Menschenkind

Zerrissen.
Zwischen den Stühlen.
Unklar.
Ziel nicht bekannt.

Seele im Vielklang.

Im Unglück selten allein.
In Schmerz umgarnt.
Dem Leichten entflohen.

Der Junge war kein schlechter Mensch.
So wenig, wie alle, die jung sind und noch formbar sind und mehr noch, so wenig schlecht, wie einer sein kann, der von anderen geformt wird.

Der Junge war nicht verkehrt, hatte manchmal Flausen im Kopf, war klug, manchmal etwas schüchtern.
Immer ein wenig ein Außenseiter.

Nie ganz dabei, außer er hatte nur einen Freund um sich herum.
Mit mehreren war es ihm um ein Vieles schwerer den Kontakt aufrecht zu erhalten.

In der Gruppe war er nicht mehr der einzige Spielkamerad, nicht mehr der, der sich alleine um sein Gegenüber drehen konnte, nicht mehr der, um den sich alles drehte.
Das war dann nicht mehr schön für ihn. Da kam er in seiner Gefühlswelt schnell zu kurz, wurde wieder zu dem Außenseiter, als der er sich schon immer wahrgenommen hatte.

Zog es dann vor alleine zu bleiben.
Lieber allein, als einer unter Vielen.
Das war seine größte Schwäche.

Die anderen, die waren nicht schlau genug, das zu durchschauen, konnten ihn wenigstens damit nicht verletzen.
Sie reagierten nur und mieden ihn.

Wenn er sich fügte, mitmachte, dann in einer untergeordneten Rolle. Weil er die Spiele, die ihnen gefiehlen nicht verstand, nicht kannte, nicht kennen wollte.

Der Junge wurde ein Mann.
Lebte in seiner Nische, im Abseits, war nie einer von Vielen.
War immer nur Einer.

Einer, der wenn man ihn ließ, charmant, groß, klug, stark und so anders war, als all’ die Vielen.

Das machte ihn interessant für diejenigen, für die Zwei die höchste Zahl war.
Er begriff das nur langsam,
gestand mir vor einiger Zeit, dass er es bis heute kaum verstehen würde, war er doch ein Sonderling.
Nie einer von denen, die man gern zu sich einlud, schien ihn doch die Menge zu erdrücken, ihm Stimme und Souveränität zu rauben. Ihn in einem ungelenken, manchmal garstigen Jungen zu verwandeln. Ihn in die Rolle des langweiligen und ungeliebten Gastes zu zwingen.

So blieb er da, wo er gewollt war.
Suchte sein Glück in der Zwei.
Fand es nie, denn so wenig er sich verstand, konnte sein Gegenüber ihm folgen, ihm auf Dauer nahe sein, ihm, der sich nie verstand.

Ihn, der klug, aufmerksam, alert und feinsinnig war.
Ihn, der trotz all seines Verstandes, der so viel sah, nie den Zugang zu sich selbst fand, nie sich selbst durchschaute.

Blieb Eremit, auch die Zwei vermochte das nicht zu verändern.
Blieb Eins.
Blieb der Junge, das kleine Menschenkind. Alleine in der großen Welt. Die er nicht verstand.

Kid Punk

26 Gedanken zu “Menschenkind

  1. Ich habe es jetzt dreimal gelesen und will nur Bescheid sagen, ich nehme den Jungen mal eben mit, um ein stummes Zwiegespräch zu führen. Ich fahre mit dem Bully Blumen ausliefern, er darf auf den Beifahrersitz klettern, ich schnalle ihn auch an. Bis später, herzlichst, Käthe.

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  2. Ich kannte auch einmal einen solchen Jungen. Der gerne alleine blieb, einer von zwei oder einer vor vielen. Vor Mengen reden, das mochte er. Aber unter Gleichen zu sein, das fand er unglaublich anstrengend. Ich konnte das nie so recht verstehen, ihn nie recht verstehen, obwohl ich von allen Menschen die war, die ihn am besten verstand, wie er sagte. Danke, dass dieser Text mich ganz kurz hineinblicken lässt.

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  3. Treffend formuliert. Für mich stellt sich nur die Frage: Ist´s damit gut oder ist mehr nötig? Wo geht´s hin oder ist das überhaupt wichtig? Andere Wege? Nächster Abzweig?

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  4. Die Geschichte kommt mir bekannt vor, vertraut sogar.
    Unterschiede vielleicht dahingehend, dass ich behindert bin. Sehprothesen seit frühester Schulzeit. Das kann prägen – sichtbar.
    Und überhaupt: Allein = Einer im All und einsam = ist immerhin Ein Same, aus dem etwas entstehen und aufblühen kann. Insofern alles im Lot.
    Vollsonnenheisse Grüsse vom Schwarzen Berg

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    • Es ist, wie so oft Segen und Fluch zugleich.
      Ich denke, Kreativität entspringt aus Not, der eigenen.
      Wenn das kleine Ich Wege ersinnen muss, eine Erklärung für das zu finden, was ihm geschieht.
      An einem selbst liegt es, daraus etwas zu machen.

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      • Wenn ich eine Erweiterung hinzufügen darf: Kreativität liegt als Kraft in jedem Menschen. Bei manchen drückt sie in Notsituationen ans Licht. Andere Menschen hatten vielleicht das Glück, dass bei ihnen schon im frühen Kindesalter diese Quelle angezapft worden ist.

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