist auch mir der Anblick eingebrannt. Und kurz schlug das Entsetzen über mir zusammen. Dann mischte sich die innere Pragmatikerpraktikantin ein und meinte: Moment, das sind zusammengeschnittene Sechsminuten eines mittelmäßigen TV-Senders. Deine eigene Meinung, ob er wirklich so unglücklich ist, kannst du dir eh‘ nicht bilden. Wenn du Einblicke nehmen willst, kaufe dir das Buch. Und das werde ich tun.
    Nichtdestotrotz ist die Szene unwiderruflich in meine Wand der Ängste eingebrannt.

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