Die vergessene Wurst

Ich versuche mich für gewöhnlich einen Dreck um das Zeitgeschehen zu scheren.
Dann und wann gelingt mir das nicht.

Wir leben in einer Zeit der großen Toleranz, sonnen uns darin, sind als Heteros stolz auf jeden schwulen Freund, lieben den CSD, applaudieren den Transen, lieben den Gemüsehändler aus dem Jemen. Weil er aus dem Jemen ist.

Sind stolz darüber, berichten im kleinen Kreis, als wäre es groß, wichtig und geradezu essentiell fürs Seelenheil.
Leben es nicht, sondern reden.

Es ist, wie Frau Winnemuth neulich im Stern über das Phänomen Laktoseintoleranz “ich habe es jetzt (endlich) auch” geschrieben hat. http://www.stern.de/panorama/stern-kolumne-winnemuth-buerger-auf-der-erbse-2115689.html

Man ist stolz auf seinen kleinen Habitus, das Zipperlein, die große Liebe zum Menschen an sich und zu kleinen Kindern und verachtet dabei vollkommen korrekt den Banker, den Bonzen, den SUV Fahrer (bin selber einer).

Schafft sich so das warme Gefühl der Zugehörigkeit zu einer erlesenen Gruppe. Endlich.

Und so hat es sich vor gar nicht allzu langer Zeit zugetragen, dass eine bärtige Wurst einen großen europäischen Songcontest gewonnen hat.

Ich habe der Angelegenheit, bis auf diesen Text hier, nicht einen Moment Aufmerksamkeit geschenkt.
Derlei Dinge entziehen sich, wie von selbst, meiner Wahrnehmung.
Danke, liebe Wahrnehmung, fürs Filtern.

Aus dem Grundrauschen ragte die Wurst hervor, aus dem Schatten ins Rampenlicht.
15 Minutes of Fame.

Und wie sich alle freuten, in Facebook jubilierten, dass endlich, endlich mal, ja, was, wer, wie soll man es nennen, er, sie, es?, einen Preis gewonnen hat.
Freute sich über den Sieg der kleinen Wurst.

Gab sich so tolerant, weltoffen, ergatterte ein klein wenig vom Mondänen, war glücklich.
Sprach darüber, als wäre es der eigene kleine Erfolg gewesen.

Und vergaß.
Wandte sich Neuem zu.

Im Versuch, den weiteren Erfolgsweg zu verfolgen, ist nur eines klar geworden:
Noch nie verschwand eine Person des Rampenlichts so schnell in der Versenkung, wie die mittlerweile vergessene Wurst.

Es macht mich lächeln, das zu beobachten, das so wahrzunehmen.

Als die Lena ihren Preis gewonnen hatte, geisterte sie noch nach Jahren als F-Promi durch Fernsehsendungen, wurde noch ein wenig herumgereicht, versuchte sich mäßig erfolgreich an weiterer Musik. Immerhin. Es sei ihr vergönnt.
Bloß weil es nicht meins ist, muss es nicht schlecht sein.

Aber der Wurst und ihrem Management kann man offensichtlich nur extremes Versagen im Reiten der Erfolgswelle vorwerfen.
Oder ist es das extrem schnell schwindende Interesse der Masse?
Langt es dann auf lange Sicht doch nicht, sich in die enge Pelle zu pressen und selten zu rasieren?
Oder ist es dann doch die fehlende Zurechenbarkeit an eine definierte Geschlechtsgruppe?

Sind SUV Fahrer und CSD Gänger, weil in der Regel weit weg, dann doch die besseren Protagonisten für Häme und Wohlfühltoleranz?

Wer es weiß, Hand hoch.

7 Gedanken zu “Die vergessene Wurst

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