Bilanz

Bilanzen werden gezogen.
Sie wiegen schwer, aus Papier gemacht und doch wie Blei in den Taschen derer, die sie herumtragen.

Gezogene Bilanzen gehen weite Wege über Felder, durch enge Gassen, wo Mauern sich eng zueinander beugen. Dorthin, wo es finster ist.
Nicht selten landen sie in kleinen Läden.
Dort sind die Plagiatoren, die Fälscher.
Mit feinem Strich, mit ruhiger Hand gehen sie ans Werk.
Überdecken, was sich tief in die Leinwand gegraben hat. Bessern aus, was nicht gesehen werden soll.
Geschichten, die sich von selbst in grellen Farben ins Weiß gemalt haben.
Mit scharfer Feder ins Papier geritzt.
Sorgfältig ausgebessert, übertüncht, die Narben nur noch als flache Kanäle zurücklassend.

Bilanzen müssen Wohlgefallen auslösen, nur schöngefärbt sind sie erträglich.
Verziert, übermalt, Namen vertauscht, Orte geändert, Handlung verzerrt.
Graphen geschönt, Werte nach oben gerundet, Verluste gestrichen.

Ganz hinten in einer Kammer, verborgen vor der Neugier, verborgen vor sich selbst. Die Schlösser verriegelt, die Schlüssel im tiefen Brunnen versenkt. Hinter schweren Türen ruht Wahrheit, darf nicht Teil des Ganzen sein.
Im Herzen, im Gehirn, hinter der Stirn, verborgene Reihen mit Ordnern, voll mit Wahrheit. Verleumdungen am Selbst.

Bilanz ist, so ungeschönt, nichts für den Feigen.
Wahre Bilanzen wollen nicht gelesen werden. Nicht vorgelesen, nicht gehört.

drowning

3 Gedanken zu “Bilanz

  1. Die Wahrheit fragt nach Mut.
    Manche Bilanz benötigt Zeit, um gezogen werden zu können und manchmal ist es so, dass ein bitteres Soll sich als Haben herausstellt, Dich weiterbringt in einer Situation, für die Du den passenden Buchungssatz einfach nicht finden kannst, es nicht aufgehen will am Ende.

    Empirische Werte von einer, deren innerer Buchhalter einfach anstrengend ist. Er hat ein großes Herz unter seiner steifen zugeknöpften Weste. Er türkt und schönt auch manchmal. Dann setzt er sich in die Ecke, heult dieses unerträgliche riesige Stofftaschentuch voll, schaut sich die Zahlen an, die er bewusst fälschte und weiß dabei ganz genau, dass er dieses Ergebnis MIR nicht mehr so und überhaupt präsentieren kann.
    Er ist bemitleidenswert und ich versteh ihn. Mein innerer Buchhalter mag mich und will mir nur schöne Bilanzen zeigen. Aber mittlerweile hat er mitbekommen, dass ich ihn nie feuern würde. Und seitdem ist er hochakribisch und hat sich sogar eine Rechenmaschine gekauft. Ohne Beleg keine Buchung. Das ist sein totaler Lieblingssatz.

    Starker Text.

    Morgengrüße von der Fee

    Gefällt mir

Was gesagt werden muss...

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s