Remember the pain?

Was ist das für eine Sache mit dem Schmerz?
Wenn er sich wie so oft selbst eingeladen hat, der ungebetene Gast, so ist seine Präsenz unerträglich.
Sie schmerzt.

Die Wucht, mit der er Einzug hält, unabhängig davon, ob nun körperlich oder seelisch, die Wucht ist unerträglich.

Zahnschmerzen, die so pochend und dennoch kreischend im Kopf, von ihrem Ursprung durch den ganzen Kopf wuchern, hämmern und in sich furchtbarer Spirale ins beinahe Unermessliche steigern.
Im Versuch, diese Schmerzen zu bekämpfen, ist nicht ausgeschlossen, dass sich an anderer Stelle vermeintlich schlimmeres selbst zugefügt wird, um von der Qual abzulenken.
Grotesk und effektiv. Der eine Schmerz macht den anderen erträglicher.

Die Qual, in Ausweglosigkeit zu leben, wenn Liebe zur Qual wird.
Wenn sich das Band um die Brust, das breite eiserne Band wie ein Korsett, viel zu eng geschnürt, um die Brust legt.
Auch hier, kein Ausweg, keine Besserung in Sicht.
Nichts, was ein Ausweg sein kann. Das Leben verkommt.

Später dann, wenn Zahnschmerz, Herzschmerz, Verlustangst, Existenzangst, die Pein ein Ende hat, später dann, wenn Farben wieder satter, wenn Zuspruch erhört wird, wenn die liebende und tröstende Hand gespürt werden will.
Dann ist Schmerz nur noch eine Erinnerung, hat keine Macht mehr, besitzt einen nicht mehr.
Ist vorbei.

Die Erinnerung an Schmerz ist stets eine distanzierte.
Weit, weit weg vom Erlebten. Kann in der Erinnerung nicht im Ansatz nachgelebt werden.
Das Gedächtnis schützt, indem es den Fakt erhält, die Qual jedoch zur Randnotiz verkleinert.
Sie nicht mehr erlebbar macht.

Vor was soll da geschützt werden?
Würden wir uns in der Erinnerung den Schmerz des Verlustes, die Schmerzen der Verletzung, so sie abrufbar wären, wieder und wieder, bis zur Selbstaufgabe zufügen?

So wie, das Pendel schlägt in beide Richtungen aus, so wie wir auch den Schmerz der Lust immer wieder aufs Neue in uns lebendig werden lassen würden?

Wären wir Wesen, die nur in der Erinnerung lebend, immer wieder das Erlebte wachrufend, an dunklen Orten liegend, langsam vergehen würden?

Schmerz ist nie heilsam, wenn er empfunden wird.
Erst, wenn er vorüber geht, schafft er Raum für Veränderung, für Verbesserung.
Schmerz ist ein ungeliebter Gast, dennoch ein hilfreicher.
Schmerz kann klären, kann ordnen, kann verdeutlichen.

Ich wünschte, ich könnte ihm mit größerem Respekt begegnen, als ihn immer nur zum Teufel zu wünschen.
Diesen Gast werde ich nie aus eigenem Wunsch zu mir einladen.
Ich weiß, irgendwo hat er sich schon reisefertig gemacht, sein Köfferchen gepackt.
Er reist stets mit kleinem Gepäck, um schnell bei mir vor Ort zu sein.
So fern er auch gerade sein mag, sein Tempo ist rasend, wenn er naht.
Bleib bloß weg.

komm nur näher

20 Gedanken zu “Remember the pain?

  1. Sehr schön geschrieben. Das ist schon eine tolle Sache, wie die Erinnerung den Schmerz „löscht“. Stell Dir einmal vor, wie das Leben wäre, wenn dies nicht der Fall wäre. Es würde wahrscheinlich nur Einzelkinder oder Zwillinge geben. Die ganzen Generationen, die Krieg, Hunger, etc. miterlebt haben. Wie sollten die noch weiterleben können, wenn sie jeden Tag die Schmerzerinnerung hätten. Wahrscheinlich würde die Betäubungsmittel Industrie noch mehr boomen, da es ansonsten nicht auszuhalten wäre.

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      • Also wenn man eine masochistische Ader hat, dann würde man das bestimmt. Ansonsten würde man es verdrängen, so weit es geht. Der Preis wäre, meiner Meinung nach, ein Suchtverhalten wie es viele Menschen an den Tag legen, die mit ihren „Dämonen“ nicht umgehen können.

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      • Na ja, den Wehmut kannst Du doch relativ schnell künstlich hervorrufen. Brauchst Du doch nur die entsprechenden Bilder, Lieder, etc holen und schon bist Du wieder mitten drin. Ist nicht ganz so schlimm wie beim ersten bzw. damaligen Mal, aber mir reicht es.

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  2. Schmerz und Verletzung zeigen, dass etwas nicht stimmt. Zwingen zum Handeln. Psychisch und physisch. Wenn einem der Auslöser bewusst ist. Wenn die Wahrnehmung funktioniert. Und die Reflektion. Aber in den ganzen letzten 2 Jahren habe ich keinen Menschen mehr getroffen, der diese Eigenschaften noch gesund erleben kann. Defekte Gesellschaft. Keine Garantie.

