Jobs – Teil Sechs: Mord und Totschlag

Danke an Frau Knobloch für die Rückführung in meine Erinnerungen.

Dank ihres Schlachtfestes http://bittemito.wordpress.com/2014/07/16/schlachtfestgemetzelfetzengeschichten-i/
tat sich eine dick verrammelte Tür in meinem Gedächtnis auf.

Hinter der Tür, ein schwitziger, meist vor Fett stinkender Typ, der mit altväterlicher rauher Stimme die nächste Speisenfolge ausruft, mich, in den Keller, vor den Herd, an die Messer zwingt.

Und ich, mit schwarz/weißer Hose, mehr oder weniger weißem, zweihreihig geknöpftem Hemd und dämlicher Mütze, ich eile mal hierhin, mal dort, versuche es allen Recht und richtig zu machen.

Blanchiere Spinat, putze Salat.
Bereite Desserts zu.
Wasche mir die Hände, wieder und wieder.
Versuche den Geruch heraus zu bekommen, wasche sie mit Zitronen, die mir langsam die Haut verätzen.
Dem Geruch nach Tot und Verderben.

Und hier war es nicht Fleisch, sondern Fisch.

Der Fisch, der hier zubereitet wird.
Dieser Fisch ist mein Job.
Zumindest was das Überführen vom Leben in den Tot und das in Form bringen, dass einer Pfanne oder dem Grill gerecht wird, betrifft.

Mein Werkzeug für diese Arbeit ist keines der subtilen Art.

Ein altes Stuhlbein.

Die Protagonisten von Mord und Totschlag:
Waller, der Superstar.
Sein Kopf, schon immer ein wenig zu groß, er wohl aus dem Grund ausgesprochen übellaunig und ich, der zweite zumeist zielstrebige aber doch zu oft hilflose Akteur in dieser Szene.

Mit einem Netz aus dem Nass in die Leere voller Luft befördert.
Mit einem Stuhlbein aus dem Leben gedroschen.
Zumeist schneller als die Sache mit dem Netz.

Manchmal auch nicht, wenn er den riesigen Kopf hin und her wirft und an dem Stuhlbein vorbei zuckt.
Meint, die letzten Worte noch nicht gesprochen oder den letzten Finger noch nicht verschluckt zu haben.

Und nach dem Töten beginnt das schmutzige Geschäft.

Ein Schnitt, sorgsam geführt über den Bauch.
Dann, die Hand tief in den Leib gegraben und mit einem Ruck Gedärm und Anderes aus dem erstarrten Leib gezerrt.
Alle Gegenwehr hat nicht geholfen.
Am Ende habe ich immer gesiegt.

Ich schreibe, nicht der Waller.
Sieger schreiben immer die Geschichte.

Und so riechen mein Hemd, meine Hände, die Haare, die ich gelegentlich aus dem Gesicht wischen muss, rieche ich, wie ein 1,94 cm großer Waller.

Und am Ende des Tages, schrubbe ich Gesicht, Hände, Haare, mit allem, was die Zitronen, die Haarpflegemittel hergeben, nur, um nächsten Tag wieder als Fehlkonstruktion eines Duftbaumes in der selben Küche zu stehen.

Einer Küche, in der der Kommandoton einer Kaserne herrscht und mit eisernem Regiment alle auf Spur gehalten werden.
Sogar ich, der mit seinen 18 Jahren zu den älteren Ausbildungsbeginnern gehörte und Ansätze von freier Meinung und eigenem Willen hatte.

Und der Wille gewann dann doch mehr und mehr die Oberhand.
Und so war die Vorstellung nach etwas mehr als einem halben Jahr wieder vorbei.

Meine Knie, der Belastung des Stehens nicht gewachsen, schwollen zu Melonendicke an. Es dauerte Wochen und etliche Stunden Therapie, bis sich die Schwellung wieder zurückbildete.

Außer der Erinnerung an diese Zeit habe ich kaum etwas verwertbares mitgenommen, mit einer Ausnahme, die ich schon vor Langem in https://foodandwineporn.de/2014/01/28/hier-mise-en-place-revisited/ nieder geschrieben habe. Eine Erfahrung, für die ich heute noch dankbar bin.

Ich habe seit dem keinen Fisch mehr erschlagen, keinen mehr ausgeweidet.
Gegessen dafür um so lieber.
Ob ich es noch könnte, weiß ich nicht.
Die Gelegenheit hat sich nicht mehr ergeben, irgendwie leider nicht.

Danke fürs Lesen!

Teil einer losen Serie über die Jobs und das Werden.
Teil eins gibt es hier:

https://foodandwineporn.de/2014/01/11/der-deal/
Hier Teil Zwei:
https://foodandwineporn.de/2014/01/13/jobs-teil-2-kartoffeln/
Teil Drei:
https://foodandwineporn.de/2014/01/14/jobs-teil-drei-die-drei-damen-vom-grill/
Teil Vier:
https://foodandwineporn.de/2014/01/31/jobs-teil-vier-videos/

Teil Fünf:
https://foodandwineporn.de/2014/02/05/jobs-teil-funf-grundlagen/

6 Gedanken zu “Jobs – Teil Sechs: Mord und Totschlag

  1. Ach Gott, dazu habe ich direkt auch noch eigene Erinnerungen.
    Mir war das Stuhlbein (bei uns ein „Stuhlbein“) immer sympathischer, als wenn sie Luft schnappend und zappelnd bis zum elendigen Ende liegen gelassen wurde. Wer will das serviert bekommen?

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  2. Bei „…nur, um nächsten Tag wieder als Fehlkonstruktion eines Duftbaumes in der selben Küche zu stehen.“ sind mir eben die Nasenschleimhäute explodiert. Was für eine wortgewaltige Scheißjobbeschreibung. Scheißjob nicht wegen des Tötens an sich. Aber die Stupidität des Ganzen, die haben Sie vortrefflich in Worte gesetzt. Bravo! Deswegen lese ich Sie so gerne. Und freue mich über die Türöffnerey, die mehr einem Krawummeintreten gleicht…

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