Salz und der Krieg zu meinen Füßen

Gedanken zum Frühstücksei

Die Salzkrümel, manche Stücke sind kleine Brocken, andere fein wie Pulver liegen auf dem Tisch.
Das Salzen der Eier hat stets zur Folge, dass große Mengen daneben gehen.
Die merkwürdige Salzmahlmaschine ist sehr unpräzise, wenn es um das Verteilen des Salzes geht.

Den Tisch ziert ein weißer Schleier. Nachdem ich den Eierbecher wegziehe sieht man das ganze Ausmaß der Verschwendung.

Ich zögere nicht lange, wische mit der flachen Hand über den Tisch, spüre, wie sich die kleinen Kristalle in meiner Handinnenfläche verteilen und wische den Großteil vom Tisch.
Ich reibe die Hände aneinander, die restlichen Kristalle lösen sich aus den feinen Rillen die meine Fingerspitzen, meine Handfläche zieren, rieseln herab.

Folge dem Fall der Kristalle, folge ihnen, wie sie sich dem flusigen Teppich näheren.
Stelle mir vor, wie sie, radioaktivem Fallout gleich, auf die tausenden und aber tausenden von Milben fallen, sie entweder erschlagen oder an ihnen haften bleiben.
Wie das Salz die Flüssigkeit aus ihnen zieht, dabei sich und die Milbe, auf die das kleine Kristall getroffen ist, auflöst.

Ich lasse es regnen.
Auf meinen kleinen Kosmos, der unter und neben meinen Füßen existiert.
Der bald von Schrecklicherem heimgesucht wird, als dem Fallout des Salzes.

Bald werden Winde wehen, so stark, dass sie alles wegreißen werden, all die Unaufmerksamen, die gerade achtlos die Umklammerung lösen und auf dem Weg von hier nach da sind.
Auf dem Weg durch endlose fasrige Landschaften.

Sie werden ihr Leben, nachdem der Sturm vorüber ist, an anderer Stelle, in vollkommener Finsternis, weiterführen.
Weiter Jäger und Gejagte sein.
Weiter die Reste von mir, die ausgefallenen Haare, die Schuppen meiner Haut, die Fingernagelreste konsumieren.
Sich dort paaren, Eier legen, unbemerkt zur Welt kommen und vergehen.

Die, die von mir stürzen, werden mit denen, die schon lange dort leben einen ewigen Krieg führen, einen der Generationen überdauert, einen, der nie enden wird.

The Incredible Shrinking Man hätte keine Minute in diesem Dschungel überlebt, nicht einen Moment.
Er wäre so schnell von einer unfassbaren Menge von Kiefern zerrissen worden, dass es außerhalb seiner Wahrnehmung stattgefunden hätte.
In einem Moment hier und kaum, dass er sein Maß auf Beutegröße verringert hat, zerfetzt, aufgelöst in Nichts.

Was sich auf und unter mir abspielt gleicht nichts, was in sichtbarer Größe stattfindet, vielleicht bestenfalls dem Krieg, den Ameisen ausfechten, die ein Terrain für sich beanspruchen.
Mit dem Unterschied, dass selbst dieser Krieg bald ein Ende hat, wo der andere, der unter meinen Füßen, dauert und dauert.

Während ich dies schreibe, in diesem Moment passiert es.

Ei und Salz

Ein Gedanke zu “Salz und der Krieg zu meinen Füßen

  1. Das ist eine wichtige Übung. Ich nehme einen kleinen Salzstreuer, und arbeite damit etwas vorsichtiger. Das hat zur Folge, dass ich mein Ei nicht köpfe sondern fein schäle. Das Bewusstsein an der jeweiligen Tätigkeit wird geschärft. Die Butter wird fein aufs Brot geschmiert und nicht grob und wenn dann, beispielsweise an einem Sonntagmorgen ein Frühstücksgespräch am Tisch startet, ist man schon ganz neu sensibilisert um auch die Zwischentöne zu hören, das wichtige, was nicht akustisch vernehmbar ist. Nichts fällt mehr unter den Tisch und der Tatort am Abend ist gerettet. Und das nur wegen des kleinen Salzstreuers und seiner bewussten Nutzung. Probier es aus!

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