Der Verlust der Unschuld

Zur Abwechslung krame ich mal einen alten Text aus den Tiefen des Blogs.
Vielleicht gefällt er ja…

Der Ort: Wieskirchstraße in München
Die Zeit: frühe 70iger, um die ’72 oder so.

Gewohnt habe ich damals in Giesing, im Glasscherbenviertel, Neue Heimat, Sozialbau.
Geheizt haben wir noch mit dem Holzofen, Zentralheizung wurde erst später eine eingebaut.
Badewasser gab es, wenn der Kessel heiß gemacht wurde. Ich hab‘ immer nur das Gebrauchte bekommen.
Alle anderen kamen vor mir dran.

Die Kohle für den Ofen wurde im VW Käfer nach Hause gefahren.
Das kleine Gelände in der Welfenstraße, das auf die Außenmauer vom Ostfriedhof schaut, sieht heute ganz anders aus.

Damals waren das nur einige Barracken und dort: Der Zwickelbauer, den Namen vergess‘ ich nicht.
Ein kleines, krummes Männlein, unser Kohlenhändler.
Bei ihm gabs Briketts auf Holzsteigen oder mit Metallbändern zusammengefasst, schwarz, rußig und brennbar.
Die hat er uns eingeladen und dann gings wieder heim und es gab warmes Wasser.

Der Alltag war ein Kinderalltag, spielen, krakeelen und Dienstags gab es etwas besonderes.
Dienstag ging es ab in die Säbener Straße.
Dienstag war freies Training und man durfte zusehen.
Keine Absperrungen, keine Einlasskontrolle, keine hohen Zäune.
Einfach hingehen und den Großen zusehen.
Zusehen, wie sie hin und her laufen, Bälle kicken, Abläufe üben.

Typen mit langen Haaren und Koteletten, echte Typen.

Und dann ruft mir einer zu, ob ich nicht Lust hätte, ein paar Bälle aufs Tor zu kicken.
Er war gut gelaunt, das war er immer, er war der Spaßmacher.
Wenn’s drauf ankam bei der Sache, ansonsten der Unterhaltsame, den man gern anschaut und zusieht.
Ich also hin und hab‘ mir den Ball geschnappt.
Er steht im Kasten und grinst. „Hau rein“. Ich stolper‘ so vor mich hin,
zieh durch und knall ihm, dem größten Torwart aller Zeiten, eine hin.
Und er hält. Was soll er sonst tun. Es ist sein Job.

Das war alles.
Ich hab‘ es noch eins, zwei mal versucht, er hat gehalten und dann war es vorbei.
Elfmeter Schießen gegen Sepp Maier.
Schön war’s.

Und heute, wenn ich so darüber nachdenke, mich ab und an daran erinnere, fällt mir noch etwas ein:
Das Fehlen der Reporter, der Fotografen. Das Unchoreographierte, Spontane.
Dem Sepp war danach, der Sepp hat’s gemacht und keiner hat es geplant oder hat zugesehen.
Er und ich, nur wir beide.
Und als Bild existiert es nur noch in meinem Kopf, ab und zu.
maier_ente1

17 Gedanken zu “Der Verlust der Unschuld

  1. So schön, nur Du und die Katze von Anzing (wenn Gnä Frau davon wüsste). Glasscherbenviertel ist auch ein sehr schöner Ausdruck. Giesing ist immer noch nicht Bogenhausen, aber es macht sich. Weiß nicht, ob Du bei Deinem Besuch in Haidhausen auch da warst.

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    • Danke fürs Lesen.
      Auch wenn die Erinnerung schön ist, so ist der Beigeschmack doch bitter.
      Wie sehr hat sich das Leben geändert.
      Wie sehr wurde aus dem Sport, wenn man ihn so nennen mag, eine betriebswirtschaftliche, auf Gewinnmaximierung ausgelegte Nebensache.
      Nichts mehr übrig, von der Lockerheit.
      Jetzt regieren die Deppen in den Anzügen.
      Sogar das Spielfeld.
      Verachtenswert….

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