Drei Bilder

Der Raum war klein.
Wie klein, habe ich erst Jahrzehnte später begriffen.
Für mich war er die Welt.
Eine Welt, in der ich vier Jahre alt war.
Groß genug, aber kalt.
Kalt und Einsam.

Der Raum hat mir nur drei Bilder gewährt.
Nur drei Bilder, die sich in meiner Erinnerung breit gemacht haben.
Dort große Flächen eingenommen haben.
In so vielen Versuchen vergeblich übermalt.
Die Bilder scheinen durch. Unvergänglich.

Der Raum war das Zimmer hinter den Geschäftsräumen, hinter dem Buchladen, der Leihbücherei.
Was für eine dämliche Idee, Bücher zu verleihen.
In einer Zeit, in der die städtischen Büchereien noch nicht in alle Stadtteile vorgedrungen waren, schien das eine Chance zu sein.
Es war 1969 und eine Gelegenheit.

Wir lebten zu zweit in diesem Raum.
Meine Mutter und ich.
Teilten räumlich Tisch und Bett.
Mehr als diesen Raum gab es nicht. Mehr war nicht drin.

Bild Nummer Eins.
Es war Winter, der Raum hatte eine Heizung, einen kleinen Heizkörper, einer von der gerippten Art der alten Zentralheizungen.
Unter einem der beiden Fenster war er angebracht.
Der Spalt zwischen Heizkörper und marmornem Fensterbrett war groß genug, dass ich mich dazwischen zwängen konnte.
Dort lag ich auf den Rippen des Heizkörpers, die die einzige Wärme in dem Raum spendeten.
Dabei war es nicht wichtig, ob meine Mutter im Raum war oder nicht. Sie war, was Wärme betraf, kein Faktor.

Bild Nummer Zwei.
Es gab eine Kammer.
Zwischen Geschäftsraum und dem Wohnraum lag die Kammer.
Die diente als Lager.
Bücher stapelten sich in den Regalen.
Berge davon lagen achtlos auf dem Boden verstreut.
Eine alte Schreibmaschine, die gab es auch da.
In die Kammer ging ich gern.
Saß wie ein König auf den Büchern.
Thronte.
Genoss das Gefühl des einsamen Besitzes.
Einige der Bücher habe ich heute noch.
Bewahre Sie auf, im Angedenken.

Bild Nummer Drei.
Warum waren wir Zwei?
Ich habe mehr als nur geahnt, dass jemand fehlen würde.
Das Zwei nicht die Zahl war, dass Drei oder Vier uns vollständig machen würde.
Das da zusätzlich zu Ihr auch noch ein Er sein musste.
Wo war er?
Es gab ihn.
Fragen wurden mit Lügen beantwortet.

Eines Tages war er da.
Kam in den Raum, saß auf der schmalen Couch, die nun Platz für drei sein musste.
Saß da und weinte.
Die Hände, die starken Hände, die das Gesicht in ihnen begruben.
Der Mann, mein Vater.
Der große Mann weinte.

Warum? Das habe ich erst Jahrzehnte später erfahren.
Durch einen dummen Zufall, eine plappernde Schwägerin, die es damals meiner Frau erzählte.

Jeder schien es gewusst zu haben.
Ich erfuhr es nur im Nebensatz.

Erfuhr, warum er geweint hat.
Eine Geschichte, vielleicht für einen anderen Tag.
Vielleicht auch eine von den Geschichten, die besser unerzählt bleibt.

Ein Raum

30 Gedanken zu “Drei Bilder

  1. Traurig das gefühlte und gelesene Einsame. Die Tragik der Erinnerungen. Geformt in eine Geschichte. Von jeder Sicht wohl eine andere Geschichte, mit ganz anderen Emotionen. Zumindest denk ich mir das so häufig, wenn ich über meine Vergangenheit sinniere. Versuch die Sichten der einzelnen Protagonisten damals vor vielen Jahren zu sehen. Und, warum sie wohl so sind, wie sie sind….

