Leben

Ich weiß nicht, ob die, die es wissen, mir Recht geben würden, ich weiß es nicht.

Die Verzweiflung, die aufkommt, wenn die Wellen sich glätten und der Spiegel zum Vorschein kommt, der gnadenlos reflektiert, was er vorfindet.
Das pathetische kleine Sein.

Das ist es also?
Das soll es sein?
Leben?

Antreten für die Rechte Anderer, damit diese bald, so wie man selbst, sich im Rausch des Besitzes verlieren können und dafür, ohne einen Moment nachzusinnen, letztes Wissen, letzte Freiheiten opfern?

Bilder malen? Für was, für wen?
Musik komponieren? Zu welchem Zweck?
Straßen bauen? Häuser? Städte? Wozu?

Kinder zeugen? Warum? Aus welchem anderen Grund, als dem, sein eigenes Sein zu verleugnen und endlich, endlich einen Grund gefunden haben, das Nachdenken, warum, zum Teufel, warum man hier ist, etwas Wichtigerem, sieh mir beim Lachen zu, etwas Wichtigerem, als der Frage nach seinem eigenen Daseinszweck zu opfern. Weil es so billig und einfach ist, sich dahinter oder irgend etwas anderem, dem dicken Auto, dem ach so wichtigen Beruf, dem Bankkonto zu verstecken, es als Vorwand zu nehmen, sich ja nicht, nein auf gar keinen Fall, sich näher zu kommen, der Wahrheit schön einen Riegel vorschieben, damit sie schön draussen und wenns denn möglich wäre, möglichst weit weg bleibt.

Was für ein Leben ist das, in dem man tagein, tagaus Fragwürdiges tut, man nennt es Arbeit und dafür, ja was bekommt, um sich was dafür zu kaufen? Sicherheit? Nahrung?
Das soll Nahrung sein, was da aus einer Plastikpackung kommt?
Das soll Brot sein, das da, in einer Bäckerei, ich lache, wenn ich das schreibe, aufgebacken, aufgewärmt wird?

Das ist Leben?
Das zu fressen, was sie einem vorsetzen, was man für Geld kaufen kann?
Nicht einmal, wenn ich wollte, dürfte ich in den Wald und mir ein Reh jagen, einen Hasen, ein Eichhörnchen. Sie würden Jagd auf mich machen und mich die Härte ihrer Gesetze spüren lassen, von Gesetzen, die die Wahrheit verschleiern sollen.

Würde ich mir Weizen anbauen, dann wäre es auch nur der verseuchte Mist, aus dem sie das widerliche Zeugs machen, dass sie mir im Supermarkt oder im Biomarkt als Brot vorsetzen. Für sauberes Korn müsste ich weit reisen.

Wo darf ich leben? Wo darf ich fischen, jagen, mir selbst die eine Hirschlederne machen, die halten wird, bis ich irgendwo tot umfallen und zu Erde werde?

Wo ist das?
Wird es einen Zoo geben, in den sie die einsperren, die zurück wollen, in eine Natur, die es so nicht mehr gibt, weil alles parzelliert und vermessen ist?

Ich will mir ein Fell wachsen lassen oder überziehen und dann spüren, wie es eins wird, mit mir. Ein Bärenfell, dass mich abschirmt von Kälte und Wind und dem Außen.
Die Höhle, in der ich lebe, habe ich mir erkämpft, erstritten, dem anderen geraubt, sie mir zu Eigen gemacht, mit Fleisch und Blut bezahlt, dem des Anderen und dem Eigenen.

Ich wünsch’ mir Wochen der Einsamkeit und dann eine Begegnung mit einem Weibchen, dass wie ich, ausgehungert nach Nähe ist, und ihre Lenden an die meinen drückt, so begierig, sich zu vereinen, um mich dann, satt, befriedigt, am nächsten Morgen aus ihrer ureigenen Höhle zu verstoßen, in die sie mich, später, Tage, Wochen später vielleicht wieder einlassen wird.

Und wenn ich mir in der Zwischenzeit irgendwo eine andere suche oder mir ein Bein breche und elendlich an den Schwären verrecke, was dann? Dann ist es vorbei und ein anderer wird kommen und für mich war es das dann, dann kommen die Fliegen oder vielleicht Größeres und der Verzehr beginnt und weil ich nicht mein Leben lang Dreck gefressen habe, ist das dann für den, der sich an mir den Bauch vollschlägt sogar ein Gewinn, dann war das Sein, das Leben etwas wert, dann hat es einem höheren Zweck gedient und vielleicht hab ich in er Höhle ein wenig meiner Brut hinterlassen, die unter Qualen, fluchend, kreischend hervorgebracht wird, um weiter zu jagen, selbst gejagt zu werden und zu leben. Vielleicht.
Mir wird es gleich sein.
Humus, der ich dann sein werde, ist Leben. Daraus wächst neues Leben.

baer jagt wolf

9 Gedanken zu “Leben

  1. Sie haben das Wesen des Lebens hiermit benannt, lieber Herr Faktoid. Wir werden dahin zurückfallen, also die paar, die diesen Irrsinn der heutigen Form des Lebens überstehen.
    Ich grüße freundlichst, weil manchmal das der einzige Trost sein kann, Ihre Frau Knobloch.

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