Der rasende Strom

Und dann sitzt Du da und wachst auf und Dir wird klar, dass es eben nicht so einfach ist, dass dein Denken und das Denken der anderen grundverschieden ist und schon bei der Geschwindigkeit der Gedanken, beim Zusammenspiel der einzelnen Stränge,

die Dir so klar vor Augen stehen, dein Gegenüber erheblich hinterherhinkt, kaum Schritt halten kann, den Faden schon bei der zweiten Wendung verloren hat. Und du wirfst nicht Brotkrumen, die den Weg markieren, die helfen könnten, Du haust deinem Gegenüber die Reißnägel in die Augen, lässt es die schön fressen und regst dich auf, weil es die nicht schnell genug herunterwürgt, schon wieder ewig braucht, dich noch mehr aufhält, ignorierst den Schmerz, das trockene Schlucken und machst weiter, drehst dich in deiner Spirale weiter und weiter rein, schlägst Haken und überspringst großzügig das, was dich schon wieder langweilt, weil Du ja erst vor Tagen, vor längst vergangener Zeit, die Referenz geschaffen hast und das sollte doch jedem klar sein, glasklar, vollkommen eindeutig, oder nicht? Oder etwa nicht? Du bist der Derwisch, der wirbelt, der den Taumel und Schwindel überwunden hat und wie diese kleine braune Figur aus den alten Trickfilmen mit messerscharfen Zähnen rotiert und alles in Schutt und Asche reisst. Nur das hier keiner Tränen lacht, sich keuchend den Wanst hält und vor kichern kaum an sich halten kann, hier ist alles ernst, die Luft zum Schneiden dick und einen Ausweg gibt es nicht, keinen Ausschalter, keine Fernbedienung, auf der man, wenn der Horrorfilm zu arg wird, schnell mal den Ton ausschalten oder gleich umschalten kann, auf den Pilcher, die Schwarzwaldklinik oder so, irgendwohin, wo die Dramen ein paar Hausnummern kleiner sind und einen mitleidig lächeln machen. Sind die Schleusen auf, dann läuft es, bis es vorbei ist und die Schneisen, die da geschlagen sind, die wachsen nur elendig langsam wieder zu, da sieht man noch lange, woher der Sturm kam und wie heftig der war. Citalopram, Mirtazapin, Sertralin, alles nur Worte, die für etwas stehen, was Dir nicht zuteil wird, was für dich ausverkauft, vergriffen, nicht im Programm ist, Dir Vergesslichkeit, eine Wampe, zittrige und schlaffe Glieder verschafft, aber den Frieden, den kannst Du dir nicht aus der Blisterpackung drücken, nein, mein Freund, so wird das nichts, so nicht, so einfach nicht. Und so sitzt Du da und denkst und denkst und denkst und was da raus kommt, das weißt Du eh schon, nämlich nichts, und so lächelst Du in Dich rein und lässt es gut sein, lässt es sein, wie so oft, und bist ein wenig dankbar, dass Du Dir das alles hier nur ausgedacht hast, dass es nur eine Phantasie ist, eine von den vielen, die Dir in den ruhigen Stunden kommen und dafür bist Du dankbar.

9 Gedanken zu “Der rasende Strom

  1. Zu Pilcher und Schwarwaldklinik: sie sind gerade im Gegenteil ein paar Nummern größer die Dramen dort, weswegen sie sich auch die Details ersparen. Die kleineren, persönlicheren, die scheinbar gar nicht stattfinden, und ein solches „kleineres“ Drama lese ich heraus bei Ihnen, eindringlich, die sind die wesentlich Schwerwiegenderen……weil sie auch nicht nach 45 bzw. 90 Minuten einen Abschluss finden, sondern fortdauern.
    Und mir fallen noch zwei Worte dazu ein: ennui und horror vacui.

    Eindringlich, ein wenig verstörend

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  2. Selbstüberschätzung ist ein erster Schritt in den Wahnsinn und die Ungeduld mit der andersartigen Auffassungsgabe hat immer eine Ursache, die mit eigenen negativen Erfahrungen begründet sein könnte und auch oft der Angst, der andere könne vielleicht am Ende doch klüger sein, als man dachte?

    Was geschieht, wenn einem solch ungeduldigen und aggressiven Zeitgenossen etwas entgegengesetzt wird?
    Es könnte Intelligenz sein, Schlagfertigkeit oder ein freundliches Lächeln, frei nach Götz von Berlichingen…ohne Worte.
    Was, wenn so jemandem auf sein Paket Wut, Desinteresse entgegengebracht wird.
    Im schlimmsten Fall?
    Jobverlust, eins auf die Omme…?
    Wieviel Macht soll ein so Ungeduldiger haben dürfen?

    Die Phantasie ist der Wegbereiter der Zukunft, gut, wenn man sie einschätzen kann, vor allem, wenn es eine derart große ist.

    Lieben Gruß, schön, zu lesen von Dir. Ein leidenschaftlicher Text, zeigt vieles auf.

    Die Karfunkelfee

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  3. Es sind ja doch nur immer die gleichen Buchstaben, würde man meinen, auch die Wörter sind nicht neu, und doch kann man in Schwarzwaldkliniken und anderen Institutionen jahrhundertelang reden und kommt doch nicht annähernd so tief hinein wie es die wenigen Sätze hier tun. Ein wunderbar wuchtiger Text. Danke.

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  4. Diese Wahrheit im Text hätte mir die Knie eingeknickt, hätte ich nicht beim Lesen gesessen! Die Medikamentennamen bereiten bitteres Aufstoßen, viel Widerwillen, gar Ekel. Dagegen setze ich einfach mal zwei Worte: Freiheit. Liebe.

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