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  2. Und wieder rühren Ihre Worte Eigenbilderflut an. Ich habe meinen Vater nie weinen sehen. Dann hat sein Stolz uns zum Weinen gebracht. Erst vielviel später, erzählte mir Mama Löwenherz, er hätte nachts heimlich geweint. Bis heute wissen wir nicht, welcher Kummer derart in ihm nagte, daß es ihn in die Verzweiflung trieb. Jetzt sehe ich Ihre raren Bilder, vergleiche mit der Flut der meinigen aus glücklichen Kindertagen und schätze mich trotz unfassbaren Kummers doch recht glücklich. Wenn es das ist, was über bleibt, so soll es wohl so sein…

    Das neue Gewand steht Ihrem virtuellen Zuhause bonfortionös, lieber Herr Faktoid. Sehr schön. Herzliche Grüße, Ihre Frau Knobloch.

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    • Das was übrig bleibt, ist wohl selten das, was man sich wünscht.
      Die bewusste Erinnerung an glückliche Kindertage, abrufbar und stets präsent, ist etwas, dass ich kaum greifen kann. Ein rares Gut.
      Ich versuche, den Dämonen entgegen zu treten, indem ich sie wach rufe.

      Danke für das Lob. Ich wollte es nur in geringem Maß umgestalten. Ein wenig Frische schadet sicherlich nicht.

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      • Mich deucht, ich bekam die glücklichen Kindertage als feste Basis, im späteren Kummer nicht abzusaufen. Diese Dämonen muß ich nicht rufen, sie sind oft genug präsent. Kann es vielleicht sein, daß die ersten Prägungen sich durch den Rest des Lebens ziehen und dadurch Sie näher am Zweifelmorast und Suchmoor und ich beispielsweise näher an der Gänseblümchenwiese beheimatet sind?

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      • Vielleicht waren die zweiten und dritten Prägungen auch nicht besser als die anderen…
        Und als die Zweifel endlich ausreichend gesät waren, waren die für den restlichen Verlauf zuständig.
        Freilich, wenn es einem gut ging, hat es keine so große Rolle gespielt, aber später dann, wenn das Nachdenken einsetzt, wenn es gilt, zu interpretieren.
        Da tun die Zweifel ihr zersetzendes Werk.

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      • Das klingt traurig plausibel. Ich hatte immer einen Ort zu dem ich gedanklich fliehen konnte: ins Gehöft an der Biegung des Flußes. Ein einziges schreckliches Ereignis vermochte nicht die Fülle an Gutem zu vergiften. Was für eine Erkenntnis für mich. Und wie bewahrheitet, wenn ich hinterhersinniere…wie oft ich dahin floh, auch in Person. Und es war der Ort, an dem der erste Schritt begann, raus aus dem Jammertal, hin zum Jetzt. Bitte verzeihen Sie, das gehört alles nicht hierhin, doch ploppt es mir gerade so auf, wie reich ich bin…

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      • Ich hatte auch Orte, an die ich gehen konnte.
        Ich erinnere mich an eine alte Frau, einen Oma Ersatz, am anderen Ende der Straße.
        Dem Kindergarten habe ich mich verweigert.
        Am zweiten Tag habe ich mich ins Klo eingesperrt.
        Und war fortan nur noch zuhause, in der Kammer, im Laden, draussen.
        Immerhin, mit vier konnte ich lesen.
        Ich hatte es mir weitestgehend selbst beigebracht.
        Der erste Pfahl, den ich in meine zukünftige Schullaufbahn getrieben habe.
        Kein Interesse am Lesen lernen und bald kein Interesse mehr an Schule…
        Zu langweilig…
        So war das…

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      • Schreiben Sie, lieber Herr Faktoid, schreiben Sie alles auf. Basteln Sie sich silbenstrickig Halteseile zum Festzurren, wenn innere Stürme toben. Um den Zweifeln vielleicht ein wenig Paroli zu bieten. Sie haben sich das doch nicht ausgesucht.

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      • Jetzt muss ich mal mit Augenzwinkern antworten:

        Ich muss mal wieder was über die Marketingabteilung der Wurstwarenfabrik schreiben… Oder über Bentleys.
        Oder beides…
        Das kann ich mir vielleicht doch aussuchen.

