Die Mauer

Links von ihm, die Mauer.
An ihr geht er entlang. Sucht den Weg durch sie hindurch.

Ist zahllose Male abgestürzt, im Versuch sie zu erklimmen, sie zu überlisten.

Die Mauer war gut darin, ihn zu blenden, ihm falsche Wege zu zeigen.
Wege über sie hinweg.
Es war, als ob sie ihm mit Vorsatz auf den Irrweg führte.
Hier eine Spalte, da ein Vorsprung.
„Komm hoch, hier ist es ein Leichtes. Komm.“
Wenige Armlängen weiter oben, immer nach dem Einsehbaren, verschwanden die Haltepunkte.
Wurde glatt, was nicht überstiegen werden wollte.

Wieder und wieder war es, als ob die Mauer ihm einen Gefallen tun würde.
Das Begreifen, dass kein Weg über sie führen würde.
Es kam ihm nicht zu Hilfe.

Getrieben von dem Wunsch, endlich zu sehen, was auf der anderen Seite auf ihn wartete, versuchte er es Mal um Mal.
Glitt an ihr hinab.

Ging den Weg wieder ein Stück, sie an seiner Linken.
Hoffend auf den Durchgang, die Passage.

Verbot sich den Gedanken.
Was wäre wenn ein Tor, verschlossen, vor ihm aufragen würde.
Verbot sich die Frage, was hinter der Mauer für ihn zu holen war.
Hatte Angst vor der Antwort, die ihm in dunklen Momenten so klar vor Augen stand.

Ging weiter, den Pfad, an der Wand entlang, nahm Biegung und Steigung.

Nie würde die Mauer rechts sein.
Nie würde er sich eingestehen, dass zurück auch eine Möglichkeit ist.

In seiner Erinnerung war das hinter ihm Liegende zu einer grausamen Unmöglichkeit verkommen.
Dort standen Wächter, die ihm den Weg versperrten.
Wurden mit jeder Biegung, die er mit ihr an seiner Linken nahm, größer und mächtiger.
Die Angst, sich den Wächtern zu stellen, zu groß.

Es kam ihm nie in den Sinn, dass die Wächter in den Spalten der Mauer lebten.
Das sie Blendwerk waren, klein und gemein.
Zeug, dass ihm die Mauer vorspielte, groß machte, in seinem Herzen, was sich in Wirklichkeit gerade mal von Halmen nährte.

Wenn der Morgen anbrach würde er Rast machen, den Tag kauernd in einer Nische der Mauer verbringen.
An ihr lehnend, die linke Schulter angelehnt.
Schlaf komm, führ mich weg von Gedanken.

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14 Gedanken zu “Die Mauer

  1. im Blendwerk
    des Schlafes
    die meterhohe
    Traummauer
    die Steine alt
    verwittert
    aus gepresster Asche
    unerfüllter Wünsche
    Begierden
    nur mit
    Gebärdensprache
    ausgerüstet
    jede neue Nacht
    wortlos zu klimmen
    die unendlich hohe
    steinerne Macht.
    Du rufst den Schlaf an
    doch er ist der Verräter
    du bittest
    jede Nacht
    um Deine Absolution
    bei der Asche
    Deiner Mütter und Väter
    vergeblich
    du bist in der Initiation
    Vergebung folgt
    irgendwann
    später
    vielleicht jedoch
    auch nie
    noch während
    Du in
    der Mauer
    die Tür suchst
    beinahe schon
    gefunden…
    siehst Du sie…?
    wachst du auf…
    welch böse
    Ironie…

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  2. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich diesen Text schon gelesen habe. Aber ich bilde mir ein, daß ich jedesmal ganz anders empfand. Mal gänsehäutig angsteinflößend, mal bedauernd mitleidtraurig, dann anfeuernd mutmachend und sogar beschützend fand ich diesen Text über den Mann an der Mauer. Wer weiß schon, was hinter der Mauer ist? Wollen wir es überhaupt wissen? Zurückgehen ist nunmal keine Option. Lösen die linke Schulter von der Mauer und einfach fortgehen? Wohin? Ins Leere? Da bietet die Mauer mehr sicheren Halt. Also bleiben.

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