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  3. Interessanter Text. Mir fiel dazu die Zeile eines Lieds ein: „Bin ich nur glücklich wenn es schmerzt“ Niemand sollte das sein. Aber der Schmerz zeigt uns eines: Dass wir noch leben! Vielleicht sollten wir es uns bewusster machen. Dann bleibt der Schmerz vor der Tür.

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  4. …………………. ♥..
    Hallo 🙂
    Grüße von mir zu Dir und ich wünsche dir
    einen super schönen Samstag !
    …………………. ♥..

    Nutze die kostbare Zeit, denn sie vergeht geschwind
    und ein Blatt wird nur so lange in der Luft getragen
    wie er weht, der Wind.

    …………………. ♥..

    lg,Laura

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  5. Wenn wir könnten,halt, nein, die Ichform ist angebrachter: Wenn ich könnte, ich würde den Schmerz wohl wieder und wieder abrufen. Nur um die süßen Wellen, wenn er abebbt, diese Erleichterung, dieses Aufatmen, wieder und wieder zu erleben. Bloß gut, habe ich genügend Angst vor Schmerzen, um mich nicht selbst zu verletzen. Das innere Pendel schlägt natürlich, wird nicht aus dem Takt gebracht. Herr Faktoid, auch als Ungläubige schreibe ich: Das ist ein passender Text zum Auferstehungstag. Danke.

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    • Ich versichere Ihnen, mit dem heutigen Tag hat der Text nicht das geringste zu tun.
      Ich habe schlichtweg vergessen, werde durch den Blick auf wikipedia auch mein Gedächtnis nicht auffrischen, wofür der heutige Tag in diesem „Kulturkreis“ steht.

      Der Text ist, was er ist, eine Auseinandersetzung mit dem Gefühl des Schmerzes, der Psyche, die sich weigert, diesen wieder hervor zu holen.
      Eine Eigenschaft, für die ich einigermaßen dankbar bin.
      Leider verweigert die Psyche auch das Herbeirufen des guten Gefühls, der Freude und des Gefühls des ehrlichen Lachens.

      Angenehmen Sonntag!

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      • Auch wenn ich diesen Glauben nicht teile, beeindruckte mich gestern die Inbrunst, die Intensität, mit der ein Freund von mir, der den Vormittag bei mir im Florallabor verbrachte (Ihre Frage wird noch ausführlicher beantwortet, jetzt fehlt Ruhe und Zeit); jedem einzelnem Menschen einen gelungenen Tag der Auferstehung wünschte. Und ein jeder antwortete lächelnd und gab den Wunsch zurück. Es ist so einfach…

        Genau so habe ich Ihren Text gelesen, mit ebensolcher Dankbarkeit. Mit dem Unterschied der Möglichkeit, mir dieses Sonneausmarschscheingefühls herbeilachen zu können. Aber diesen Unterschied hielten wir ja bereits fest. Ich wünsche Ihnen auch einen bonfortionösen Sonntag, herzlichst sogar.

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      • …und wieder einmal weiß ich nicht, ob dies nun ein ungehaltener, gar angefressener Kommentar ist, oder nicht.
        Sollte ich etwas Unhöfliches gesagt haben, so bitte ich um Verzeihung.

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      • Wie könnte ich Ihnen angefressen herzlichst einen Bonfortionössonntag wünschen? Sie haben mich noch nie verärgert, höchstens zum Nachdenken angeregt, mein Lieber. Auch Unhöflichkeit fand ich bei Ihnen noch nie, nur klare Ansagen und Widerspruch, wenn er nötig war. Das schätze ich ja so bei Ihnen. Sie sind mir oft ein Spiegel für mein Heileweltgänschendasein, das mich zwar manchmal erschreckt, jedoch das eigene Hirn anregt, auch mal eine andere Perspektive zu sehen.

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      • Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass ich Sie um diesen Heileweltsichtaspekt beneide.

        Danke für die schönen Worte.
        Sie haben mir den Tag verschönert.

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      • Das zwote erfreut mich wiederum. Gern geschehen. Ich bin oft froh, das Heileweltgänschen in mir zu tragen, es läßt manches nicht so bitter erscheinen. Auch hier passen am besten wieder die Worte der geschätzten Madame Contraire: Geben und geben lassen. Ich gebe Ihnen noch ein paar Schönworte mit: Selbst Ihre rauhesten Texte sind inniger als manches Wortgekräuse, das meine Ohren erreicht, doch nie mein Herzkopfbauchgefühl.

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  6. Tut mir leid, aber in meinen Augen ist der Text eindimensional. Schmerzen können so viele Formen einnehmen, dass mir die Betrachtung von Zahnschmerzen oder Schmerz durch Liebeskummer ect. schon Ausdruck der „heilen Welt“ ist, in der ihr* lebt. Das ist gut so und wird neidlos anerkannt. Aber etwas so Elementares, wie Schmerz einfach nur in poetisch klingende Worte zu verpacken, riecht mir nicht. Du liebst die Sprache, aber der Inhalt sollte nicht darunter leiden. Aber Du hast ja Deine „Fans“ und Leser. Insofern musst Du auf mein Geschwafel nichts geben.

    Noch kurz: es wäre schön, wenn die Erinnerung tatsächlich den Schmerz, der einmal erlebt wurde, löschen würde. Für immer…bis der nächste Schmerz kommt. Wer mag, kann sich zum traumanahen Thema „Körpererinnerungen“ einlesen. Die Seele vergisst nicht so schnell, wie mensch annehmen mag.

    Viele Grüße

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