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      • Da würde ich nicht widersprechen. Meine Kois haben sich in dem milden Winter so fett gefressen, Sie könnten neue Verzehrvariationen ausprobieren. Also, falls Sie sich das aussuchen wollen…

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      • Man kann sich natürlich auch denken, dass man nicht auf einer familiären Kindergänseblümchenwiese aufwächst, um dadurch auch für spätere Lebensnackenschläge stark zu sein und stehen bleiben zu können. Ich zum Beispiel und überdies bin ich von guten Geistern an einem Dienstag zu jener unseligen Familie zur Geburt begleitet worden… Darüber gäbs manch schier unglaubliches zu berichten

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      • Was aber, wenn die frühen Nackenschläge zu prägend und man fürderhin nur noch den Kopf zwischen die Schultern nimmt? Ich danke im Nachhinein den guten Geistern, die Sie beglitten und hoffe doch, daß Sie berichten. Am besten, an einem Tische sitzend.

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      • Dann kanns unter solchen Umständen Migräne geben – hatte ich über dreissig Jahre ziemlich heftig. Wer aber überlebt, kann sie innerhalb von acht Wochen los werden – mit Glück natürlich und mit dem entsprechenden Willen…

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      • Lieber Herr Ärmel, mich deucht, Sie sind ein wahrer Überlebenskünstler, bitte teilen Sie Ihre Geschichte mit uns, die wir allzu oft noch hadern. Gutenmorgengrüße zum Schwarzen Berg und natürlich an den virtuellen Gastgeber, den famosen Herrn Faktoid.

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      • Bei unserem freundlichen Gastgeber hätte ich durch einen Hinweis von Mann zu Mann einen Aufschub erwirkt, denn für meinen Blog ist die Geschichte aus unterschiedlichen Gründen zu delikat.
        Aber einer nobelfeinen Damen eine Bitte abschlagen. Frau Knobloch, soweit kennen Sie mich nun…
        Hier die Kurzfassung (eigentlich sollten junge Menschen dies zur Mahnung erkenntnisfördernd lesen)
        Der kleine Herr Ärmel besass einige schöne Modellautos, darunter diesen Bentley (http://www.motorstown.com/images/bentley-continental-saloon-04.jpg), der ihn zu allerlei Bubenträumen anregte. Zeitsprung. Mit siebzehn hörte ich von einer alten englischen Automarke. Die Wagen wurden noch immer in Handarbeit hergestellt und sahen aus, als wären 40 Jahre “Modellpflege” scheinbar spurlos an ihr vorübergegangen. Als die Lummerländer Kinder laufen lernten entschied ich mich, alle meine alten Ducatis zu verkaufen (Notat an michselbst: Thema für einen Post). Motorradfahren war zu gefährlich geworden in deutschen Landen.
        Der alte Bentley. Ich entschied mich aus monetären Gründen für einen jener altmodischen Sportwagen. Mein erster Morgan war ein 4-4. Rechtsgesteuert. Die Geschäfte liefen prima. Einer von weltweit fünf Morgan +8-4. (http://herraermels.blogspot.com/2012/04/schlechtes-wetter-schone-erinnerungen.html).
        Ich war erfolgreich. Sehr, und so ich nahm Kontakt auf zu dem bekannten englischen Händler für alte Bentleys. Einen Continental S2 bot er günstig an. Graphitgrau und schwarz lackiert. Mit fast allen seinerzeit erhältlichen Extras. Original Regenschirm in der Tür. Grosse Picknickausrüstung inklusive. Das Ticket nach London war gebucht. Eine Woche vor dem Termin verlor ich durch mein Vertrauen in die falschen Partner mein Vermögen. Mein Fehler.
        Was mich am meisten beunruhigte in jenen Jahren, die nackte Armut, hatte mich kalt von links hinten erwischt. Morgan, Bibliothek mit bibliophiler Sammlung, klassisch strenge Möbel, einige Sammlungen – alles weg. Verkauft. Materiell relativ nackt, aber ohne Schulden gegenüber Dritten. Fast zwei Jahre Krise. Dann begannen andere Gewinne zu sprudeln. Erfahrungen. Lebenserfahrungen. Die Verzinsung für Aufrechtstehende. Der Reichtum der Wahrnehmung und das Verständnis für Zusammenhänge, der immer klarere Blick auf Lebenswirklichkeiten. Die faszinierende Fähigkeit, beim Sprechen des Gegenübers dessen Sätze zu filtern durch die Wahrnehmung seiner Herzbewegungen und Gedankenschleifen und so die tiefere Wahrheit hinter seiner Sprache zu erkennen. Ich habe gelernt, dass nicht das Hirn denkt so weing wie der Hammer einen Nagel in die Wand schlägt. Andere Instanzen steuern. Ich erfreue mich bester Gesundheit, werde in der Regel zehn Jahre jünger geschätzt und lächele jedem neuen Tag entgegen schon beim Aufwachen.
        Soweit. Ich hoffe, Ihnen beiden Bitte und Wunsch zufriedenstellend erfüllt zu haben.
        Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

