Ende der Kindheit

Der Tag, an dem meine Kindheit endete.

Ich wünsche mir, dass ich mich daran erinnern könnte. Nur ein wenig.
Das ist kein Tag, der in einem Kalender steht, so im Sinne von „heute endet deine Kindheit“.
Der wird auch im Nachhinein nicht notiert.
An den muss man sich erinnern. Oder es zumindest versuchen. Ein wenig. Ein Stück weit.

Ich versuche mich mal daran.
Welcher Tag könnte das gewesen sein?
Was sind die typischen Erkennungszeichen?
Bartwuchs? Nicht bei mir, nehme ich das als Wegmarke, dann hat meine Kindheit mit Mitte 20 geendet. Nicht glaubwürdig. Für meine Hormone kann ich nichts, schließe diese aber mal aus diesem Prozess aus. Hormone, ihr seit draussen.
Alle?
Na, ein paar dürfen noch drinnen bleiben, damit ich andere Ansätze ausprobieren kann.
Endet die Kindheit mit dem ersten Mal alleine draussen unterwegs sein?
Nein, ich denke nicht, in meinem Fall wäre das zu früh gewesen. Ich mag mich nicht damit anfreunden, dass meine Kindheit, gemäß dieses Denkansatzes mit vier geendet hat.
Meine Mutter, meine Großmutter und ich waren in München bei Oberpollinger, nähe Stachus, gewohnt haben wir damals in Haidhausen, Preysing- Ecke Steinstrasse. Etwa 3km zu Fuß.
Die bin ich alleine, quer durch die Münchner Innenstadt, am deutschen Museum, am Müllerschen Volksbad vorbei, bis nach Hause gelaufen. Ich kannte mich aus. Hab den Weg augenscheinlich überlebt.

Gut, das war es auch nicht. Zu jung.

Mein erstes Mal? Zu spät. Andere Geschichte. https://foodandwineporn.de/2014/01/16/meine-frau-in-rot/

Als ich den Glauben an meine Eltern verloren habe, vielleicht das? Ein Ansatz. Kein rühmlicher. Ich möchte etwas anderes in Erinnerung behalten. Ich darf wählen, dass nehme ich nicht.

Wir waren 12 oder 13. Mein Freund M., der Verschollene und ich.
Es war Sommer, ein guter Sommer.
Wir wohnten in verschiedenen Stadtteilen, wenn wir uns treffen wollten, bei gutem Wetter, taten wir das nicht in den Wohnungen, wir gingen in die Stadt. Der Treffpunkt: Immer Marienplatz.
Damals standen da noch Stühle frei herum, man konnte sich dort hinsetzen, wo man wollte und wir wählten Sitzpositionen, ca. 20 Meter entfernt voneinander, duellierten uns, spielten Stierkampf. Starrten uns an. Wer zuckte, verlor.
Das ist es nicht, mein Ende der Kindheit, aber eine schöne Erinnerung, die die Vorangegangene verdrängen darf und soll.

Wir also unterwegs in der Stadt, die Fußgängerzone rauf und runter, in den Kaufhäusern die ersten Videospiele spielend und immer im Versuch Mädels kennen zu lernen.

Was uns irgendwann auch gelang. Die Erinnerung daran ist verblasst. Es ist geschehen, mehr kann ich da nicht mehr rausholen.

Wie es der Zufall so wollte hatten wir zwei Mädchen, die bei mir in der Nähe wohnten, aufgerissen, zwei Mädchen, die die Blumen der Nachbarn gossen und daher Zugang zu einer sturmfreien Wohnung hatten und das größte Glück war, dass sie uns gut fanden.
Das beruhte auf Gegenseitigkeit.

Wir verabredeten uns, trafen uns bei Ihnen.
Weihnachten, Ostern, alles auf einmal.
Verbrachten einen Tag in vollkommener Glückseligkeit.

Eines der Mädchen, wenn ich doch nur einen Namen wüsste, wäre ich ein besserer Erzähler, eines hatte etwas zu trinken aufgetrieben, nicht Cola, sie hatte Amaretto, eine ganze Flasche.
Und sie trank reichlich davon.

Mir war es gleich, meine Aufmerksamkeit galt meiner „Eroberung“ und auch hier: Es beruhte auf Gegenseitigkeit. Oh Fortuna!

Der Tag nahm seinen Lauf, wir schäkerten herum. Harmlos und so schön. Mehr Blödsinn als ernsthaft. Wir waren jung. Es war Sommer.

M.s Glück war vermutlich ähnlich groß, jedoch etwas komplizierter. Sein Glück krakeelte herum. Leicht angetrunken.
Wir hielten uns mit dem Amaretto zurück, hatten anderes im Sinn. Nippten ein wenig. Das Wenige gab uns Mut.

