Der Gefangene

Kein schöner Anblick.
Wieder in Einzelhaft. Wieder allein.
Wie schafft er das nur immer?
Ausgegrenzt, abgesondert.

Er ist der freiwillige Gefangene.
Wählt den Ort seiner Bestrafung selbst.
Trifft Entscheidungen und durchlebt die Konsequenzen.
Verwehrt sich selbst den Schlüssel nach Draußen.

Seine Zelle ist spärlich beleuchtet.
Er kann seine Hände sehen.
Weiter reicht der sichtbare Horizont nicht.
Es genügt, um die Seiten umzublättern, Notizen anzufertigen.

In guten Momenten, sind es gute?
Genießt er sein Exil.
Ist ganz für sich und bei sich. Darf sein.
Kann denken und Entscheidungen treffen.

Der Gefangene hat eine Wahl getroffen.
Er kappt den einen Draht nach Draußen.
Der Draht hat ihm Ablenkung beschert. Stets willkommene Ablenkung.
Der Draht hat seine Einzelhaft stets verlängert.

Die kleine Weggefährtin liegt bei ihm.
Drückt ihre kleinen warmen Füße an seinen Oberschenkel,
stößt sich ab, streckt sich, seufzt und schläft weiter.
Sie weiß nicht um seine Gefangenschaft.
Für sie ist alles wie immer.
Sie bleibt stets bei ihm, aus freien Stücken.
Er wird sie nie aussperren.

In lichten Momenten, wenn er sich seiner Gefangenschaft gewahr wird, wenn Klarheit sein Tun und Sein bestimmt, weiß er, dass er den Schlüssel hat.
Aufsperren kann, gehen kann.
Er weiß dann um das Privileg und hofft es in Anspruch nehmen zu dürfen.
Bald. Noch ein wenig, bald…

11 Gedanken zu “Der Gefangene

  1. Heutige Leseabfolge: Die Mauer, Fliegen, Hilfe, Der Gefangene. Ergo: Suche, Erfüllung, Verpanzerung, Selbstbestimmheit als Quintessenz. Nur mal so runterreduziert sind das heftige Extreme. Nachdenkliche Grüße.

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      • Als ich den Text das erste Mal las, teilte ich des Verstecktenpoeten Erschrockenheit. Las nochmal und nochmal und nahm jedesmal die Selbstbestimmtheit als stärkeren Hoffnungsschimmer wahr. Der Gefangene darf sich auch nicht mit der kleinen Weggefährtin vergleichen. Wenn er die nicht mehr füttert, würde sie bald ihre freiwillige Gefangenschaft beenden. Er hat den Schlüssel. Warum verdammt nochmal wählt er nackte Angst und pure Verzweiflung? Ich kenne diese beiden Monster nur zu gut, freiwillig würde ich die nicht mir aufbürden. Aber das ist wahrscheinlich das Manko, man interpretiert sich selbst viel zu sehr in solche erschreckendschöne Texte rein. Schreiben könnte ich selbst sowas wohl nicht. Immer noch nachdenkliche Grüße, Ihre Käthe.

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      • Es ist selbstbestimmt.
        Aus Erkenntnis entschieden.
        Nicht permanenter Zustand und doch häufig präsent.
        Erkannt, geschrieben, nicht zu Ende gedacht oder gar analysiert.
        Teil eines Prozesses.
        Immer nur ein Teil.

        Danke fürs darüber nachdenken und kommentieren!

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      • Immer nur ein Teil, ja. Aber halt ein erschreckender. Nicht abschreckend, im Gegenteil. Können schließlich nicht alle Scheißherzchenblümchenwiesenblogger sein. Ich schmeiße Ihnen trotzdem eine Armvoll Gänseblümchen rüber. Und für Gnä‘ Frau ein feines Eckchen Schweinelendchen. Ihre Frau Knobloch, Blümchenblogger.

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  2. Ich bin etwas baff ob ihres Textes.
    Der eine will frei sein wie ein Vogel. Der andere geht in Gefangenschaft.
    Zwei Welten die gegensätzlicher nicht sein könnten.

    Ich bin leicht erschrocken.

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  3. in der Gefangenschaft wächst der Wunsch nach Freiheit.
    der Schlüssel aus
    Drahtgeflecht
    drehe ihn im Schloss
    er schließt
    sehr schlecht
    dies kann dir
    zum Öffnen
    der Tür
    nur recht
    sein
    frag
    die treue
    weggefährtin
    sie kennt dich
    lange und gut
    gefangener
    hab‘
    nur mut☺️

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  4. Wie heißt es bei Kafka? „Der Vogel ging einen Käfig suchen“. Manchmal suchen Menschen die Zurückgezogenheit, obgleich sie die Einsamkeit fürchten. Aber immerhin sind sie dort allein und erfahren eine Art Schutz, wenn der auch hoch bezahlt ist. Die Katze ist bei ihm, das ist eine Form von Trost und auch Gesellschaft, die angenehm ist, trotz oder wegen keiner Worte.
    Ich meine mich zu erinnern, dass es auch bei Kafka war, wo ich las: Die Käfigtür stand offen. Er musste nur noch hinaus gehen.
    Aber die Furcht kann eben sehr groß sein.

    Alles Gute für Dich.

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