Leben und Licht

Fassungslos stand er am Straßenrand, an die Hauswand gedrängt und beobachtete die Mengen.
Endlos zogen Sie an ihm vorüber.

Es war nicht sein Weg. Das wusste er von Anfang an.
Er sah die Gesichter.
Zielstrebig, wissend, das Ziel klar vor Augen.
Ihr Ziele würden nie die seinen sein.

Fremd, wie so oft.
Hinterbänkler, teilnahmsloser Zuschauer.
Das war sein Part.

Wenn die anderen den Fluß hinunterschwammen, vielleicht nur zum Vergnügen, so schwamm er quer. Nie die selbe Richtung.
Spielten sie ein Spiel, las er ein Buch oder beobachtete das Leben, das sich auf Blättern vor seinen Augen abspielte.

Er war ein aufmerksamer Beobachter.
Leben, in seiner reinsten Form, sagte er einmal, ist wie ein Licht. Wer ein Leben tötet, löscht ein Licht.

Manchmal sah er zu, wenn Vögel in Scharen aus dem Feld aufstiegen, sah all die kleinen Lichter emporsteigen.
Bangte um jedes von ihnen. Litt mit ihnen. Sah ihren Weg, ihr Leben, das kleine zarte Leben, litt und weinte darum.

Er liebte das Leben, das Gefühl war immer seins. Das war alles, was er wollte.

Verachtete die Achtlosen, die Unbedachten, die Trampel, die Dummen, alle, die das Leben nicht wertschätzten.
Machte keinen Hehl daraus. Grenzte sich ab.

Es war, als ob das seine Aufgabe wäre, die anderen zu verprellen.
Ihnen deutlich ihre Fehler vor Augen zu führen.
Überdeutlich, als wäre ein Vorschlaghammer von Nöten, statt eines Uhrmacherwerkzeuges.

Es gelang ihm nur selten, jemanden auf seine Seite zu ziehen. So nannte er das, so für sich im Stillen, auf seine Seite ziehen.

So wie er das Interesse an den anderen verlor, wenn der Dialog scheiterte, so sahen sie zu, dass sie schnell wieder ihren Gewohnheiten nachgingen, wenn er mit ihnen ins Gespräch zu kommen versuchte.
Wenn er seine Wortgewalt dazu aufwendete, sie vom Licht und dem Leben zu überzeugen.

Sie taten ihn ab, das Maß an Ablehnung, dass man sich für Sektierer und ungeliebte Prediger aufsparte, gepaart mit überflüssiger und durchschaubarer Höflichkeit.

Ihn ließ es kalt.
Die Macht der Gewohnheit.
Stand auf, schwieg, drehte sich um, ging seines Weges.
Früher stand ihm dabei zynisches Lächeln im Gesicht, heute nur noch Bedauern.

Das Bedauern galt ihm selbst.
Denn während er den Vögeln nachsah, ihre Zeichnungen im Himmel nachflog, Teil ihres Schwarms wurde, währenddessen grenzte er sich aus, übersah, dass Leben und Licht auch in den Augen seiner Mitmenschen war.
Er hatte das Interesse an ihren Leben verloren, dass war der Preis.
Hatte übersehen, dass hinter all dem, was sie vorgeben zu sein, dass dahinter Geschichten stehen.
Geschichten, die das Leben selbst in die Menschen hineingeschrieben hat. Die sie zu dem machten, was sie sind, wer sie sind.

In wachen Momenten wurde ihm das klar, da stand ihm die Erkenntnis ins Gesicht geschrieben, da fragte er sich, wie viele Züge er schon verpasst hat, an wie vielen Stationen er in überflüssiger Weise ausgestiegen ist, die Weiterfahrt verzögerte, um an fremdem Orten ziellos durch Städte zu irren, die er nicht kannte, nicht verstand. Deren Sprache er nicht lesen, nicht schreiben, nicht sprechen konnte.

Er hatte Angst, sich weiter seiner Endstation zu nähern, fuhr Umwege. Nahm selten nur eine direkte Verbindung.

Zuweilen, wenn er inne hielt, vollbrachte er Großes.
Wenn sein Streben ihm selbst galt. Wenn er sich auf seine Fähigkeiten besann, wenn er willens war, zu wachsen.
Dann gab er Impulsen nach, griff zum Hörer, sprach mit lange Verschollenen, die ihn schon aus seinem Leben gestrichen hatten, ihn nicht mehr auf dem Zettel hatten.

Hörte zu, wenn sie sprachen, wenn er sie zum Reden gebracht hatte, wenn er forderte, was er meinte, dass ihm zu stand.

Begriff, weil er zuhörte, begriff, dass sein Weltbild fehlbar war, korrigierte, konnte von stürmischer See in ruhiges Gewässer wechseln.

Die Stürme ließen nun tatsächlich nach, wurden seltener.

Noch immer sah er die Vögel aufsteigen, folgte ihnen im Geiste, bangte auch jetzt noch sie.
Wünschte ihnen alles, was gut ist und mehr. Liebte sie, wie er alles Leben liebte.

Die stille Anklage in ihm, die ihn begleitet hat, verstummte nach und nach.
Er war nicht schuld.
Er war nicht verantwortlich.
Nicht für alles. Nicht für jeden.

abgekehrt

10 Gedanken zu “Leben und Licht

  1. Plötzlich zu entdecken oder zu erinnern, dass „Leben und Licht auch in den Augen der Anderen“ ist, und dass man das einfach übersehen hatte, das finde ich wirklich: groß!
    Vielleicht vergeht daran vor allem das eigene Gefühl der Schuld, an dieser einfachen Erinnerung.

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    • Danke schön.
      Ich muss gelegentliche Erkenntnisse auch mal hinausposaunen.
      Auch wenn diese hier schon etwas älter ist.
      Mir dient es ein ums andere mal als Stütze, wenn ich wieder alles und jeden um mich herum auf Abstand halte.
      Danke fürs Lesen.

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  2. Manche Ihrer Texte machen mich gänsehäutig, manche stillstaunend, doch auf abstandhaltend. Dieser hier gehört zu einer anderen, seltenen Kategorie. Er liest sich mit offenem Visier, fließt unter die Haut, man wünscht ihn sofort zu vergessen, nur um auf’s Neue Zeile für Zeile zu folgen und mit ihm ein Stück den Blick zu heben. Von der Fassungslosigkeit bis zur beginnenden Erkenntnis. Danke, Herr Faktoid, es ist mir ein Vergnügen. Ein stilles Vergnügen. Ihre Frau Knobloch.

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    • Liebe Frau Knobloch,
      danke für Ihre Worte.
      ich weiß, dass ich den Text geschrieben habe.
      Und doch kehre ich zu dem, im November Geschriebenen zurück und entdecke ihn wie ein Fremder ihn zum ersten mal lesen würde.
      Fand mich in der Stimmung wieder, befand ihn für gut genug, ihn heute noch einmal zu platzieren.
      Herzlichst
      F.

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