Irgendwann war uns das Gealbere zu bunt, zu aufgedreht. Wir packten sie zu Dritt und stellten sie, angezogen wie sie war, unter die Dusche, drehten auf. Ersetzten das angetrunkene Krakeele durch hysterisches Gelächter. Besser.
Es war Sommer.

Der Tag nahm seinen Lauf und ich machte mich daran meine Kindheit zu beenden.
Ich wollte ihn, hier und jetzt, wollte meinen ersten Kuss.
Spürte großes in mir, war zu Heldentaten bereit.
Küsste sie, wurde geküsst.

Irre, ich weiß heute weder ihren Namen, weiß nicht, wie sie aussah, weiß nicht, wie der Kuss geschmeckt hat. Die Haarfarbe? Blond. Ihr Duft? Vergessen.
Nur noch, dass er passierte, dass die Größe des Gefühls mein Herz beinahe gesprengt hat.

So ist das mit der Erinnerung. Sie erhält das Wesentliche.

Von all den Ereignissen meiner Kindheit möchte ich dieses hier als Ende meiner Kindheit in Erinnerung behalten.
Die beste aller Möglichkeiten.
Das darf ich mir selbst aussuchen.

18 Gedanken zu “Ende der Kindheit

  1. Ich wusste es sofort. Meine Kindheit endete an einem sonnigen Tag. Mein Vater war hinter mir her. War wie wild, ohne Kontrolle. Ich war es nicht schuld. Die Lebensumstände gaben ihm keinen Halt. Eine Phase. Die ich beendete.

    Mit einer Riesenmarmorplatte, hoch über dem Kopf erhoben, schrie ich ihn an: „Fass mich an und Du bist tot!“

    Ich hatte Angst. Nackte Angst.

    Und dieses Gefühl trage ich ehrfürchtig bis heute mit mir herum.

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  2. Eine interessante Frage, die ich nicht beantworten könnte. Ich hatte vor kurzem versucht die Frau vom ersten Mal zu googlen. Hatte kein Glück. Wahrscheinlich hat sie geheiratet und heißt mittlerweile ganz anders. Letztlich würde ich das aber auch nicht als Ende der Kindheit bezeichnen. Eher ein Zeltlager, als ich mit einem älteren Mädchen geknutscht habe und mir wie der König der Welt vorkam. Nach Ende des Zeltlagers wollte sie nichts mir von mir wissen. War auch eine Erfahrung. Ich weiß auch nicht mehr wie sie heisst (habe allerdings eine Vermutung), aber ich weiss, dass sie mit Anfang 30 gestorben ist. Krebs. Hat einen Mann und ein kleines Kind hinterlassen. Wir hatten keinen Kontakt seit dem Zeltlager. Entsprechend habe ich es nur über 3 Ecken erfahren. Das bringt mich allerdings zu einem Punkt, wo die Kindheit definitiv vorbei ist, wenn man das erste Mal eine Beerdigung wahrnimmt. Und jetzt bin ich erstaunt wie ich innerhalb von 10 Zeilen den Spagat vom ersten Mal bis zur Beerdigung hinbekommen habe.

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    • So unterschiedlich ist die Wahrnehmung.
      ich erinnere mich noch an „meine“ erste und bis dato einzige Beerdigung.
      Stimmt nicht ganz, tut aber nichts zur Sache. Some things are better forgotten…
      Es war die meines Großvaters. Ich war 15 oder so
      Nichts hat da gestimmt, weder der Ort, er wurde fern seiner Heimat begraben, noch die Stimmung, die war verlogen, noch die Musik, der Orgelspieler war schlecht.
      Ich fand es fadenscheinig.
      Es hat mir nichts bedeutet.

      Vor einem Jahr war ich nach all den Jahren, mehr als 30, wieder am Grab, dass inzwischen aufgegeben, aber nicht überbaut war. Ich hatte mir die Lageinformation von der Friedhofsverwaltung geholt.
      Wollte das Grab wieder aufleben lassen, ich fand es grauslig zu wissen, dass die Gebeine unbeachtet dort vor sich hin verrotteten, musste das jedoch wegen materieller Gründe aufgeben.
      Ich stand da also, vor diesem leeren Stück Rasen und weinte und trauerte, holte nach, wozu ich als Junge nicht in der Lage war.

      Ich habe nie einen Gedanken an meinen ersten Kuss verschwendet, bis ich die Worte „Ende der Kindheit“ an anderer Stelle las. Nie einen Gedanken, an den Namen oder das weitere Leben meiner „drei Tage Freundin“ aufgewendet.

