Morgenandacht

Zur Zeit fangen die frühen Stunden spät an.
Sie verschieben sich nach hinten.
Ich kann nicht sagen, warum.

Bin ich endlich wach, ist der Tag schon am Laufen, der Morgen vorbei. Die Schönheit des Anfangs verflogen.
Dabei liebe ich den frühen Tag, wenn Stille nur durch leise Musik durchbrochen wird.
Musik, die von sachten Händen auf Klavier erzeugt wird.
Sanfte Strukturen, Musik aus Pausen.

Mein Platz, mein lächerlicher kleiner Arbeitsplatz, mit dem noch lächerlicheren kleinen Hocker, auf dem ich den Tag beginnen lasse.
Gekauert, die Beine angezogen. 194 cm, verteilt vor einem winzigen Sekretär.
Einmal hab ich ein Foto gesehen, von mir, von hinten, sitzend, vor dem Sekretär.
Das sah so erbärmlich unproportioniert aus.
Eine kurze Zeit lang hatte ich Skrupel, mich noch einmal hier hin zu setzen.
Dabei liebe ich den Platz, der Ort meiner Morgenandacht.

Mein Morgenritual, das Starren auf den leeren weißen Fleck auf dem Bildschirm.
Einer Landkarte, der Terra Incognita gleich, unentdeckt, bereit, erobert zu werden.
Loses Gedankenwerk, nicht geflochten, Gestrüpp, nicht vom Unkraut befreit.
Fangen spielen im Kopf.

Nicht zu wissen, was sich hinter der nächsten Biegung verbirgt, dem nächsten Gedanken, ist ein Privileg.
Bob Ross, mein Lieblings TV Maler, er formulierte das Abgleiten des Pinsels als „happy little accidents“
Als Umschreibung für das Um die Ecke Denken wunderbar.
Es gibt keine falschen Gedanken, alles will, alles darf gedacht sein.

Ketten aus Assoziation geknüpft, ein feines Material.
Licht, grau, erwachen, Traum.
Stets im Krebsgang, rückwärts gewandt, im Denken.

Was mich zur Frage führt, in welche Richtung denke ich?
Seitwärts? Vorwärts gewandt oder von vorne nach hinten?
Ungedacht bisher, nicht zu Ende gebracht.
Und Zack, wieder einen kleinen weißen Fleck erobert, zu eigen gemacht.
Schnell, besiedeln!
Fremdes Gedankengut zurückdrängen, durch eigenes ersetzen!
Leitmotiv!


Musik: Tord Gustavson Ensemble – Spiral Song

2 Gedanken zu “Morgenandacht

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