Das tanzende Paar

Sie waren Paarläufer.
Eins, wenn sie sich auf die Bühne wagten.
Eins im Tun, eins im Sein.

Hatten sich in langen Stunden, in unendlichen Wiederholungen, Griff für Griff jeden Sprung, jedes Einfangen, wieder und wieder zu Eigen gemacht.
Einer Symbiose gleich, der Eine nicht ohne den Anderen fähig die Kunst vorzutragen.

Im Begreifen, dass dies so war, lag große Kraft.
Kraft, die aus Liebe und Vertrauen geschöpft wurde.
Vertrauen in das eigene Tun, in das gute Werk des anderen, des geliebten Menschen .

Heute war es anderes.
Sie fuhren in getrennten Kutschen zum Auftrittsort. Gezogen von Gespannen, die sich besser nicht auf ihrem Weg begegneten.

Eine Kutsche, gezogen von Rehen, fein, ängstlich, nervös, jedoch schnell und gewandt.
Sichere Wahl, wenn man schnell am Ziel sein wollte und das Getrampel größerer Zugtiere lieber vermied oder nicht ertrug.

Das andere Gespann bestand aus Wölfen, hungrig, kräftig, von Hass und mörderischen Gedanken beflügelt.

So erreichten sie die Bühne.
Sie, die stets vereint, schier unzertrennlich waren, fuhren getrennt, jeder zu seiner Zeit.

Jeder mit seinem Gespann.
Die Wölfe wild, Zähne fletschend, den Geruch der feinen Beute, der Rehe in sich aufsaugend, zogen und zerrten. Entließen den Fahrgast in nervösem Trippeln aus der Kutsche, wollten der Beute, den längst verschwundenen anderen Zugtieren hinterhersetzen, sie zur Strecke bringen.

Ihm war es gleich, er stieg aus, ging den wohlgekannten Weg zu seiner Kabine, zog sich um, konzentrierte sich auf den kommenden Auftritt, sprach vorab kein Wort mit ihr, die auf ihn hinter der Bühne wartete.

Heute war es anders.
Wie jeden Auftritt ging es auch hier ums Ganze.
Musste es gelingen.
Einen Fehltritt konnten sie sich nicht leisten.

Die Wachen hatten ihre Befehle. Da gab es kein Zögern und keine Zweifel. Wenn sie scheiterten würden die Waffen nicht schweigen, würde umgehend gehandelt werden. Die Klingen waren scharf.

Da würden all die gelungenen Abende, all der Applaus, die stehenden Ovationen vergessen sein.
Es war wie der eine Schritt zu viel, der eine, der sie über den Abgrund hinaus führen würde. Der eine, dem der Fall folgen würde. Gnadenlos, nur ein Schritt, ein Fehltritt und sie würden fallen.

Sie sprachen kein Wort, standen hinter dem Vorgang. Ein Fuß vor dem anderen, die Ausgangsposition.
Wenn der Vorhang hochging und sie wussten nie genau, wann er hochgehen würde, dann war es von enormer Wichtigkeit, dass der erste Schritt im Takt kam.

All das Tanzen und Wirbeln, dass Hochwerfen und Einfangen, die schnellen Drehungen würden misslingen, wenn es ihnen nicht gelingen würde, diesen ersten Schritt zu tun.

Immer war ein Lächeln zwischen ihnen gewesen, immer das tiefe Vertrauen auf den anderen, den geliebten Freund und Partner.
Immer war es die Liebe, die sie den ersten Schritt zum richtigen Zeitpunkt tun ließ, das Wirbeln und Drehen folgen ließ, das Publikum in Raserei versetzte, weil es Poesie war, die sie tanzten.

Kein Lächeln, kein Blick, so standen sie nun.
Ein Fuß vor dem Anderen, erstarrt.
Der Blick, getrübt, von Zweifel und beginnender Angst.

An der Seite, die Wachen, vor ihren Augen, die Wölfe, die Rehe rissen, nach kurzer Jagd eingeholt, die Lefzen in Blut getaucht.
Vor ihnen der Vorhang.

Niemand, der ihnen half, der sie mit Einzählen auf den alles entscheidenden ersten Schritt vorbereitete.

Sie wussten immer, wann es begann, spürten es, Liebende, die sie waren.

Heute jedoch war Kälte zwischen ihnen und Schweiß auf der Stirn, zittern in den Gliedmaßen, Angst vor dem Scheitern in ihren Augen.

Sie drehte ihren Kopf, sah ihn an, verließ ihre Position, flüsterte unter Küssen in sein Ohr. «Ich liebe Dich.»

Er, noch immer erstarrt, zögerte nicht, erwiderte die einzige Wahrheit, die zählte. Küsste sie, umarmte sie.
Bemerkte, wie sie, in diese Umarmung versunken, in der all die Verzweiflung und Liebe war, die sich zwischen ihnen aufgestaut hatte nicht den Vorhang, nicht den Auftakt, nicht das Versäumen, nicht die Wachen, nicht das Publikum, dass fassungslos den beiden zusah, wie sie in letzter Umarmung von einem Dutzend Bajonetten durchbohrt niedersanken.

In Liebe vereint.

A. Paul Weber: Vergnügte Tänzer, Rohrfederzeichnung, 1957.
A. Paul Weber: Vergnügte Tänzer, Rohrfederzeichnung, 1957.

4 Gedanken zu “Das tanzende Paar

  1. Ein Paar…auch ein tanzendes… besteht immer aus zwei Einzelwesen, es ist unmöglich…so schön das auch klingt…..immer in den Himmel hineinzutanzen, egal wie groß die Liebe ist. Die Vereinzelung , die Ent-Zwei-ung ist wichtig. Kein Grund gleich den Tod ins Spiel zu bringen…ein Drama aus der Liebe zu machen.
    Die Feinde der gemeinsamen Liebe erkennen, eine andere Art von Tanz mit ihnen beginnen, auch einen Säbeltanz, aber auch da muß man die Feinde nicht töten……es gibt andere Wege ihnen Widerpart entgegen zu setzen.
    Tanzen zwei Liebende keinen Pas de Deux mehr, sind Solisten…so tanzen sie aber immer noch im Ballett des Lebens…
    Nicht die Feinde töten ihre Liebe zueinander…es sind sie selber….. (das ist ja auch im Text so angelegt)Liebe über den Tod hinaus……ist mir zu theatralisch…..ohne den Anderen lieben und leben zu können, darin zeigt sich mir die wahre Liebe……ihn frei zu lassen….auch in den Tod.
    Ich kann ohne Dich nicht leben….was ist das…..Erpressung!
    sind nur meine krausen Gedanken zu dem zum Nachdenken auffordernden Text.

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