Barfly

Manchmal muss es dreckig sein.
Manchmal geht es nicht ohne.

Aus meiner “musste ich unbedingt haben und dann lag die DVD vier Jahre ungesehen herum” Sammlung habe ich den Klassiker des Trinker Kinos, einer eben von mir geschaffenen Gattung Film, angeschaut.

Den grandiosen, 1987 gedrehten “Barfly”.
Mit dem damals noch unverschnittenen Mickey Rourke und der immer noch verdammt attraktiven und herrlich verlebten Faye Dunaway.

Rourke spielt Bukowskis Alter Ego Henry Chinaski.
Der Meister selbst hat das Drehbuch geschrieben.
Taucht auch, so meine ich, in einer Szene im Hintergrund auf.

Wo Cage in Leaving Las Vegas mit ewig gleicher Leidensmiene in sein Verderben säuft, blüht in Barfly das Leben in der dreckigsten Gosse, bekommt Henry permanent aufs Maul und gaunert sich aufs Feinste durchs Leben.
Mag Leute und Polizisten wirklich gern, “aber ich glaube, ich fühle mich besser, wenn sie nicht da sind”
Säuft sich von einer Szene in die nächste, beleidigt Barkeeper für die abendliche Rauferei und gibt einen aus.
Andauernd.

Die Wampe hängt aus der dreckigen Unterwäsche raus, die Haare verschmiert, abwechselnd von Blut oder Schweiss und dennoch ein Adliger, ein Fürst, ein Meister der Worte, Sensibel.

Und zu seiner Freundin ein echter Kerl, höflich, charmant und immer lieb. Auch wenn sie ihm den Schädel mit der Handtasche blutig schlägt.
Er liebt die Frau. Auch wenn er mit einer anderen vögelt.

Aber so ist das eben, wenn das Leben drei Gänge runterschaltet und schon am Morgen der pelzige Geschmack mit dem Rest des vorabendlichen Whiskys neutralisiert wird.

Der Mann ist mein Held, dem ich nicht nacheifern mag und dennoch beneide.
Ständig geschundene Hände von den ewigen Prügeleien. Nie vergeht genug Zeit, dass die Knöchel verheilen können.

Mit Bleistiftstummel kritzelt er seine Texte auf vergilbtes Papier, raucht mit gelben Fingern noch eine, bevor er sich noch einen reinkippt.
Lebt. Ohne Hektik.
Und doch ganz da, ganz Mensch, ganz im Hier.

Barfly ist ein Monument.
Barfly ist eine Philosophie.
Barfly hat einen genialen Soundtrack, der ohne Tom Waits auskommt, dafür mit Booker T., John Lurie, John Coltrane und anderen eine coole Atmosphäre zur Bar und dem Drink der Wahl schafft.

Ich geh jetzt raus und kipp mir einen hinter die Binde.
Wohlsein.

Falls noch jemand ein Geschenk sucht,
in sechs Monaten ist Weihnachten…

rourke dunaway barfly

 

Dunaway, Bukowski and Rourke

19 Gedanken zu “Barfly

  1. Diesen Film kenne ich nicht und bezweifle, dass ich ihn mir jemals anschauen werde. Mickey Rourke kenne ich dagegen. Ich glaube er war früher ein richtig guter Schauspieler. Was hat ihn so verändert? Nicht die zweifelhaften Operationen. Das Leben selbst, Drogen? Ach …

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  2. Stimmt. Die Besetzung hätte nicht besser passen können. Ich las bei Wiki, dass Sean Penn und Madonna sich auch für die Rollen interessierten, doch sie wollten Dennis Hopper als Regisseur und Bukowski blieb seinem Co-Drehbuchautor Barbet Schröder loyal gegenüber. Mickey Rourke, der dreckige Engel und Faye Dunaway, die Frau, die es schafft, gleichzeitig lakonisch und leidenschaftlich auszusehen und zu sein, sozusagen vereint in einem einzigen Gefühl unter der ganz leicht angegilbten Schneefrauhaut mit den Kohleaugen, sind für mein Empfinden die Idealbesetzung.
    Mickey Rourke ist ein Extremkünstler im besten Sinne, ein Selbstdarsteller, so markant, dass er wie geschaffen scheint für die Rolle von Bukowski. Die Beiden sind unterschiedlich, einer schauspielert, der andere schreibt, doch die Abgründe des Lebens haben sie beide auf ihre Weise weit über die Grenzen hinaus, ausgelotet, um Poesie zu schaffen, eine Poesie, die unter lauter Menschendreck liegt, trotzig, manchmal wahr, manchmal schön, manchmal widerlich und abstoßend.

    Faye Dunaway sagt irgendwann im Film „Barfly“:
    „When I drink alkohol, it moves me in the wrong direction.“

    Hank hat irgendwo seinen Kameoauftritt, an der Bar, er schaut Mickey nach, als der sich mal wieder mit dem Barkeeper herumkloppen will. Als ich den Film das erste Mal sah, fühlte ich mich wie in den Hitchcock-Filmen, in denen ich Alfred bei seinen Mini-Auftritten suchte und mir einen Knopf an die Backe freute, wenn ich ihn entdeckte. Marnie musste ich dafür 3 mal anschauen…;)
    Bei „Barfly“ ist Hank nicht zu übersehen, denn so schlonzig und beliebig, wie er auch versuchte sich zu machen, unterschied er sich doch von den anderen in der vornüber hängenden (damit das spätere Kippen des Kopfes auf die Theke nicht von zu hoch oben erfolgt) Haltung, die gleichzeitig wachsam war in alle Richtungen, lauernd auf etwas Interessantes und Spannendes in der Welt, in den Augen eine Mischung aus wachsamer Neugier und Überdruss an dem ihn Umgebenden.
    So, wie Hank an der Theke hängt, erinnert er mich an einen uralten Pavian, noch gefährlich, mit Worten, mit Taten, obwohl man ihm ansieht, dass er schon ziemlich krank und daneben ist.

