Erkenntnisse eines Seins…

Vor ein paar Jahren, als noch das ein oder andere zu retten war, als es sich noch nicht permanent und ohne Ausweg schlecht angefühlt hat,
da dachte er, dass das die besten Jahre sind.

Anfang vierzig, mit vergleichsweise satt Kohle, kein halberworbenes Eigentum, dass über kurz oder lang der Bank gehören würde, ihn nur Nerven kosten würde, eine eheähnliche Beziehung, die zwar permanent auf der Kippe stand, aber irgendwie immer geflickt wurde,
ein kleines Bäuchlein, etwas feist im Gesicht.
Satt, zufrieden, umsorgt.

Nicht die “Bier auf den Tisch, jetzt komm ich” Nummer, aber eben versorgt.
Bereit, träge und einigermaßen sorgenfrei ins Nirvana zu segeln,
dass dann besser früh als spät kommen sollte.
So ganz hat er nämlich nicht daran geglaubt,
dass das schon alles gewesen sein soll.

Mit Anfang vierzig, wie mit Ende vierzig übrigens auch,
wacht man noch jeden Morgen mit einem Ständer auf und der kommt nicht nur vom Drang, aufs Klo zu rennen.
Das war Signal genug, dass noch nicht Schluss sein konnte,
mit Leben, Sex und Liebe, Leidenschaft und Herzschmerz.

Das Rumgezicke, Schlafen auf dem Sofa, genervtes Abwenden und das Haus verlassen vielleicht doch nicht für das ewige Glück langen würden.

Ein wenig mehr durfte von all dem, was gerade fehlte noch kommen,
wegen ihm auch mehr als schon an ihm vorübergezogen war.

Er würde sich um diese Veränderung kümmern müssen,
eine Bestandsaufnahme war von Nöten.
So sollte es dann doch nicht enden.

Also Bestandsaufnahme:
Morgendlicher Ständer? check.
Kohle durch sicheren Job? check.
Lust auf Liebe? check check
Bereit dafür einen Strich zu ziehen? triple check.

Also los. Der Gaul ist gesattelt. Musst ihm nur noch die Sporen geben.
Sprachs und machte den cut.
Machte ihn gut und gewann an Fahrt.

Betrieb Sport, wo er vorher auf dem Sofa saß.
Kochte für sich selbst, wo vorher gegessen wurde, was auf den Tisch kam.
Kochte gut und vermied Dreck.
Suchte Liebe, fand keine, brach sein Herz, brach andere Herzen, machte weiter.

Ließ hinter sich, was Vergangenheit werden musste.
Mit jedem Tag, jeder Woche, jedem liebevollen Lächeln,
dass ihm erwidert wurde, wurde er freier.

Versuchte Dinge, an die er vorher nicht einmal gedacht hatte,
nahm Hilfe an, die er dringend benötigte, weil selbst hat man Entscheidungen in der Hand, aber meist nicht die Methode.

Erkenntnis um Erkenntnis, jeden Tag neue Möglichkeiten.
Nicht feist, nicht schlank, aber bewusst und damit viele Horizonte von seinem Ursprung entfernt.

Damals, als er noch an diesem Ort, Namens Phlegma gewohnt hat,
wo vieles nur ein Wunsch war, ein weit entfernter.
Damals war der Weg nicht vorstellbar, nur eine Phantasie.

Hier und jetzt war er dem Ziel weitaus näher, als seinem Ursprung.
Dem Ziel, das Leben selbst zu bestimmen.
Kein Sklave von Dingen, kein Sein im Kompromiss.
Herrschaft über sich und seine Position.

Die besten Jahre.
Noch immer vor ihm.
Noch immer nicht vorbei.

17 Gedanken zu “Erkenntnisse eines Seins…

  1. Diese Reflektion ist interessant zu lesen und doch sträube ich mich ein bisschen gegen das Wörtchen „besten“, es legt doch von vornherein fest, wie sie auszusehen haben und niemand kann wissen, ob das jemals eintrifft, weil wir nur bedingt in die Zukunft sehen können…ist nicht die Zeit die beste, die wir… uns bewusst …erlebt haben, erleben können.
    Zu entdecken, was wir uns noch wünschen und vornehmen wollen, das umzusetzen, das ist das Beste, was wir tun können…….wie das Ergebnis unserer Vorsätze aussehen wird, steht dann auf einem anderen Blatt. Auch die Vergangenheit hatte beste Zeiten…oder?
    In ein paar Jahren sind die Dinge, die man jetzt aufregend, anregend und neu empfindet vielleicht schon wieder schal geworden, es kommen neue Prioritäten und nie die Lust (in all ihrer Bedeutung) zu verlieren, immer wieder zu neuen Horizonten aufzubrechen, ohne unbedingt alles hinter sich zu lassen, das ist für mich „Leben“, im übrigen an keine Alterszeitspanne gebunden 40-50, 50-60, 60-70, 70-80 usw.
    wenn ich mein eigenen Leben betrachte, gab es keine „besten“ Jahre, jedes Jahr brachte etwas Neues, weil ich neugierig war und immer noch bin, aber auch die Erkenntnis, das viele Wünsche nicht zu verwirklichen sind, dafür aber die Dankbarkeit auf das, was ich habe und umsetzen konnte…..und…. mein Leben wird nie vollkommen sein…..das stelle ich mir sogar schrecklich vor -:))))

    Viele lebenspralle Jahre wünsche ich Ihnen bis ins hohe Alter…..-:))))