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      • Danke für diese geteilten Erinnerungen, mein lieber Herr Ärmel. Mit einem Seufzer des Bedauerns, so widersinnig, da es im Grunde doch nichts zu bedauern gibt, jedoch nicht unterdrückbar, grüße ich Sie herzinnig.

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      • Ich habe das Glück, mit meinem Sternzeichen im Einklang zu schwingen:
        „Im Verlorenen finde sich Verlust,
        Im Gewinn verliere sich Gewinn,
        Im Begriffenen suche sich das Greifen
        Und erhalte sich im Erhalten.
        Durch Werden zum Sein erhoben,
        Durch Sein zu dem Werden verwoben,
        Der Verlust sei Gewinn für sich!“ (R. Steiner)

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  3. Vielen Dank für die Präsentation der drei Bilder.
    Ich frage mich immer wieder, warum manche Bilder, oft scheinen sie so nebensächlich, geradezu belanglos, warum manche Bilder wie auf Kommando aubrufbar sind. Warum hängen sie gleich an den Erinnerungseingang unserer individuellen Bildersäle und wer hat sie dahin gehängt.
    Deine drei Bilder haben beispielsweise spontan das Portal zu meiner eigenen Galerie aufgerissen: die zuerst erblickten Bilder passen zu deinen.
    Sollten Menschen vielleicht auf dieser Ebene kommunizieren? manchmal denke ich, dadurch liessen sich Kriege verhindern. Kleine ebenso wie grosse, böse.
    Am Sonntag auf arte abends den Film „Lügen und Geheimnisse“ gesehen. Zuerst dabei (aus filmtechnischen Gründen) gelitten, zum Schluss jedoch zu einem überaus positiven Resumee gekommen. (Der Film läuft diese Woche noch in der mediathek – als Empfehlung!)
    Vielen Dank für die Präsentation der drei Bilder – ich warte mit meinen Beschreibungen jener Bilder noch bis ich wieder Waisenkind sein werde.

    Marstäglichkämpferische Grüsse vom Schwarzen Berg

    (btw: welcher Wandel von einer Leihbücherei zu einem Eiscafé…)

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    • Ich glaube, die Belanglosigkeit ist nur vorgegaukelt.
      Ohne Bedeutung wären sie nicht präsent.

      Die Eisdiele ist seit über 20 Jahren dort. Ich habe nur einmal ein Eis dort gegessen. Nur, um die Räumlichkeiten von innen zu sehen.
      Leider habe ich weder dort, noch in der Umgebung jemanden angetroffen, der sich an die frühen 70iger erinnern kann.

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      • Wer aber gaukelt?
        Es ist schwer in Städten noch Menschen in der gleichen Strasse zu finden, die da auch vor vierzig Jahren schon gelebt haben. Ich drücke dennoch die Daumen.
        Ich suche seit ebenso langen Jahren nach einer Antwort auf meine Frage an ein Ereignis, das sich vor nunmehr 69 Jahren und 110 Tagen zugetragen hat in dem damals überschaubar kleinen Dorf. Es sieht nicht gut aus…

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  4. Die Bilder, das vergebliche Übermalen, das Durchscheinen trotz allem, die geschriebenen Worte und ebenso das Ungesagte; nichts davon ist schön, aber schön und gut, dass es hier steht…

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