Leben…

Fragmente der 80iger
Spotify spielt Cocteau Twins.

Erinnerungen an Zeiten, die nicht das Morgen im Blick hatten.

Morgens aufzustehen und feststellen, dass es früher Nachmittag ist. Jimmi Cliff singt. Erste Rauchschwaden steigen auf.
Erinnerungen an jemanden, den ich meine Freundin nannte, obwohl sie es nie war. Nie im eigentlichen Sinn, nur im Sinne der Freundschaft.
Ohne Drogen kam sie keinen Meter weit, geschweige denn aus dem Bett.
Ich weiß noch, wie sie aufstand, über mich hinwegstieg und ich ihr zwischen die Beine sah, feststellte, dass da nichts war, was aus Textil war.

Heute denke ich darüber, dass ich ihr wohl so gleichgültig war, dass nicht einmal Scham eine Grenze war.
Vielleicht war es auch nur Vertrautheit.

Ob sie wohl noch lebt? Kurz nachdem sie begonnen hatte von Rauchbarem auf Nadel umzustellen, meine hilflosen Versuche, sie davon abzuhalten nichts bewirkten, habe ich mich von ihr und von allen, die es nicht lassen konnten abgewendet.

Keine glorreich gute Idee, die Möglichkeit, selbst etwas zu nehmen hatte ich nie ernsthaft in Erwägung gezogen.

Dieser Moment, als sie aufstand, ich lag auf dem Rücken, blickte nach oben.
Es ist ein Foto in meinem Kopf.
Das Zimmer, ihr Appartement, eine Ruine, sie, keine 19 Jahre und schon am Ende angekommen.
Sie wäre nicht mal so weit gekommen, hätte ich sie nicht Jahre vorher davon abgehalten, vom Balkon zu springen, als sie einmal zu viel Klebstoff erwischt hat.
Sie lachte, kicherte irre, kletterte über das Geländer, wollte fliegen.
Das eine mal konnte ich sie retten.
Das hab’ ich mir immer eingeredet. Vielleicht war es so.

Frühsommer ‘86
Wir schlurfen durch den Englischen Garten.
Picknick im Grünen.
Endlich leer.
Die Braven und Ängstlichen bleiben Zuhause, lassen die Hunde in Tüten kacken.
Tschernobyl hat uns den Park geschenkt.
Die Zeitungen schreiben was von Gefahr und Verseuchung.
Hauptsache, sie haben was zu schreiben.

Wir haben es genossen, endlich Ruhe.
Kletterten auf Bäume, spielten verrückt, waren es.

Damals konnte ich mir noch einreden, dass die Leere, die mit Irrsinn gefüllt wurde, Teil des Erwachsenwerdens war.

Heute warte ich nur auf Ruhe.

Die Musik hat sich kaum geändert.
Trent Reznor spielt den Soundtrack zu Social Network, Hand Covers Bruise.
Statt gelegentliche Drogen ein Bier.
Statt Draussen sitze ich drinnen.

Statt Ratten, damals immer dabei, eine Katze, die schweigend neben mir sitzt.
Ist das schon Fortschritt, Entwicklung?
Ich dachte immer, da müsste mehr sein.

Trent spielt In Motion.
Die Musik beschleunigt sich, wie die Zeit, die immer schneller vergeht.
Die Gelegenheiten, es gerade zu biegen, es zum Besseren zu ändern, sie sind so schnell verpasst, so schnell vorbei.
Keine Geduld mehr.
Es geht so schnell.

Wie viele falsche Entscheidungen sind noch drin?
Wie lange geht das Spiel noch?
Ist das hier schon Leben?
Kommt da noch was?

Einsteigen.
Losfahren.
Weg.
Und dann?
Wird es dann besser?

Dalis Car spielt His Box.
Mick Karn spielt den merkwürdig melodiösen Bass.
Wäre mal besser bei Japan geblieben.
Egal.
Peter Murphy, Ex Bauhaus Sänger, singt “Nothing happens in His Box”
Keine Ahnung, was er meint.
Trotzdem eines der schönsten Plattencover ever.

Killing Joke spielen Love like Blood.
Erinnerungen an das Mirage, an tanzen bis in den Morgen. An das Tragen von Schwarz, Schnabelschuhe und Totenkopfhemden aus dem Exzentric…
War es das schon?

Ist es das?
Das man sich an all’ die Dinge aus der Vergangenheit erinnert.
Ist das Leben?

80iger-002

20 Gedanken zu “Leben…

      • Der Mensch verfügt über die tolle Gabe die negativen Erinnerungen auszublenden. Entsprechend bleiben die positiven Erinnerungen. Entsprechend war es früher besser, auch wenn es wahrscheinlich gar nicht so war. Wenn ich z. B. an die ganze Junkies in der Taunusanlage in Frankfurt denke oder das ganze Bahnhofsviertel. Ja, da war Leben aber auch viel Tod.
        Die Enge, die Spießigkeit. Aber auch die weite Welt. Eine Reise nach Amerika war ein Abenteuer. Der Urlaub in Frankreich oder Italien war noch eine Reise mit lustigem Geld.
        Would not want to miss it. Besser kann man es nicht sagen.

        Gefällt mir

  1. Heute fühlt man sich beim Lesen allerorten in tiefschwarze innere Tümpel geworfen. Ölige, teerige Gewässer, man schnappt nach Luft und muß strampeln, um nicht in der Brühe zu versinken. Ich schreibe das nicht, um zu hadern, sondern als Kompliment für die Fähigkeiten der jeweiligen Verfasser, in dem Falle für Sie, Herr Faktoid. Am stärksten der innere Sog bei der Beschreibung der Schamlosigkeit, die Abstumpfung jeglicher Form so mit sich bringt. Vertrautheit? Ich lache bitter, selbst Vertrautheit hat noch Schamgrenzen, die suchtabhängige Gleichgültigkeit vermissen läßt…
    Pardon, jetzt ließ ich mich doch fast mitreißen. Allerdings macht das mir die Beantwortung Ihrer Frage leicht: Nein, nicht die Erinnerungen sind das Leben, das Leben ist das, was jetzt passiert. Die Erinnerungen mögen da sein, gut oder schlecht, aber wir müssen ständig neue hinzufügen, Stillstand läßt uns irgendwann absaufen. Verdammt, jetzt muß ich an die frische Luft…

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