    Gefällt 1 Person

      • schade….diese Erkenntnis wertet die eigene Vergangenheit sehr ab….
        ich wollte ja nicht die Zuversicht nehmen, mögen die Jahre so kommen, wie Sie es sich wünschen….Ihr letzter Satz ist sehr diktatorisch
        mir ist die Festlegung auf Jahre zu weitgehend, ich rechne eher die Augenblicke, Stunden, Tage aus denen sich das Jahr zusammensetzt, denn in einem Jahr ist nie alles „bestens“

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  2. Für mich immer wieder interessant, die Gedanken von Mann zu lesen. Verstehen kann ich sie nicht immer. Aus Sicht der Autorin, der Künstlerin schon. Und lassen wir mal den „Ständer“ außen vor … (stelle ich mir schrecklich vor :P), sehe ich den Text als Aufruf gegen Trägheit, gegen Eintönigkeit und Langeweile im Leben. Dagegen aufzugeben und dumpf-düster sein Leben zu verleben. Nein, das mag ich nicht! Jeder Tag sollte ein Aufbruch in neue Welten werden. Lass uns die Segel hissen, lass uns neue Abenteuer bestehen. Wörtlich nur.
    Auf wiederlesen und Gruß an die Katze. Miau! 😀

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    • Auch der Ständer ist, so real wie er auch sein mag, nichts als ein Aufruf, ein Zeichen (sic!) und Antrieb zur Veränderung. Die gnä Frau liegt hier auf ihrer Decke bei einem ihrer Verdauungsschläfe (gibt es davon einen Plural?) und grüßt seufzend zurück.

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  3. Ein Kommentar ist das wahre „like“:)
    Schön, dieser Spruch über der Kommentarfunktion.
    Das haben sie doch mal gut gemacht.

    William Burroughs sagte mal: Every step is a step in the wrong direction.
    Ich meine: Es hängt von der Größe der Schritte ab, die wir tun, wie falsch die Richtung ist und glaube, er meinte die Extreme und Bewertungen.
    Welche Prioritäten zählen für die vermeintlich „besten Jahre“?
    Mann, Frau? Nur die Gerätschaften unterscheiden sich, der Drang kommt Mitte 40, da wird knallhart bilanziert, was ist, was war und was wird.
    Wo liegen die Prioritäten? Haus, Hund (oder Katze), Kinder, existenzielle Sicherheit?
    Werte, die uns von unseren Eltern mitgegeben wurden.
    Bis dass der Tod uns scheidet vom Partner, der sich über die Jahre auch weiterentwickelte und dann die Feststellung: Es passt überhaupt kein bisschen mehr…

    Also cut und dann?
    Defragmentierung der Erfahrungsspeicherwerte und ab ins Feld, auf die Wildbahn, Herzen brechen, ausprobieren, zweite Pubertät?
    Es scheint, der Körper wills noch mal wissen, Hormone flitzen herum, die biologische Uhr tickt so laut, dass der Tinnitus seine Freude daran hat, das wilde Leben, das tolle, auf der Pirsch sein, jawoll, wir wollensnochmawissenwa?

    Dann die Feststellung:
    Ui. Die anderen sind auch älter geworden, befinden sich in wer weiß was für Zwängen, weil sie nämlich unter den Folgen ihrer Jugendträume zu leiden haben
    (protect me from what I want!) ihre altlasten im Schlepptau, nur die vielen Wünsche blieben übrig und das Herz, dass Liebe sehnt und nach Generalüberholung, weil es versottete in den Feuern vergangener Beziehungen.

    Die besten Jahre stelle ich mir am allerliebsten gesund vor. Inklusive der Gerätschaften natürlich, doch guter Sex hält Leib und Seele zusammen, sexual healing, sang Marvin Gae, er ist ein Aspekt, ein wichtiger, wie Essen und Trinken, der Wertgehalt steigt immens, wir wissen besser zu schätzen, was wir haben und wovon wir träumen, die Träume bekommen klarere Konturen vor der schwarzen Wand der Erfahrungswerte, Zeit wird ein messbarer Faktor, Vergänglichkeit ein Thema, erste Kindheitssehnsüchte realisieren sich im Wiederfinden alter Erinnerungen und die Energie scheint noch maßlos, begrenzt uns nur, wenn wir nicht genug schlafen…in den Schatten unter den Augen und den tieferen Lebenslinien im Gesicht.

    Die besten Jahre streben nach Veränderung, vereinen den Wunsch danach versöhnt mit dem Wissen um die Realität, so dass sich eine Zufriedenheit einstellen kann, die zuversichtlich der Zukunft entgegengeht und auch das Wissen um die mögliche Realisierung unrealistischer Träume beherbergt.

    Werde ich träumen, Dr. Clarke…?
    (2001 – Odyssee im Weltraum)

    Hast einen tollen Text geschrieben, danke fürs Lesendürfen.

    Viele Grüße,
    die Karfunkelfee

    P.S.
    Ein Kommentar ist das wahre „like“:)

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    • Danke, liebe Karfunkelfee.
      Das ist mal ein Rundumschlag.
      Danke dafür.
      Leben in 425 Worten.
      Und so vortrefflich resümiert.

      Zufriedenheit wird immer ein Jagdziel bleiben. Sie will nie bleiben, so sehr man ihr ein Bett richtet. Immer auf der Flucht.
      Flüchtiges Gut.

      Und auch wenn es schlicht klingt.:
      Ich sage: Leben ist nicht endende Pubertät. Mit etwas mehr Reflektion und Verantwortung, so man die 23 hinter sich gelassen hat. (geschätztes Alter).

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