Lost weekend

Nackt, die kühlende Luft auf der Veranda genießend.

Keine Gedanken mehr verschwenden, nicht an das, was war.

Einfach nur da liegen und den kühlen Wind, das Eis im Glas, durchtränkt vom Gin genießen.
Sie liebt das Gefühl, den Eiswürfel zu zerkauen, langsam, zu spüren, wie sich die Kälte, die Erfrischung in ihrem Mund ausbreitet.

Da ist keine Verpflichtung mehr, nichts, was erledigt werden muss. Nur Sie, der Wind, der Strand und das Meer.

Sie waren 6 Stunden gefahren, schweigend, würdigten sich keines Blickes.

Es waren Dinge geschehen.
Nichts worauf man Stolz sein konnte, nichts, worüber man auf langweiligen Stehparties viele oder überhaupt irgendwelche Worte verlieren würde.

Es fiel ihnen schwer das Schweigen zu brechen.
Der bekannte Teufelskreis; je länger es andauerte, desto schwerer wurde es, wieder Worte an den anderen zu richten.

In ihm mahlte es, er suchte verzweifelt nach den richtigen Worten, tat sich so schwer, den Anfang zu machen, wollte nicht, dass es wie ein sich Anbiedern klingt.
Wollte so sehr den richtigen Ton treffen, dass er weiter schwieg und den inneren Druck weiter und weiter erhöhte.
Saß am Steuer, fuhr extra ruhig, ließ keine Gelegenheit aus, den Vorrang zu geben oder mit ausreichend Abstand zu fahren, vermied jede Aggression.
Immerhin, dazu war er im Stande.

Hoffte, dass es ein Zeichen war, dass erkannt wurde.

Sie hatten sich so sehr auf das Strandhaus gefreut.
Einer spontanen Eingabe folgend, hatte er zum Telefon gegriffen, das Haus gebucht, die Zeit geblockt, die Überraschung präsentiert, ihr Freude bereitet.
Es war so überfällig, der Trip war ein Ventil.
Und dieses Ventil war nun unter Druck.

Nach der endlos langen Fahrt luden sie schweigend aus.
Im Stillschweigen beschlossen, bezogen sie getrennte Betten in getrennten Zimmern.

Sie stand in der Küche, brutzelte ein paar Eier, toastete das restliche Brot.
Sie würden morgen in den kleinen Store fahren müssen, etwas besorgen.

Sie würde sich die Freude am Baden im Meer nicht nehmen lassen. Sie würde auf jeden Fall bleiben, zur Not alleine zurück trampen. Das Haus war bezahlt für das Wochenende und sie würde es genießen. Mit oder ohne ihm.

Er war zudringlich geworden, hatte bei ihrem letzten Treffen die aufkeimende Nähe ausgenutzt, ohne ihr Einverständnis.
Was ein Abend werden sollte, der sie näher zueinander bringen sollte, wurde beinahe zum Trennungsgrund.
Das er zu viel getrunken hatte, war ihm Entschuldigung genug, ihr nicht.

Da war dieser Abend, an dem sie gemeinsam der Einladung zu einer Feier von entfernten gemeinsamen Freunden gefolgt waren.
Eine gute Gelegenheit mal raus zu kommen, eine gute Gelegenheit für mehr als Jeans und T-Shirt und ein wenig Ausgehen.

Sie bewunderten sich gegenseitig für die Mühe, die sie sich mit sich gaben, komplimentierten sich für Make up, Frisur, den Anzug, das Kleid. Fühlten sich leicht und verliebt. Feierten sich. Tranken schon vor der Abfahrt, freuten sich auf das, was kommen würde.

Das was dannn nach dem schönen Abend kam, war so nicht geplant. Die Fahrt zurück, der Zwischenstop, das an die Wäsche gehen, zu stürmisch, zu überfallartig, so nicht von ihr vorgesehen.

Nun waren sie hier, im Haus am Meer.
Letzte Gelegenheit, es zu richten.

Er kam in die Küche, schon wieder betrunken.
Es missfiel ihr sehr, sie hatte auf Aussprache gehofft, die nun nicht stattfinden würde.

Auch sie hatte ein Glas da stehen, voll mit Eis und Limonade.
Hatte mühselig das Eis zerstoßen. Dann die Kühle genossen.

Er stand hinter ihr, umfasste sie, hielt ihre Brust, fest im Griff, zu fest, raunte ihr trunkene Worte ins Ohr, ließ nicht locker, kniff sie, erhörte sie nicht. Ließ sich nicht einfach wegstoßen.
Ihre Hände suchten den Eispick, grabschten danach, umfassten ihn.
Der erste Stich ging in die Nierengegend. Der zweite in den Kopf.
Sie ertrug es nicht.

Nachdem sie die Küche gereinigt hatte, den leblosen Körper im Kofferraum verstaut hatte, mühselig, schweisstreibend, dankbarer Weise unbeobachtet, legte sie sich nieder.
Schlief, tief, fest, traumlos, den reinigenden Schlaf.

Der nächste Morgen, ein Traum, sie badete sich im Meer, genoss die Kühle, die Frische. Sah den großen Seemöwen zu, wie sie kreischend durch die Lüfte zogen.

Später dann, als die Hitze zunahm, die Sonne zu sehr brannte, ein kleiner Spaziergang zurück zum Haus. Drinks auf der Veranda. Nackt. Frei. Endlich frei.
Morgen war auch noch ein Tag, sie würde wieder baden gehen, dann den Wagen über die Klippen stürzen, nicht sicher, noch nicht, ob sie aussteigen würde, vor dem Sturz.
Jetzt war sie hier, der Tag war ihr Freund und dieser hier würde sie nicht enttäuschen.

10 Gedanken zu “Lost weekend

  1. Jede Fotografie zeigt bekanntlich neben dem abgelichteten, sichtbaren Sujet vor der Kamera immer auch den Abglanz dessen, was im Moment der Aufname hinter dem Sucher geschah.
    Ich bin immer wieder erstaunt, welche Bilder bei der Beschau von Fotografien darüberhinaus in den Betrachtern entstehen.
    Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

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