    „Alcohol is the devil in liquid form“
    Bukowski traf seinen Teufel oft und beschrieb ihn in all seinen Erscheinungsformen.
    Er liebte ihn, hasste ihn, fand ihn grausam, gierig und sadistisch und doch konnte er die Welt ohne seinen Teufel nicht ertragen, denn der Teufel machte möglich, dass er das, was er sah, aufschreiben konnte in Worten, die er ernüchtert von der Welt nicht finden konnte in seinem Vagabundendasein.
    Im Grunde also eine verletzliche Persönlichkeit, darum liebten ihn die Ladies wohl so sehr, das Weiche in ihm:

    Hier kommt abschließend zu meinem (zu langen) Kommentar noch eine meiner Lieblingsstellen von ihm, aus dem Gespenst in Gestalt einer toten Amsel:

    „Der schiefe Tagtraum kauert sich an den Zaun wie ein alter Landstreicher. Jessas Charlie, sagt er, jetzt haben sie uns aber endgültig dran. Dann die Ängste in der Nacht;
    Angst, dass man nie mehr mit einem jungen Girl schlafen wird, das noch nie von Rimbaud gehört hat, Angst vor Platitüden und Armut, Angst vor einem quälend langsamen Tod, Angst vor Überwachungskameras und Hauswirten und Bossen, Angst vor einer Ehe mit sechs Kindern, Angst vor Krebs und schlaffen Schultern, Angst, dass Sartre schläft und Genet nur Witze macht,
    Angst, dass da draußen überhaupt keiner ist.“

    Hank…da draußen sind sie alle, manche wollen Dich sehen und andre wieder nicht,
    die einen stehen im Dunkeln, die anderen im Licht.
    (wusste schon Bert Bricht…)

    Tolle Rezension von Dir, toller Film, langer Kommi (uff), hat Spaß gemacht. 🙂

    Dir einen schönen Morgen,

    LG,
    die Karfunkelfee

    Gefällt 1 Person

  3. Eigentlich wollt ich nix mehr sagen, ist mir nämlich manchmal auch peinlich, wenn ich das letzte Wort habe.
    Doch das „besser“ , das kam mir immer wieder hoch.
    Also eine meinerseitige Positionierung (und das, wo ich Positionierungen doch sein lassen wollte, die find ich nämlich….äh…überflüssig oder sowas)
    Aber hier für mich wichtig zu sagen, gerade auch nochmal im Nachgang zu Deinem schönen heutigen Gedankentext.

    Das Schöne am Schreiben, an der Literatur ist, dass sie so vielfältig in ihren Ausdrucksformen ist. Ein Thema und so viele verschiedene Arten, es zu beleuchten, es zu verdichten, umzusetzen, auszudrücken. Eines Menschen Empfindungen spiegeln sich in der Art, wie er schreibt, wenn er gelernt hat, die Empfindungen textlich umzusetzen oder es gut kann. Nicht jeder kann das gleich gut, okay. Es ist eine Frage der Übung, tägliches Schreiben, im Fluss bleiben, den Wortschatz erweitern, sich wirklich mit Sprache zu vermählen, hinzugeben, so.
    Und das macht jeder Schreiber auf seine so eigene Weise.
    In manchen Texten springt es mich sofort im Ausdruck an, in den Worten,
    im Gefühl dahinter, ich kanns nicht sagen, ist ähnlich wie Verlieben.
    Kunst fühlen können ist wie Verlieben, finde ich.
    Und dann kommen die eigenen Gedanken.

    Es hängt nicht unbedingt davon ab, wie gut jemand schreiben kann, ob er korrekt schreibt, wie groß sein Wortschatz ist.
    Es ist immer nur die Persönlichkeit, die dahinter steht und zwischen den Zeilen schreibt,
    das Subtile, das Nichtfassbare.

    Manchmal passt es nicht gut, ich kann mir einen Text so wenig zugänglich machen durch die Art, in der er geschrieben ist, wie eine Musik, die ich nicht mag. Manche Musik lernte ich mögen, gibt es auch. Manche Texte lernte ich verstehen, dann erst durch mein Verständnis auch mögen. Geduld vonnöten…
    Andere erreichten mich einfach nie wie z.B. ein Novalis, mit seinen Versen kann ich nicht viel anfangen. Und die Charlotte Roche mit ihren Feuchtgebieten finde ich zutiefst abstoßend, obwohl ich sicherlich ein Mensch mit Hang zum manchmal Morbiden bin.
    Slangsprache reizt mich nur bedingt, das muss verstechnisch sitzen. Warum das so ist weiß ich nicht. So, wie ich mit mancher Kunst einfach nicht klarkomme.

    Deine Texte tragen Deine Handschrift und ich kenne Techniker, die sehr lange schon schreiben, bei denen mir einfach etwas fehlt. Das innere Feuer. Wenn ich dann selbst etwas schreibe, will ich mich eigentlich nur mit Dir freuen und Dir zeigen, was ich aus dem, was mich berührte in Deinem Text, für mich zog und wie ich es weiterentwickelte für mich.
    Klar bin ich ehrgeizig, will mich ja auch textlich weiter schulen, immer weiter, immer besser werden.
    Mich weiterbilden an der Kunst anderer, Danke sagen, dass es sie gibt für mich.
    Das ist mein Anspruch.

    🙂

    LG,
    die Karfunkelfee

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