Schönheit

Ich sitze vor dem Fernseher, schau so vor mich hin.
Eine Frau sitzt breitbeinig da, vor ihr das Cello, sie spielt sanfte Töne.
In sich versunken, ganz im Klang, streicht sanft mit dem Bogen über die Saiten. Ist entrückt.
Ich höre ihr gern zu. Die Musik ist schön.

Ihr Anblick jedoch, der ist es, der mich verzaubert.
Es ist, als ob sie nackt da sitzen würde, als ob die Rundungen des Instrumentes die ihren wären.

In mir steigt die Frage auf, ob sie sich hinter dem Instrument sitzend auch so spürt, wie ich sie wahrnehme.
Nackt, sinnlich, verführerisch.
Ob das Schwingen der Saiten sich auf sie überträgt.
Auf ihr Inneres.

In mir rührt sich mehr als nur ein Gedanke.
Gerne wäre ich derjenige, der ihr nah sein darf, während sie mit sanften Händen die Klänge erzeugt.

Es ist ein magischer Moment, voller Lust und aufkeimendem Begehren.
Und dann, Schnitt, vorbei.
Ein wenig noch schwingen die Saiten in mir nach, dann ruhe auch ich wieder. In mir.

In der Stadt.
Menschen, entgegenkommend, andere passiert, beim Vorbeigehen, sie hinter mir lassend.
Durch die Stadt ist immmer ein wenig wie Flucht.

Eine sanfte Stimme dringt süß an mein Ohr, die Quelle kann nicht fern sein.
Auf einer Postkiste sitzend, es ist November und sehr kalt, eine junge Frau, knieend, singend.

Sie trägt ein Kopftuch, dass außer den Haaren nichts verbirgt.
Ihr Gesicht, rein und schön, wie ihre Stimme.
Sie singt ein orientalisches Lied.
Für niemanden und alle und auch ein wenig für mich.

Im Innehalten erbebt mein Herz.
Es ist ein schönes Lied.

Wenn nicht die Stimme, nicht die Stimmung, so will ich ihr Antlitz festhalten.
Hebe den Photoapparat, löse aus.
Sie bemerkt mich, obwohl ich weit von ihr entfernt, an der anderen Hauswand stehe.

Und lächelt mich an. Es ist ein freundliches Lächeln, dass mir unverdient entgegenstrahlt.
Die Fotos sind verwackelt, wertlos, die Erinnerung an das schöne Gesicht, die schöne Stimme, das traurige Lied schwingt noch lange in mir.

Winter
Ich fahre ins Büro, die kleine Straße aus meinem Ort hinaus.
Die Straße führt an einem Teich vorbei.
Im Erstarren halte ich den Wagen an.

Die Sonne ist gerade aufgegangen.
Der See, zugefroren. Das Warme Licht zieht Streifen, strahlt darüber.
Das Wenige an Wärme lässt das Eis in Schwaden über dem Teich stehen, zeichnet kleine Wolken, getaucht in warmes Orange.
Hemdsärmelig aus dem Wagen gesprungen, bei deutlichen Graden unter Null, versuche ich den Moment in mich zu brennen.

Er ist flüchtig, die Sonne steigt, schwebt bald über den Bäumen, in wenigen Augenblicken wird die Sonne zu hoch sein, bald ist es vorbei.

Ich sauge den Anblick auf.
Die Kälte lässt die Tränen in den Augenwinkeln gefrieren.
Während ich die Bilder mit dem Fotoapparat festhalte, vergeht der Moment. Ist so schnell vorbei.

Schönheit geschieht überall.

In diesem Moment fliegen Enten an meinem Haus vorbei, eilen von Teich zu Teich.
Expressenten, so habe ich sie genannt, so anmutig und geschäftig zu gleich.
Kleine schillernde Persönlichkeiten.

Schönheit geschieht überall.

5 Gedanken zu “Schönheit

  1. Aus solchem Momenten setzt sich Leben zusammen, hintereinander oder manchmal auch gleichzeitig werden sie „abgelebt“. Fotografen haben Möglichkeiten des Festhaltens…Das war jetzt besser als jede Tageszeitung! Danke.

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  2. Es ist ein Geschenk, diese Schönheit zu sehen und wenigstens teilweise zu bewahren. Die höchste Kunst ist es jedoch, sie zu teilen. Danke, daß Sie dieses immer wieder mal tun. Es ist ein Lesebildgenuß, ich verneige mich.

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