100.000 Worte

Ein Jahr.
Ein Blog.

Eine Metamorphose, wenn auch nur eine kleine.

Der Anlass, ein weinseliger Abend mit dem Gedanken, darüber und über Essen und Trinken etwas zu schreiben.

Und dann, nach wenigen Tagen, die Feststellung, dass dies mehr sein könnte, als nur Texte über Genuss.

Das in mir seit Jahren ein kleines Talent schlummert, dass ich nie, außer, wenn ich gesprochen habe, hervorgeholt habe.
Das ich Sprache gern mag, blieb demjenigen der zuhören wollte, nicht erspart.
Das ich Sprache auch schreiben konnte war mir neu.
Das es einen Ort gibt, der mich das alles aufschreiben und andere lesen lässt, kam mir erst dann in den Sinn.

Ich mag das Ritual des Schreibens.
Meines geht wie folgt:
Google Docs, Courier New, 12 Punkt, 1,5 Zeilen Abstand.
In knapp 300 dort verfassten Texten habe ich es nicht geschafft, das als Vorlage abzuspeichern.
Fluche manchmal, weil es bei meiner lahmen Internetanbindung viel zu lange dauert, diese paar Einstellungen auszuführen.

Verliere wertvolle Sekunden, schlimmer, verliere wertvolle Gedanken.
Kann erst schreiben, wenn der Text aussieht, als sei er mit einer Schreibmaschine geschrieben.
Ich mag das Breite der Buchstaben, die deutliche Trennung der Worte voneinander.
In meinen Augen vermag nur die alte Schreibmaschinen Courierschrift das so schön auszurichten.

Rituale.

Heute ist es Stille, die mich begleitet.
Unterbrochen vom ewigen Gescherbel der Spatzen, die im Dach meines Hauses brüten.

Ist Musik an, muss ich darauf achten, dass sie mich nicht mitreisst, dass sie sich nicht von Untermalung zum Stichwortgeber befördert.

Ein Jahr.
Irrsinnig wenige 110.000 Worte.
Es sollten so viele mehr sein.
In meiner Vorstellung sind es viel mehr.

In meiner überfrachtet romantisierten Vorstellung über das Schreiben und den damit verbundenen Erfolg sitze ich schon längst, wie John Irving, in meiner kleinen Kate und blicke über die Schären, auf der Suche nach dem nächsten Satz.
Frei von den Sorgen der Existenz.

Heute im Straßencafé am Montmartre, morgen auf dem Segelboot.
Statt Allerweltsknipse, mit der ich durchaus zufrieden bin, das Klacken der Leica, wenn mir nach Photographieren ist.
Die Armbanduhr muss ich nicht austauschen.
Mein vorzeitig ausbezahltes Erbe am Handgelenk.
So bleibt mehr davon, als nur ein paar kümmerliche Ziffern auf der Bank, die schon lange in unbezahlten Rechnungen und anderen Nichtigkeiten weggeschmolzen wären.

George RR Martin schreibt auf einem uralten PC mit Wordperfekt. So die urban legend.
Ich schreibe zumeist auf einem sieben Jahre alten Macbook.
Das darf auch gern noch acht oder zehn werden.
Die Tastatur ist beleuchtet und leistet mir im Dunklen gute Dienste.
Ich halte es am Leben so gut ich kann, tausche die Festplatte aus, den Akku. Es dient mir zuverlässig.
Es schläft nie tief, man könnte meinen, es wartet darauf, Worte von mir zu empfangen. Ich mag den Gedanken.

Ein Jahr, 110.000 Worte.
Danke fürs Lesen. Ein Wort nach dem anderen.

12 Gedanken zu “100.000 Worte

  1. Schade das es keine Sommerblummenstraußtaste gibt. Am besten noch mit deren Geruch ausgestattet.Die hätte ich dir gern hier eingefügt. 110000 schöne Wörter, dazu wunderschöne Bilder…. Herzlichen Glückwunsch 🙂

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  2. Nicht nur in Ihrer Vorstellung sind es irrsinnig mehr Worte, auch wir, Ihre Leser sehen Unmengen von Buchstaben mehr, als uns auf den Bildschirmen entgegenfließt. Und dann die Geschichten, die aus Ihren Bildern heraus erzählt werden. Es ist ein reiches Blog, das Ihrige, danke für’s Lesenlassen.

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  3. Wie unglaublich bekannt mir dieses Gefühl vorkommt, nicht schnell genug drauf los schreiben zu können. So viele Gedanken, Wörter, Buchstaben gehen verloren in den wenigen Sekunden in denen man einen Stift und ein Blatt Papier sucht.

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  4. DAS WORT ist es nicht, was erfüllt, nicht die Zahl derer.
    Heute wird der Gedanke entaphorisiert, morgen komprimiert, übermorgen anonymisiert und letztlich minimalisiert … und das einzige, was bleibt, ist DAS WORT.
    Lieben Gruß
    Kariologiker

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