      Dennoch schulde ich ihr Dank für die schöne und vermutlich etwas verklärte Erinnerung.

      Das hat mir so sehr verdeutlicht, das ich es selbst in der Hand habe, was für mich in meiner Erinnerung wichtig ist und was besser ruhen sollte, keine Oberhand gewinnen sollte.

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      • Dein letzter Absatz ist sehr wichtig. Es zeigt die Vor-und Nachteile des Blogs auf. Durch das Lesen von Erinnerungen werden auch eigene Erinnerungen wieder wach. Über manche freue ich mich. Andere Erinnerungen hätte ich lieber in der alten Kiste gelassen.
        Ich habe aber Deinen ursprünglichen Eintrag noch einmal überdacht. Ich denke, dass die Kindheit nicht an einem Tag vorbei ist, genauso wenig wie man an einem Tag erwachsen wird. Es sind Schritte. Mit jedem Schritt ist es ein bißchen weiter. Es gibt kleine und große Schritte. Führerschein habe ich als großen Schritt gesehen. Eigenes Geld verdienen ebenso. Eigene Wohnung haben und auch bezahlen. Die zwei größten Schritte sind allerdings eigene Kinder und wenn man sich irgendwann mehr Sorgen, um die eigenen Eltern macht, als die Eltern um einen selbst.

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  3. Ich erinnere mich an den Tag. Ich war 14 und wurde – nicht zum ersten Mal, aber doch ganz nah – mit dem Tod konfrontiert. Knappe 20 Jahre später ist es mir gelungen, die verschlossene Tür, hinter der meine Kindheit schlief, wieder einen Spalt zu öffnen. Erst damit fühle ich mich ganz.

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  4. Meine Kindheit hat nie geendet. Sie ist immer da, geht neben mir. Ich mache das nicht am „Ersten Mal“ fest. So denke ich nicht. Vermutlich war ich als Kind schon eine kleine Erwachsene mit eigenem Kopf. Und heute als Ehefrau, rational denkende BWL-Tussi, Kampfzwergin par excellence, heute gehe ich immer noch mit staunenden Kinderaugen durchs Leben und entdecke den neuen Tag.

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    • Das ist ein schöner Gedanke.
      Den kann ich auch teilen.
      48 und noch immer Junge.

      Für mich ist in dem Text entscheidend, dass ich mir Wegmarken auch selbst aussuchen kann.
      Will ich schlechtes oder gutes in Erinnerung behalten?

      Ich habe mich für die gute Erinnerung entschieden.
      Und den kleinen Erwachsenen hol ich nur raus, wenn ich muss.

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  5. Toll geschrieben und auch die offenen Kommentare beeindruckten und bewegten mich.
    Die Kindheit, eine der Zwiebelinnenschalen, süß, unschuldig, irgendwie weiß.
    Dann die Ereignisse, Einschnitte, des Lebens Prägestempel.
    Doch ganz innendrin, gut geschützt unter all den späteren groben unflexibleren Häuten noch die vertraute Kinderhaut.

    Gern gelesen und hier gewesen.

    Liebe Grüße von der Karfunkelfee

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  6. Ich glaube, dass DIE Kindheit nie endet – Absolutismen stelle ich grundsätzlich ein augenbrauenhochgezogenes NANU? entgegen. Mosaiksteinchen unseres Erlebens, Erinnerungsplitter des Lebens, dies alles wäre unwiederbringlich verloren. Überdies umfasst der Begriff Kindheit mehr als nur eine Tatsache. Auch die Bandbreite der Kommentare bestätigt diesen Schluss.
    Enden kann der Nimbus der Unschuld einer Kindheit. Der Traum der Unendlichkeit allen Seins, die unbedingte Verbundenheit mit der Welt, das grenzenlose Vertrauen ans Leben.
    Ausgelöst durch ein bestimmtes Ereignis, So einschneidend, dass das Licht der Lebenswirklichkeit grell in die Kinderseele blitzt. Jenes Ereignis nicht schon wirklich verstehend als Kind und dennoch hinreichend tiefgreifend in seiner Macht um dumpf zu ahnen, dass die gewaltige Macht des Lebens ganz andere Überraschungen für uns bereithält.
    Ein Teil meiner Kindheit endete mit drei Jahren. Ich habe ihn überlebt. Zum ersten Mal. Ein anderer als ich acht Jahre alt war. Er eröffnete meiner Seele ungeahnte fremde Welten. Wieder ein anderer Teil fällt in mein zehntes Jahr. Da öffneten sich meine Augen endgültig.
    Vormittäglichsonnigheisse Grüsse vom Schwarzen Berg : Herr Ärmel

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