Schwärze…

Er lag da.
Gerade aufgewacht.
Die Augen geschlossen.
Die Dunkelheit, er genoss die Stille und das Fehlen von Licht.

Genoss es, die Gegenstände, die ihn umgaben nur zu spüren.
War zufrieden mit dem Wenigen, was zu ihm drang.
Ein Geräusch,
Ein Geruch.
Der sanfte Druck des Betttuches, das auf ihm lag.

Er beschloss, die Augen geschlossen zu halten.

Die Schwärze, die ihn umfing war gut.
Er stand auf, tastete sich voran, ging den Weg in kleinen Schritten.
Kein Stolpern, kein Straucheln.
Langsam war gut und sicher.

Entleerte sich, wusch sich, stieg die 15 Stufen hinab.
Bewältigte die heikle Aufgabe, sich einen Kaffee zu zubereiten.
Vergoss ein wenig Milch, verspürte jedoch keinen Ärger.

Er würde sich etwas ausdenken müssen, wenn er er etwas niederschreiben wollte, Notizen anfertigen wollte.

Die Erinnerung an sein Diktaphon wurde wach.
Nach endlosem Hantieren begriff er den Mechanismus, gelang es ihm, Notizen zu sprechen, sie wieder abzuhören.
Er würde sich später damit beschäftigen, wenn es darum ging, die Notizen zu Papier zu bringen.

Er beschloss, das Ankleiden nicht notwendig war.
Er sah die kleinen Mängel, die seinen Körper in die Unform trieben nicht mehr, nahm sie nur noch in der Schwere seiner selbst wahr.
Er fand sich erträglich und beließ es dabei.

Die Schwärze vor seinen Augen war nun zu einem sanften Rot, der von außen beschienenen Lider gewichen.
Er bemerkte die feinen Unterschiede in der Helligkeit des Raumes, ob er vor einem Fenster stand oder tiefer im Zimmer war.
Spürte das wenige an Wärme, dass der beginnende Tag auf seiner Haut hinterließ.

War wach, ganz da.
Hier.
Jetzt.

Die kleinen Ablenkungen, der Griff zum Computer, das Hören von Musik.
Alles überflüssige Ablenkungen,
nicht mehr von Nöten.

Die Erfahrung, in Dunkelheit zu leben, machte ihn reich.
Reich an sich selbst.

Er begann sich vorzustellen, wie es sein würde, die Schleusen nach Außen wieder zu öffnen.
Das Gefühl, wenn eine Flut von Licht über ihn einbrechen,
ihn mit Farben in den Wahnsinn treiben würde.
Grell, flackernd, mit großer Hektik.

Sein Weg führte ihn in den Keller.
Das Licht ließ er aus, er kannte den Weg.
Achtete auf das schwindende Restlicht,
dass seine geschlossenen Lider durchdrang.
Ging weiter, bis auch der letzte Rest in Dunkelheit verborgen war.

Öffnete die Augen.
Sah.
Nichts.
Verharrte.
Blieb im Dunklen.

19 Gedanken zu “Schwärze…

  1. Schon so oft probiert, manche Handlung mit geschlossenen Augen durchzuführen. Nachts lasse ich ja auch das Licht aus. Aber da ist immer ein zu erahnender Schatten, ein Umriss, ein Hauch von Licht. Die selbstgeschlossenen Lider lassen sich nie lange halten. Es zieht und flattert und der Wimpernvorhang hebt sich wie unter Zwang, um die Bühne des Lebens in Licht zu tauchen. Und dann muß ich lachen vor Freude, sehen zu dürfen. Sie haben dieses Gefühl jetzt angerührt, Danke dafür.

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      • Nicht mehr und nicht weniger, denke ich. Die Wahrnehmung versucht ja den Wegfall der dominanten Sinnquelle zu kompensieren. Hören, riechen, tasten. Ändert mich das? Mehrt es mich? Ich glaube nicht. Aber ich ahne, worauf Sie hinauswollen. Der Grelligkeit des Sichtbaren endlich mal entkommen, um mehr bei sich zu sein, ist es das?

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      • Aber wird nicht durch die intensivere Beschäftigung mit den anderen Sinnen dann wieder das Innen übertönt, überrochen, überfühlt? Ist nicht der Gleichklang aller Sinne das, was das Innen ausbalanciert?

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      • Gleichgewicht und Reduktion. Aber aller Sinne gleichzeitig. So finde ich Ruhe. Im Grunde ist so eine Hängemattennacht ja nichts anderes. Kein Kunstlicht, keine Kunstgeräusche, kein Kunstduft, kein Kunstgefühl, kein Kunstgeschmack. Deswegen kann ich da wie ein Baby schlafen. Habe ich so bewußt noch nicht drüber nachgedacht. Aber instinktiv dem Verlangen nachgegeben. Wow. Danke.

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  2. Ich liebe diesen Text und diese Vorstellung! Dunkelheit mochte ich schon immer.
    Das Bild erinnert mich an irgendetwas Filmisches, kann es aber (noch?) nicht benennen. Hat in meinen Augen eine etwas andere „Temperatur“ als die Worte.

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  3. Ein sehr eindringlicher Text über die innere Dunkelheit wie die äußere, dem Geborgenheitsgefühl darin wie auch der gleichzeitigen Beklemmung, eingelullt von der trügerisch beweglichen Alltagsroutine.

    Angeregt durch die Thematik und einen intensiven tollen Text vom Disputnik, (isoliert.), ist etwas Eigenes entstanden.
    Ich würde gern zu Dir verlinken, darf ich…?

    Viele Grüße
    von der Karfunkelfee

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  4. Das Abschotten und Einkellern macht mich traurig. Es geht wohl manchmal nur so, obwohl mir der „Reichtum an sich selbst“ mir wie eine Einredung vorkommen will. Beeindruckender und bedrückender Text!
    Sehr gut!

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